Neuseeland Leben im gelobten Land
Joachim und Luise Kreitmair wohnen in der grenzenlosen Einsamkeit des subtropischen Nordens der Nordinsel. Seit fünf Jahren schon. Und sind glücklich. Sagen sie jedenfalls.
Einsamkeit kann grausam sein. Natur ebenfalls. Ich habe mich auf dem Weg zu den Kreitmairs in den Wäldern hoffnungslos verfahren. Vor mir rauscht ein knietiefer Bach, hinter mir liegt ein steiler, schlammiger Weg, keine zwei Meter breit. Links und rechts dichtes Gehölz. Die Nacht schleicht sich in den dschungeligen Forst, die Vögel krächzen. Mir bleibt keine Wahl: Ich gebe Gas, der Wagen schleift durchs Kiesbett, endlose Sekunden lang und erreicht schließlich das andere Ufer. Hinter der nächsten Kurve weitet sich der Weg. Da, eine Stelle zum Wenden. 15 Kilometer zurück, dann ein Licht, ein Haus. Ein alter Mann öffnet, bittet mich herein. Er ist Engländer, von Beruf Töpfer. The Kreitmairs? Ich sei fast am Ziel, noch drei Kilometer, dann links ab. An der Einfahrt stehe eine Skulptur aus Holz.
Fünf Stunden hat die Fahrt von Auckland bis hierher gedauert. Eine entspannte Reise durch weites Land. Ampelfreie Straßen, fast kein Verkehr. Autofahrer grüßen einander. Sanft geschwungene Hügel, mal zart-, mal sattgrün, auf den Weiden Kühe, Pferde und Schafe. Dazwischen kleine Weiler. Ab und zu sieht man auf kilometerlange Strände, einzig besucht von klaren Wellen. Aber wenn es dann in die Waldeinsamkeit geht, wird es für Fremde beschwerlich. Immerhin, ich habe es geschafft.
Frühstück mit Frosch
Am nächsten Morgen frühstücken wir auf der Terrasse. Hausgebackenes Brot, selbst gemachte Marmelade, Wurst und Eier. Lau streicht die Luft in die Fächer der Farnbäume am nahen Teich. Ab und zu klatscht ein Frosch zwischen blühenden Seerosen ins Wasser. 20 Hektar umfasst das Land der Kreitmairs, mit Wald, mit Bach und Quelle. Sie wohnen in einem bequem eingerichteten Holzhaus.
Gekostet hat die neue Heimat gerade mal ein Viertel von dem, was sie für ihr altes Haus in Oberbayern bekommen haben. Der Rest des Geldes liegt auf der Bank und versorgt die beiden. Der Traum des ehemaligen Finanzbeamten und seiner Frau ist in Erfüllung gegangen. Unabhängig wollten sie sein, "nach Möglichkeit autark leben und nur noch das tun, was uns Freude macht".
Gegen Mittag bringt ein Nachbar frisch gefangenen Knurrhahn vorbei. Geld will er keines. Mal bekommen die Kreitmairs Fisch, mal bekommt er ein Säckchen Nüsse oder Gemüse. Im Tal der Farne bezahlt man nicht für Lebensmittel, man tauscht.
Luise gibt den Fisch in die Pfanne. Beim Essen zieht sie Bilanz. Natürlich, ganz leicht ist es ihnen nicht gefallen, in die Fremde zu ziehen. Gekannt haben sie keinen hier. Dazu kam, dass Luise zu Beginn noch etwas Schwierigkeiten mit ihrem Englisch hatte. Dennoch waren sie sofort eingebunden in das Leben im Tal: "In der Einsamkeit achten sich die Menschen mehr als anderswo. Jeder ist gleich wichtig und willkommen, egal ob du aus Deutschland, Italien oder China kommst. Man fühlt sich gleich geborgen."
Leben im Land der glücklichen Reben
Es ist Freitagabend, wir sitzen im Restaurant "Burlings" in Featherston. Featherston liegt im Weinbaugebiet Wairarapa im Süden der Nordinsel. Hier kocht der Wirt noch persönlich, Ulli Reinartz, ein Deutscher aus dem Sauerland. Seine Austern kommen aus Bluff, für den Winzer Johner sind sie die besten der Welt.
