Minneapolis-St. Paul: Mit der Achterbahn zum Einkaufen - DER SPIEGEL
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Minneapolis-St. Paul Mit der Achterbahn zum Einkaufen

Im größten Einkaufszentrum der USA wäre Platz für 32 Jumbo-Jets. Ein eigener, überdachter Freizeitpark mitten im Kaufhaus besorgt den Kick für diejenigen, denen der Kaufrausch nicht genug ist.
Von Helge Sobik
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Zeiten, als die Rolltreppen der letzte technische Schrei eines Kaufhauses waren, sind in der "Mall of America" im US-Bundesstaat Minnesota längst vergessen: Hier rauscht eine Achterbahn mitten durchs Mega-Kaufhaus. Wer mitfahren will, zahlt vier Dollar. Und wem das zu unoriginell ist, der kann ersatzweise im (Kunststoff-)Einbaum durch die Stromschnellen einer Wildwasserbahn sausen und so zur Sturzfahrt Richtung Erdgeschoss starten oder im Riesenrad das bunte Treiben von oben verfolgen: alles unter einem riesigen Dach aus Glas und Stahl, alles mitten im größten Einkaufszentrum der USA gleich vor den Toren der Millionenstadt Minneapolis-St. Paul.

Die "Mall of America" lässt dann auch ganz nach den Regeln des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten die Rekorde nur so purzeln: Das dreistöckige Einkaufzentrum ist so groß, dass 32 Jumbo-Jets Boeing 747 darin Platz hätten. Der Petersdom aus Rom würde, so haben Statistiker errechnet, 20-mal hineinpassen, der Moskauer Rote Platz fünfmal. Die doppelte Stahlmenge des Eiffelturms wurde hier verbaut. 650 Millionen Dollar hat dieser größte Shoppingkomplex der ohnehin superlativwütigen USA gekostet.

Ein Rekord aber überraschte selbst die Macher dieses Einkaufsereignisses: Die Mall zählt pro Jahr über 40 Millionen Besucher - mehr als Disney World in Florida. Knapp 20 Milliarden Dollar werden hier jedes Jahr umgesetzt - ein Großteil davon aus den Portemonnaies ausländischer Besucher, die für ein paar Stunden dem ungezügelten Shoppingwahn verfallen und die Kreditkarte heißlaufen lassen.

Handbemalte Tassen, Designer-Teller, jahreszeitlich abgestimmte Socken (zum Beispiel mit Kürbis-Motiven passend zu Halloween), Zeichentrickfiguren aus Plastik, Fotozubehör, allerneueste Computerspiele, brandaktuelle Musik-CDs, Berge preiswerter Kleidung: Die Tüten der Mall-Besucher sind im Handumdrehen prall gefüllt. Wer Muskelkater vom Schleppen bekommt, findet im Erdgeschoss Trost. Dort gibt es Hunderte Schließfächer an jedem Eingang - und gleich nebenan einen Airline-Schalter, falls jemand umbuchen und den Rückflug noch ein paar Tage hinausschieben will.

Eine Erhebung des US-Wirtschaftsministeriums hat ergeben, dass Touristen in den USA etwa ein Drittel ihres Urlaubsbudgets für Einkäufe ausgeben. Weil der internationale Flughafen von Minneapolis, wiederum einer der aufkommensstärksten Airports Amerikas, nur fünf Fahrtminuten entfernt ist, bietet sich gleich die nächste Verrücktheit an: Japaner schweben mit Begeisterung ausschließlich zum Shopping hier ein, kaufen bis zum Umfallen und fliegen mit reichlich Übergepäck noch am selben Abend zurück nach Fernost. Preiswerte Spezialangebote der Airlines machen es möglich.

Dabei ist nicht einmal ausgeschlossen, dass der komplette USA-Trip einschließlich Flug und aller Einkäufe am Ende deutlich billiger ist als genau dieselben Besorgungen in den Geschäften Tokios zu machen. Obendrein wird in Minnesota im Gegensatz zu den meisten anderen US-Bundesstaaten keine Mehrwertsteuer auf Kleidung erhoben.

Die dreigeschossige Mall umfasst alles in allem 520 Geschäfte, knapp 50 Cafés und Restaurants, acht Nachtclubs, diverse Kinos, knapp drei Kilometer Shopping-Arkaden mit sieben Kilometer Schaufensterfront. 12.000 Menschen arbeiten hier, und geöffnet ist täglich von zehn bis 21.30 Uhr, sonntags 11-19 Uhr. Alles, was in den USA Rang und Namen hat, ist hier vertreten: Die Kaufhausketten "Sears", Macy's und Bloomingdale's , dazu Markenartikler und Boutiquenketten von GAP bis Levi´s Store, von Banana Republic bis Guess.

Wer es verrückter will, kann im Erdgeschoss Plüschtiere kaufen, die er dort selber mit Schaumstoff oder Federn stopfen kann. Der letzte Schrei für US-Kinder: Teddybären zum Selbermachen - Plüschhüllen, denen die Kids mit wichtigem Blick und Doktorgehabe Leben einhauchen.

Wer Hunger hat, kauft nebenan Süßigkeiten: Ein Geschäft bietet nichts anderes als Schokolade mit mehr als zwei dutzend verschiedener Nusssorten aus aller Welt an. Wer dagegen auf Science-Fiction steht, kann im ersten Stock aufwendig gerahmte, handsignierte und nummerierte Fotos der Enterprise-Größen ab 149,90 Dollar erstehen und wird feststellen, dass Spock ungefähr doppelt so teuer ist wie Captain Kirk. Auch an all diejenigen ist gedacht, die sich vom Kaufrausch zu Kurzschlusshandlungen verleiten lassen: In einer Hochzeitskapelle kann man sich noch im Konsumtempel das Jawort geben. 270 Paare tun das pro Jahr.

Ein Schild am Bettenladen im zweiten Stock wirbt mit Zahlungsaufschub: "Heute kaufen, aber erst nach 90 Nächten zahlen." Ein junges Paar entspannt sich schon mal beim Probeliegen und lässt sich von den Blicken durch die Schaufensterfront nicht stören. Nicht weit davon bietet der "Barbie Shop" alles rund um die Kult-Puppe: nur Barbie und Pendant Ken, nichts anderes. Eine Putzfrau fegt unterdessen mit rosa Borstenbesen die Blätter der Deko-Pflanzen an der Galeriebrüstung sauber. Vom Trubel drum herum bleibt sie unbeeindruckt. Der Sheriff in Uniform strahlt mit großen Augen auf die Autorennbahn im Fenster eines Spielwarengeschäftes. Und der Verkäufer im Comic-Store bemerkt seine Kunden gar nicht erst: Er verschlingt hinter der Kasse ein neues Werk, lacht laut über Batmans Abenteuer. Seine Umgebung hat er vollständig vergessen.

Hollywood-Star Sylvester Stallone kommt regelmäßig hierher: "Dieses Einkaufszentrum ist das achte Weltwunder! Was Las Vegas für's Spielen ist, das ist Minneapolis fürs Shoppen!"