Mexikos Canyons Bergwelt der Sierra Tarahumara
Der Name "Sierra Tarahumara" wäre eigentlich zutreffender, denn die rund 64.000 Quadratkilometer große Berglandschaft mit ihren 200 Schluchten, die sechs gigantische Canyons formen, ist die Heimat der Tarahumara-Indianer. Das Volk von derzeit noch etwa 50.000 Höhlen- und Klippenbewohnern hat sich lange gegen die Zivilisation der europäischen Eroberer abgekapselt und seine Identität bewahrt.
Auch wenn die Zeit der vollkommenen Abgeschiedenheit vorbei ist, viele Bewohner der Region leben weiter zurückgezogen und in großer Armut. Pragmatisch verkauft ein Indianer-Paar mitten in dem von Barrieren, Zäunen und Toren absolut freien Wald für 13 mexikanische Pesos (1,58 Euro/3,08 Mark) "Eintrittskarten" zum Cusarare-Wasserfall - im Namen des "Komitees für die Bewahrung der Naturschätze". Am Rande des Pfades bieten Indianerinnen ihre gewebten, getöpferten und geschnitzten Kunsthandwerke an.
Die Westernstadt Creel ist von Chihuahua aus, der Hauptstadt des gleichnamigen mexikanischen Bundesstaates, über eine Asphaltstraße zu erreichen. Die grandiose zerklüftete Landschaft erschließt sich dem Reisenden aber immer noch am besten auf dem Schienenweg. Von Los Mochis, einer Küstenstadt am pazifischen "Mar de Cortez" im Staat Sinaloa, aus windet sich ein fast 650 Kilometer langer Eisenstrang durch das Gebirge bis Chihuahua, die "Chihuahua-Pacifico-Railroad".
Schon 1872 träumte der Amerikaner Albert Kinsey Owen von einer Frachtroute von Kansas City in den USA zum Pazifik. Fertig gestellt wurde die Chihuahua-Pacifico-Railroad allerdings erst im Jahre 1961. Schuld daran waren unter anderem das schwierige Terrain und Unterbrechungen durch Ereignisse wie die mexikanische Revolution und den Zweiten Weltkrieg. Die heutigen Bahnreisenden passieren mit dem Zug 39 Brücken und 86 Tunnel. Einmal winden sich die Schienen sogar mit 360 Grad um ein Tal.
Eine Abenteuerreise ist die Fahrt in den klimatisierten Wagen der "Chihuahua al Pacifico" oder dem luxuriöseren "South Orient Express" nicht mehr. Aber die Anwesenheit von Sicherheitspersonal zeigt, dass es immer noch ein Wagnis sein kann - die Wachleute wurden erstmals nach einem Raubüberfall auf den Zug vor einigen Jahren eingesetzt.
Anstrengend wird der Trip vor allem durch die Widrigkeiten des "Fahrplans". So kann sich der Zug durchaus stundenlang verspäten - etwa, weil starker Regen das Schienenbett unterspült oder durch einen Erdrutsch ein Hindernis entstanden ist.
An mehreren Stellen ist Gelegenheit, die Reise zu unterbrechen. 15 Minuten lang hält der Zug am Aussichtspunkt Divisadero, der ein Atem beraubendes Panorama darbietet. Mit Andenken- und Imbisshändlern ist er zugleich ein pulsierenden Stück mexikanisches Leben. Am Divisadero, der Station Posada Barrancas und in Creel stehen Hotels für einen längeren Aufenthalt bereit. Von dort kann der Reisende tiefer eintauchen in die Welt der Schluchten, in der noch Bären, Raubkatzen sowie 87 Reptilien- und 290 Vogelarten heimisch sind.
Die beste Zeit für eine Reise in die Kupfer-Canyons ist der Herbst nach dem Ende der Regensaison, doch auch der Frühling eignet sich gut für eine Visite bei den Tarahumaras. Es empfiehlt sich, die Zugreise entweder in Los Mochis oder in der kleinen Stadt El Fuerte zu beginnen. Der Vorzug El Fuertes: Dort kann man ausschlafen, ehe man den Zug besteigt.