Karl Heinz Johner ist 51 Jahre alt, Badener, genauer: Kaiserstühler, und macht große Weine. Sein Spätburgunder wurde im letzten Jahr mit dem Deutschen Rotweinpreis ausgezeichnet - als Bester unter tausend getesteten. In Neuseeland wirkt er seit vier Jahren, weil, "wenn bei uns Frühjahr ist, ist hier Herbst. Ich habe mir gesagt: Warum nicht zwei Ernten einfahren?".
Nach anfänglichen Schwierigkeiten, erzählt Johner, hat er im vergangenen Jahr 17 Hektar Land gekauft. Auf fünf Hektar stehen jetzt seine neuen Reben, nächstes Jahr soll ein weiterer Hektar dazukommen. Auch hier will er Qualitäten von internationaler Klasse produzieren, kleine Mengen, viel Kraft und Geschmack. Pinot noir (Spätburgunder) zum Beispiel.
In der Heimat tuscheln sie über ihn. Der Johner, ist der jetzt übergeschnappt? Was reizt ihn an Neuseeland? "Das Land, die Leute und das ganze Drumherum haben mich fasziniert. Und vor allem natürlich das Weinmachen, ohne diese Einschränkungen wie in Deutschland, ohne diese ganze Bürokratie. Hier darf noch experimentiert werden." So etwas schätzt der Pionier Johner, Typ Ärmelhochkrempler. Heute Morgen waren wir draußen bei den neuen Reben. Eine Landschaft wie der Schwarzwald. Hier zu arbeiten ist für Johner "immer wie Futter für die Seele". Alles gedeiht viermal so schnell wie in Deutschland. Triebe von den Reben seines Nachbarn hat er gekauft und ohne Wurzeln in die Erde gedrückt. Alle angewachsen, "ein Wahnsinn". Schon nächsten April will er die eigenen Trauben keltern. In einem Alublech-Häuschen, "hundeeinfach gebaut, aber mit allerfeinster Kellertechnik". Später soll auf diesem Grund und Boden noch ein Wohnhaus dazukommen. Dann kann Johner sowohl den neuseeländischen als auch den deutschen Sommer genießen.
Leben im Land der Maori
Es war einmal ein riesiger Südkontinent. Er nannte sich Gondwanaland. Die Landmasse umfasste Südamerika, Afrika, Vorderindien, Australien und die Antarktis. Vor 150 Millionen Jahren zerbrach der Kontinent. Vor 80 Millionen Jahre lösten sich zwei Platten von Australien und drifteten nach Osten. Das geschah zu jener Zeit, als es außer zwei Fledermausarten noch keine Säugetiere gab. Bis die ersten Menschen kamen. Um 1350 n. Chr., so erzählt die Legende, erreichten sieben Kanus der in Tahiti beheimateten Maori die Nordinsel. Mit ihnen kamen Tiere an Land, Hunde, Ratten. Da war es vorbei mit dem paradiesischen Leben der heimischen Tierwelt. Die Maori stiegen im Osten der Nordinsel aus ihren Kanus, in der Nähe des heutigen Städtchens Whakatane. Vermutlich bei schönerem Wetter, als ich es heute erlebe. Wellen schlagen hoch gegen die Küste, Sturm und Regen peitschen die mächtigen Pohutukawa-Bäume. Ich habe einen Panoramablick auf den Weltuntergang: Ich sitze bei Jörg und Susanne Prinz im Wohnzimmer. Unser Abendessen wird vom Telefon unterbrochen. Susanne spricht mit einem Hubschrauberpiloten, leider, sagt sie dann, fliegen die morgen nicht wie geplant zur Vulkaninsel White Island, zu stürmisch, zu gefährlich.
