Mongolei: Allein durch die Wüste Gobi - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Mongolei Allein durch die Wüste Gobi

Schon als Kind träumte er von Dschingis Khan, dem kühnen Eroberer und Reiter, doch erst mit 60 Jahren lernte er die Mongolei kennen: Im Interview berichtet Rolf Bölling über stoische Kamele, Kompass-Hunde, Nomadenhochzeiten und wie die Murmeltierpest ihm auf den Magen schlug.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ist man mit 60 noch jung genug für ein Wüstenabenteuer?

Rolf Bölling:

Na klar. Und mit meiner extremen Reise wollte ich beweisen - auch mir selbst -, dass man noch keineswegs zum alten Eisen gehört.

Wie haben Sie sich vorbereitet?

Bölling: Mit einem Survival-Training. Dabei lernte ich zum Beispiel, wie ich mich im Falle eines Schlangenbisses zu verhalten hätte. Deshalb befand sich dann ein Skalpell in meinem Gepäck. Natürlich habe ich auch mit Leuten gesprochen, die vor mir in der Gobi waren.

Waren Sie aufgeregt, als Sie abflogen?

Bölling: Ich war gespannt. Etwas Angst hatte ich auch, aber nur vorm Fliegen.

Wie kamen Sie in die Wüste Gobi?

Bölling: Ein Kontaktmann des Reiseveranstalters holte mich in der Hauptstadt Ulan Bator ab. Mir standen ein Jeep und ein Fahrer zur Verfügung. Zeitweise war auch eine Dolmetscherin dabei. Von Ulan Bator bis in die Wüste sind es dann noch knapp 250 Kilometer. Die Landschaft ist berauschend schön. Ein Land voller Gegensätze. Über 80 Prozent der Gobi sind Steppe, der Rest ist Stein- und Sandwüste.

Während der Sand nachts sehr schnell abkühlt, speichert die felsige Steppe die Wärme noch lange. Aus diesem Grunde habe ich meist in der Steppe übernachtet. Dort gibt es zwar Schlangen, aber gebissen hat mich keine. Außerdem leben in der Gobi angeblich zwei Millionen Murmeltiere, Geier, Wölfe, Füchse, Antilopen und Wildpferde. Als Reittiere haben mich besonders Yak und Kamel beeindruckt. Ich bin fünf Tage auf einem Kamel geritten.

Wie kamen Sie denn auf diese Idee?

Bölling: Ich wollte es einfach mal probieren, und ich konnte mir ein Kamel bei einer Familie ausleihen.

Einfach so, ohne Vorbereitung?

Bölling: Ich habe zwei, drei Stunden mit dem Tier geübt. Es sollte sich schließlich nach meinen Kommandos richten. Die wichtigsten Befehle habe ich mir in Lautsprache auf einen Zettel geschrieben. Eins steht fest: Das Schimpfwort "du dummes Kamel!" trifft nicht zu. Kamele sind intelligente Tiere.

Sie waren also ein gutes Team?

Bölling: Nun ja, gleich am ersten Tag gab es ein Problem. Ich wollte kampieren und befahl dem Tier, stehen zu bleiben. Das tat es, und ich warf meinen Rucksack auf den Boden. Erst da fiel mir ein, dass sich der Zettel mit den Kommandos, auch dem für "Hinsetzen", darin befand. Das Kamel blieb geschlagene zwei Stunden auf derselben Stelle stehen, bevor es endlich in die Knie ging. Bei 40 Grad Hitze.

Warum sind Sie nicht einfach abgesprungen?

Bölling: Zu hoch. Ich hatte Bedenken, mir den Fuß zu verstauchen. Oder das Tier so zu erschrecken, dass es mit meinem Gepäck durchgehen würde.

Gab es weitere nennenswerte Zwischenfälle?

Bölling: Gleich am Anfang trat das Kamel auf den Rucksack, und der Kompass war hin. Ich wäre also ohne Orientierung gewesen. Aber der Kamelverleiher gab mir einen Hund mit und sagte: "Er kommt nach fünf Tagen wieder nach Hause." Tatsächlich haben wir - der Hund, das Kamel und ich - problemlos zurückgefunden.

Haben Sie unterwegs Menschen getroffen?

Bölling: Ab und an habe ich mich bei Nomadenfamilien nach dem Weg erkundigt. Deren Gastfreundschaft ist überwältigend. Zur Begrüßung wurde Airag gereicht, gegorene Stutenmilch. Alternativ gab es Schnaps aus Kamel-, Lamm- oder Ziegenmilch. Als kleine Geschenke hatte ich für die Männer Schnupftabakdosen, für die Frauen Seife und für die Kinder Bonbons dabei.

Was hat Sie auf Ihrer Tour besonders beeindruckt?

Bölling: Ich war Gast bei einer Nomadenhochzeit. Als ich zusammen mit Fahrer und Dolmetscherin ankam, warteten die Menschen schon auf mich, denn ich war der Ehrengast. Nach der Begrüßung wurde ich in eine Jurte geführt, wo es Lammfleisch und Wodka aus großen chinesischen Schüsseln gab. Der Braut schenkte ich eine Jacke als Symbol für Schutz. Der Bräutigam bekam ein Jagdmesser, ein Zeichen für ausreichendes Fleisch. Dazu gab es fünf Matchbox-Autos im Hinblick auf gesunden Nachwuchs.

Ist Ihnen der Wodka gut bekommen?

Bölling: Bestens. Nur der Murmeltierbraten ist mir auf den Magen geschlagen. Auf der Poststation las ich später, dass gerade die Murmeltierpest grassierte.

Mehr lesen über