Mount St. Helens Klettertour auf einer Zeitbombe
"Der Berg lässt mich nicht los", sagt die alte Dame während sie noch einmal ihren Wasservorrat checkt. Sieben Liter schleppt sie mit, fünf für den Auf-, zwei für den Abstieg. Um schon bei Morgengrauen auf dem Trail zu sein, hat sie unweit von dem Nest Cougar auf dem Parkplatz Climbers Bivouac am Trailhead kampiert. Denn der Pfad hinauf zum Krater hat es in sich.
15 Kilometer hin und zurück, an und für sich kein Problem - wäre die Steigung nicht. "Dieser Berg ist ein einziger Stairmaster", sagt die Dame zwischen zwei Dehnübungen. 50 Mal sei sie schon oben gewesen. Ein paar College-Studenten aus Portland sind gerade aufgebrochen, eine lärmende, 50 Jahre jüngere Truppe in Sandalen, Shorts und T-Shirts.
Vor dem Jahrestag der Katastrophe: US-Vulkan spuckt Gas und Asche
Warum tut sie, die fast Siebzigjährige, sich das immer wieder an? Was hat dieser Berg, das sie ihn immer wieder unter die Stiefel nehmen muss? Sie kratzt sich am Ohr. "Keine Ahnung. Jedenfalls nicht nur wegen der Fitness." Sagt's und schultert den Rucksack. Sekunden später verschwindet sie im Wald.
Seit 1980 ruht der Vulkan - aber er schläft nicht
Vielleicht ist es der Nervenkitzel, dass dieser Vulkan seit 1980 immer wieder rumort. Am 18. Mai jenes Jahres, um 8.32 Uhr, explodierte der Berg - nachdem er mehr als 100 Jahre lang ruhig geblieben war. Es war der schlimmste Vulkanausbruch in der Geschichte der USA. Die oberen 400 Meter des 2949 Meter hohen St. Helens flogen in die Luft. Dann raste die größte je beobachtete Lawine zu Tal: Noch in elf Kilometer Entfernung fegte sie über 400 Meter hohe Hügel.
Die Druckwelle bewegte sich knapp unter Schallgeschwindigkeit nach Norden, 600 Quadratkilometer Wald mähte sie nieder. Dann schickte der Berg Schlammlawinen: 27 Brücken wurden von den talwärts rauschenden Geröllmassen weggerissen. 300 Kilometer Straße verschwanden.
Eine Aschewolke stieg auf, wie sie der Kontinent noch nicht gesehen hatte: Schon 30 Minuten nach dem Ausbruch maß sie 64 mal 48 Kilometer und bewegte sich mit 100 Stundenkilometern nach Osten, wo sie in den Präriestädtchen den Tag zur Nacht machte.
57 Menschen starben an diesem Tag am St. Helens - trotz der isolierten Lage im dünn besiedelten Südosten des Bundesstaates Washington, trotz aller Warnungen von Experten, die den Berg bereits nach dem ersten Grollen drei Monate zuvor rund um die Uhr beobachtet hatten. Zehn Kilometer weiter nördlich beobachtete der Geologe David Johnston von einer 380 Meter hohen Anhöhe aus das Spektakel. "Vancouver, Vancouver, this is it.." waren die letzten Worte, die er seiner Zentrale funkt, dann riss die Lawine seinen Posten weg. Das Inferno dauerte den ganzen Tag.
Seit 1986 darf der Berg wieder bestiegen werden. Doch zunächst sieht der Wandersmann den Gipfel gar nicht, der vor 1980 so perfekt geformt war, dass man ihn "Amerikas Fujijama" nannte. Die ersten drei Kilometer ähnelt der Pfad eher einem Spazierweg durch einen botanischen Garten. Der Wald ist so dicht, dass jedes Geräusch darin verschluckt wird. Bächlein plätschern, überall liegen umgekippte, moosgepolsterte Baumriesen herum. Doch dann ändert sich das Bild abrupt. Der Wald gibt den Blick auf grauschwarze Lavafelder frei, die bergan in den dicht darüber hängenden Wolken verschwinden. Schluss mit Romantik. Der Berg zeigt sein Gesicht.
Kletterer kommen herunter - auf dem Hosenboden
Bei 1460 Metern ist die Baum- und die Wolkengrenze erreicht. Im Süden tauchen zwei weitere kegelförmige Berge aus der weißen Watte auf, Mt. Adams und Mt. Hood. Vier Kilometer noch zum 1000 Meter höher liegenden verdeckten Krater. An einer 40 Meter hohen Lavageröllhalde beginnt die Monitor Ridge. Zwischen Lavabrocken gerammte Holzlatten markieren den Pfad. Schon bei 1650 Metern verdient der Weg den Namen nicht mehr. Man hievt sich, die beste Route suchend, von Lavabrocken zu Lavabrocken. Der Grat ist eine Strapaze. Kurz nach dem Ausbruch bepflanzten ihn die Geologen mit Laser-Meßgeräten, um instabile Partien am Hang rechtzeitig zu orten.
Jetzt trennt er die Spreu vom Weizen. Man überholt andere Kletterer, wird selbst überholt, einmal sogar von rüstigen Senioren. Die ersten Kletterer kommen bereits wieder herunter - auf dem Hosenboden, die Schneezungen beiderseits der Monitor Ridge talwärts rutschend. Bei etwa 2100 Metern gehen die scharfkantigen Lavabrocken in Bimssteingeröll über. 400 Höhenmeter noch, da oben, die horizontale Linie, das ist das Ziel. Die letzten Meter sind die härtesten. Kraft und Wille reichen nur zehn Schritt, dann schreit der Körper nach der nächsten Atempause.
Doch kurz vor dem Gipfel schiebt sich der Kraterring ins Bild. Ein gigantisches U, dessen größte Ausdehnung 3,2 Kilometer misst. Zuletzt steht man mit zitternden Knien auf der nur wenige Schritte breiten Kraterkante. Der Blick stürzt 600 Meter tief in eine trostlose Welt aus Asche und Geröll, aus der Dämpfe aufsteigen.
Die gegenüberliegende Nordseite der Caldera existiert nicht mehr: Durch ein gigantisches Loch blickt man hinab auf die Mondlandschaft des oberen Toutle Valley und hinüber zum zwölf Kilometer entfernten Spirit Lake. Am Horizont: Mt. Rainier, 80 Kilometer entfernt. Ihn beobachten die Geologen seit 1980 besonders scharf. Denn auf der anderen Seite liegt Seattle, nur einen Steinwurf entfernt. Die alte Dame vom Parkplatz, sie ist schon längst hier oben, bereitet sich auf den Abstieg vor. Sie hat sich für dieses Mal satt gesehen und strahlt. "Man fühlt sich wie auf einem leer geblasenen Ei, right?"