Montag, 5. Mai Zerfetzte Zelte und eine Spurensuche
Der heftige Sturm in der Nacht von Samstag auf Sonntag ist bis heute das Gesprächsthema der deutsch-schweizerischen Mount-Everest-Expedition. Eike Mrosek, Roland Brand und Frank Everts befanden sich auf Lager 3 in einer Höhe von 7300 Metern, als der Sturm einsetzte. Mit mehr als 120 Stundenkilometern blies der heftige Wind durch die Lhotse-Flanke. Die drei Bergsteiger hatten sich im Zelt verschanzt und hofften, dass sich der Sturm bald legt. Doch am Morgen tobte der Sturm unverändert weiter.
Der Wind schien den ganzen Schnee der Lhotse-Flanke in Richtung Zelt der drei Bergsteiger zu wehen. Nur die oberen 30 Zentimeter bis zum Dach des Zeltes blieben zunächst schneefrei. Die Everest-Bergsteiger ließen es nicht darauf ankommen. Sie klopften immer wieder an die Zeltwand, so dass die kleine Behausung nicht ganz vom Schnee begraben wird.
Eine außergewöhnliche Nacht am Everest. Eine Nacht, mit der aber jeder rechnen muss, der den höchsten Berg der Erde besteigen will. Die übrigen vier Bergsteiger des deutsch-schweizerischen Teams verbrachten die Nacht knapp tausend Meter tiefer im Lager 2. Dort war es nicht weniger stürmisch, dafür aber weniger gefährlich. Denn die Zelte auf Lager 3 stehen auf einer kleinen Plattform, welche die Sherpa in die Eisflanke hineingehackt hatten. Die Zelte werden an dieser Stelle besonders sorgfältig verankert. Aber alleine die Vorstellung, dass sich ein Zelt lösen und zusammen mit den Insassen die Flanke hinunterrutschen könnte, sorgte nicht gerade für eine gemütliche Nachtruhe.
Über eine Sache hat sich Tom Zwahlen besonders geärgert. Bei zwei Zelten in Lager 1 hat der Wind die Stangen komplett zerbrochen. "Die Zelte haben die heftigsten Stürme in Alaska ausgehalten", sagt der technische Leiter der Expedition. Als er die kaputten Unterkünfte abbaute, entdeckte er, dass die Eingänge der beiden Zelte nicht geschlossen waren. Dadurch konnte der Wind durchs Zelt fegen und es zerstören. Im Zelt fand Tom Zwahlen einen Tampon und ein Tube Flüssignahrung mit japanischen Schriftzeichen.
Es ist nicht üblich, aber es kommt immer wieder vor, dass Expeditionsteilnehmer nachts die Zelte verwechseln oder zu müde sind, ihr eigenes zu suchen. Manche Bergsteiger sind so dreist, dass sie erst gar keine aufbauen. Sie verlassen sich darauf, dass in jedem Lager eins frei ist. "Wenn sie schon bei uns übernachten, dann hätten sie wenigstens die Reißverschlüsse zumachen können, dann wären die Zelte noch ganz", ärgert sich der Schweizer Bergführer.
Heute haben die kräftigen Winde morgens nachgelassen, um dann gegen Nachmittag wieder einzusetzen. Auch im Basecamp gab es kleine Verluste. Das Schlafzelt der Betreiber des Internetcafé brach völlig zusammen. Im Camp des deutsch-schweizerischen Teams sind ebenfalls ein paar Stangen bei den Zelten der Sherpa gebrochen. Die nehmen das nicht weiter tragisch. In anderen Camps würfeln die Sherpa bereits um ihre sauer verdienten Rupies. Viel schlimmer ist, dass die Stange am Altar, an dem die Gebetsfahnen und die Flaggen der Schweizer, der Bayern und der Badener hängen, umgeknickt ist. Dave, der Küchenjunge, stellte die Stange jedoch so schnell wieder auf, dass die Götter nicht böse sein können.