Namibia: Dem Nashorn auf der Spur - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Namibia Dem Nashorn auf der Spur

Im Nordwesten Namibias hat die Zivilisation noch wenig Schaden angerichtet. Die abgeschiedene Wildnis ist ein Eldorado für Safari-Fans.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Gebüsch lauern anderthalb Tonnen schwer gepanzerte Aggression. Ein leichter Wind weht herüber, streift sachte über den rostroten Felsschutt und weht den Sand weg, den Wildhüter Johannes durch seine Finger rieseln lässt. Das ist gut so: Die Windrichtung stimmt, und das Nashorn wird die Gäste nicht wittern. Gegen den Wind kann sich die Gruppe noch ein paar Schritte näher an den Koloss heranschleichen - Nashörner sind so gut wie blind. Dafür können die grauen Riesen ausgezeichnet hören und riechen. Wenn jetzt der Wind dreht, haben die Safari-Teilnehmer ein Problem.

Seit Anfang der achtziger Jahre hat sich die Zahl der frei lebenden Nashörner in Namibia mehr als verdoppelt. Mit rund 120 Tieren lebt hier die weltweit größte Population außerhalb proklamierter Schutzgebiete. Dieser Erfolg ist maßgeblich dem "Save The Rhino Trust" (SRT) in Swakopmund zuzuschreiben. Seine rund 40 Mitarbeiter beobachten und beschützen die Nashörner in dem riesigen und unerschlossenen Nordwesten Namibias.

Stundenlang quält sich der Wagen durch eine bizarre Landschaft aus Gesteinstrümmern, Kegelbergen und Schieferformationen. Plötzlich wird die Anspannung des scheinbar dösenden Fährtenlesers deutlich: "Halt an!" Er springt aus dem Auto, geht in das sandige Flussbett und nimmt einen Dunghaufen in die Hand. "Es ist noch feucht, also war das Nashorn erst eben hier." Mattheus, ein anderer Wildhüter, hat inzwischen die Spur gefunden. Im Sand ist der Rhino-Abdruck auch für Laien erkennbar.

Was die beiden einheimischen Wildhüter jetzt schaffen, lässt die auswärtigen Besucher staunen: Die Fährte verliert sich auf der Schotterfläche und quert mehrfach blanken Fels. Dennoch haben die beiden Einheimischen die Spur aufgenommen und folgen ihr im Laufschritt. Es ist unglaublich heiß. An Nashörner und die wundersame Wüstenlandschaft denkt kaum mehr einer der Gäste - nur noch ans Trinken. Doch das bisschen Wasser muss für alle reichen und bleibt rationiert.

Was tun? Laufen?

Dann erspähen Johannes und Mattheus das Tier. Es liegt im Schatten eines Busches und schläft - keine 20, 30 Meter weit weg. Das Auto hingegen ist gut zwei Stunden Fußmarsch weit entfernt. Wo soll man hinlaufen, wenn der Koloss die Menschen gewittert hat. "Laufen? Du sollst nirgendwo hinlaufen! Bleib ruhig stehen. Das Nashorn hält dann kurz vor uns an."

Glücklicherweise hält sich auch das Nashorn an die Anleitung. Es schnaubt böse, dreht den Kopf und wackelt mit seinen kleinen Ohren. Es schnuppert, es lauscht - aber dann trottet es von dannen. Als das Tier weit genug weg ist, gibt Johannes Entwarnung: aufstehen, durchatmen, trinken.

Die beiden Fährtenleser tun ihre Arbeit: In der Umhängetasche hat Mattheus allerlei Unterlagen und einen Erfassungsbogen verstaut. Er notiert, um welches Nashorn es sich handelte, wo es gefunden wurde, wie sein Allgemeinzustand war. Johannes macht schnell noch ein Foto, für die Kartei.

Johannes und Mattheus sind da draußen eine Lebensversicherung. Sie wissen, wo sie gerade sind und wie man wieder aus dieser wegelosen Einsamkeit zwischen den beiden Tälern der mächtigen Trockenflüsse Huab und Ugab herauskommt. Die Nashörner können nicht auf eigene Faust gesucht werden. Das ist auf Grund der abgeschiedenen Lage gefährlich und ohnehin aussichtslos.

Mühsam quält sich der Allradwagen durch den tiefen Sand des Goantagab, einem Nebenfluss des Ugab. In der Ferne schimmert Mount Brandberg im Licht der späten Nachmittagssonne. Nun breitet sich zwischen den Tafelbergen ein endloses Nichts aus, angefüllt nur durch kopfgroße Basalttrümmer, ein paar Büsche, ein bisschen Gras und hin und wieder eine Quelle. Trotz dieser Dürre ist das Damaraland mit seinen oasenhaften Trockenflussbetten ein Tierparadies ohne gleichen. Elefanten gibt es hier, sogar Löwen.

Namibias Nordwesten braucht keinen Zaun. Die Gegend ist zu wild und zu abgeschieden, als dass die Zivilisation dort nennenswerten Schaden hätte anrichten können - bisher. Es ist die letzte Wildnis im südlichen Afrika. Orte und Straßen existieren so gut wie nicht. Wer dort unterwegs ist, braucht einen vollausgerüsteten Geländewagen mit Hunderten Litern Sprit und Wasser.

Die Zelte sind etwas erhöht am Ufer des Goantagab errichtet. Einige Gäste sammeln Holz, schnell lodern die Flammen und spenden dem vergehenden Tag ein bisschen Licht. Die Steaks brutzeln auf dem Rost, das kalte Bier aus den Kühlboxen bringt die ersehnte Erfrischung nach diesem staubigen und heißen Tag unter der erbarmungslosen Sonne Namibias. Die Sterne stehen klar und deutlich am Himmel, die Savanne verströmt ihren würzigen Duft, der Wind weht Tierstimmen herbei. Das ist der Nordwesten Namibias, das ist ganz weit weg vom Rest der Welt.


Informationen

  • Namibia Tourism, Schillerstraße 42-44, 60313 Frankfurt, Tel. 069-1337360, Fax 069-13373615
  • Desert Adventure Safaris (DAS), Swakopmund, Namibia, Tel. 00264-64-404459, Fax 00264-64-404664, E-Mail dassaf@iafrica.com.na

DAS bietet eine fünftägige Nashorn-Tour ab Swakopmund an, die zusammen mit Spezialisten des SRT ausgerichtet wird. Übernachtet wird in komfortablen Zelten oder auf der Palmwag-Lodge, die mitten im Nashorn-Land liegt. 25 Prozent des Reisepreises überweist DAS dem "Save the Rhino Trust", der mit dem Geld die Wildhüter ausrüstet und bezahlt. Die Tour mit drei Übernachtungen ist für Gruppen ab vier Personen zu buchen und kostet pro Kopf einschließlich Verpflegung 6330 namibische Dollar, umgerechnet rund 1880 Mark.

Oliver Abraham, gms