Neufundland: Kanada in Zeitlupe - DER SPIEGEL
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Neufundland Kanada in Zeitlupe

Die "Newfies" sind so etwas wie die Ostfriesen Kanadas. Sie leben auf einer dünn besiedelten Insel. Kauzigkeit ist hier ein Markenzeichen, E. Annie Proulx hat das in ihrem Roman "Schiffsmeldungen" unnachahmlich beschrieben.
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Jim Bessy ist verblüfft. So verblüfft, dass er seinen bulligen Chevrolet-Geländewagen abbremst. Wir kommen gerade von einem Dämmer-Trip zurück, auf dem uns Jim ein paar Elche gezeigt hat.

Dann war er ins Schwärmen geraten über Neufundland. Und nun haben wir ihm erzählt, dass bei uns zu Hause alles ein wenig anders sei. Zum Beispiel darf man nicht einfach in den Wald gehen, Bäume fällen und sich eine Hütte zimmern; und man darf auch nicht einfach eine Flinte nehmen und lospirschen. Jim schüttelt ungläubig den Kopf. "Germany must be crazy."

Aus der Sicht eines Neufundländers bestimmt. Die wild gezackte Insel vor Kanadas Ostküste wird geprägt von schier endlosen Wäldern, unzähligen Seen und einem rauhen Klima. Bis in den Juni dümpeln Eisberge vor der Küste, der kurze Sommer endet im September, und mehrere Meter Schnee noch im März sind keine Seltenheit. Die Natur regelt den bedächtigen Lebensrhythmus auf Neufundland. Wenn es stimmt, dass Kanada wie "USA in Zeitlupe" ist, dann ist Neufundland eine Zeitlupenstudie Kanadas.

"Newfies" sind die Ruhe selbst - Hektik ist eine Rarität, ebenso Kriminalität. Die meisten Autofahrer lassen sogar den Zündschlüssel stecken, wenn sie aussteigen. Ein Hauch von Geschäftigkeit weht lediglich durch St. John's. Vor gut hundert Jahren war die Hauptstadt im Osten der Insel noch Nachrichtenknotenpunkt zwischen Amerika und Europa. Hier endete das Transatlantikkabel, hier empfing 1901 der Italiener Marconi die ersten transatlantischen Funksignale. Heute berichten nur noch die Reiseführer von der einstigen Bedeutung.

St. John's ist keine wohlhabende Stadt mehr, seit die Kabeljau-Fänge immer mickriger werden. Und vom Verkauf der Tiefseekrabben und Hummer können nur wenige Fischer leben. Doch "Newfies" gelten nicht nur als gewitzt, sie sind es. So begann eine Firma, Eisberge zu fischen.

Die riesigen Eiswürfel vor der Küste werden zerkleinert, geschmolzen, mit Sauerstoff vermischt, und schließlich wird die so gewonnene Flüssigkeit in Wodka gekippt. Das Resultat heißt "Iceberg-Vodka" und gilt als In-Drink in den Bars der US-Ostküste.

Berauschend für Neufundland-Besucher sind die immer neuen Naturerlebnisse. Wie etwa an Bord des "Whale-Watching-Boat" von Joe O'Brien: Der irischstämmige Kapitän gibt zwar kein Wal-Versprechen, aber eine Wal-Party, als wir aus der Bucht von Bay Bulls auslaufen.

Joe schmettert irische Folksongs ins Bordmikrofon und tanzt über die Planken. Zwischendurch erläutert er den Passagieren das Programm. "Erst fahren wir zu den Vogelinseln, dann sehen wir uns Eisberge aus der Nähe an, und zum Schluss suchen wir einen Wal."

Punkt drei ist der heikelste, doch als Herb, der bereits mehr als 40 solcher Törns mitgemacht hat, "whale ahead" brüllt, ist der Ausflug perfekt. Der etwa 30 Meter lange Buckelwal bläst, hebt erst seinen Rücken aus den Fluten und schließlich die Schwanzflosse. Hektisch werden Kameras vor die Augen gehievt, die Auslöser klicken im Sekundentakt. Neufundland steckt voll solcher atemberaubender Motive.

Im Gros-Morne-Nationalpark etwa, der von einem Fjord-Labyrinth, ocker glänzenden Tafelbergen und kleinen Fischerorten geprägt wird. Besucher mit Spürsinn finden hier auch zwei kulinarische Juwelen Neufundlands: das Fischrestaurant in Trout River und das "Sugar Hill Inn" in Norris Point.

Im Nationalpark beginnt auch der "Viking Trail", der an der Westküste entlang bis zum "Nordkap" Neufundlands führt. Die Labrador-Drift schwemmt hier im Winter Eisberge, im Sommer Treibholz an. Auch Wikinger schaukelten vor rund 1000 Jahren in diese Bucht und betraten hier erstmals amerikanischen Boden. 1960 begann der Norweger Helge Ingstad in L'Anse aux Meadows mit Ausgrabungen und förderte die Reste einer Siedlung ans Licht. Der wellige Küstenstrich, auf dem jetzt ein kleines Museum und die Nachbildungen zweier Wikinger-Langhäuser stehen, wirkt so unverfälscht, dass man sich über das Auftauchen eines Drachenbootes am Horizont kaum wundern würde.

Im Westen ragt die Küste Labradors auf. 20 Flugminuten entfernt dehnt sich dort eine noch grenzenlosere, noch einsamere Landschaft bis in die Polarregion aus. Der Süden Labradors ist spärlich besiedelt. Es gibt nur eine befestigte Straße, die entlang der Küste über rund 150 Kilometer von St. Paul in Québec bis Red Bay führt.

Im Norden endet der Asphaltstreifen an "Norma's Hair Salon". Die 30-jährige Norma Hillyard zählt alle 350 Einwohner Red Bays zu ihren Stammkunden. Das ist auch nötig, denn seit ihr Mann Derrell, ein Shrimp-Fischer, arbeitslos ist, muss Norma mit Waschen, Schneiden und Fönen den Lebensunterhalt verdienen.

Trotz der haarigen Situation will das Paar, das einen fünf Jahre alten Sohn hat, auf keinen Fall weg von hier. Sie lieben die unwirtliche Weite hinter ihrem weißen Haus mit den hellblauen Zierleisten und die Dauerwellen des eisigen Atlantiks vor dem Fenster. Touristen aus Deutschland stehen etwas ratlos vor dieser Begeisterung für eine so einsame Gegend. Vielleicht sind sie in Neufundland und Labrador auch ein bisschen crazy.