Was können wir stattdessen unternehmen? Jörg Prinz veranstaltet Touren in Neuseeland. Eine kleine Firma, aber eine der besten, bestens informiert über die Menschen und die Natur beider Inseln. Er schlägt vor, morgen in den Osten zu fahren, dorthin, wo viele Maori leben. Wir wollen wandern und im Land der Geysire den "Whakarewarewatangaoteopetauaawahiao" anschauen. Er spricht das Ungetüm in einem Atemzug, als sei es das geläufigste Wort der Welt. "Das was anschauen, bitte?" "Den ehemaligen Versammlungsplatz der Krieger von Wahiao."
Susanne und Jörg Prinz leben seit 13 Jahren in Neuseeland. Der deutsche Arzt arbeitete die ersten beiden Jahre in der Klinik von Whakatane. Danach war Schluss. Das Gesundheitssystem hatte sich geändert, die alle zwei Jahre fällige Prüfung für Ausländer war mit einem Mal so schwer, dass sie kaum einer noch schaffte. Prinz fuhr zurück nach Deutschland, sah, dass auch dort viele Mediziner auf der Straße standen, und entschied sich mit seiner Frau, in Neuseeland zu bleiben. Heute haben sie ein hübsches Haus am Meer mit zwei Gästezimmern. Im Garten wachsen Zitronen, Orangen, Mandarinen, Oliven und Pfirsiche. Auf der Weide grasen 30 Angus-Rinder, und wenn gerade mal keine Touren anstehen, arbeitet Prinz als freier Webdesigner.
Gondwanaland-Dschungel
Am Morgen tauchen wir ein in die Dunkelheit des Naturparks Hukutaia-Domain. Wer Neuseelands wilde, urwüchsige Schönheit sehen will, muss in die Wälder. In diese tiefen, fast melancholisch wirkenden Orte, in sich ruhend und viele Generationen alt. Hier, dicht an dicht, 20 Meter hohe Farnbäume, deren Fächer noch die Perlenketten der letzten Regennacht schmücken. Dort eine mächtige Totara, eine Konifere aus Urzeiten, dahinter eine Südbuche mit ihren fingernagelgroßen Blättern. Alles Gewächse, die schon in Gondwanaland so aussahen. Wir sind die einzigen Menschen hier, die Stimmung ist fast gespenstisch. Wir kommen zu einem Puriri-Baum, 2000 Jahre alt, Umfang zwölf Meter. Die mannshohe Höhle, die sich unten am Stamm des Riesen breit gemacht hat, war einst Kultstätte. Hier wurden die sterblichen Überreste hoher Maori bestattet.
Jörg Prinz hat viele Freunde im Maoriland. Weiße und Ureinwohner leben heute weitgehend unverkrampft in Koexistenz. In den siebziger und achtziger Jahren haben sich die Maori auf ihre Kultur besonnen ohne die grausamen Sitten , alte Rechte eingefordert und zum Teil auch zurückbekommen. Für Land, das ihnen im Lauf der Kolonialisierung genommen worden war, erhielten sie von der Regierung Entschädigungszahlungen.
Den Abend verbringen wir im warmen, eisenhaltigen Wasser der Soda Spring zwischen Lake Rotoehu und Rotoma. Der knietiefe Fluss läuft träge an Palmen, Teebäumen und Farnen vorbei. Schwarz-weiße Fächerschwanz-Vögel flattern über gelben Lilien, Grillen zirpen. Neben uns baden Neuseeländer, auch einige Maori sind dabei. Sie erkundigen sich, wie mir das Land gefällt und ob ich mich als Gast hier wohlfühle. Of course. Zum Sonnenuntergang bekommen wir Orangen geschenkt. Jörg Prinz sagt: "Verstehst du jetzt, warum wir so gern hier leben? Es ist alles so normal, so easy going."
Leben auf der wilden Insel
Am 23. Dezember 1989 fliegen Manfred und Ulrike Herzhoff nach Neuseeland. Tage später schon finden sie ihr Traumhaus mit Privatbucht. Ganz im Süden, auf Stewart Island, der drittgrößten Insel Neuseelands. Von der Fläche her doppelt so groß wie Berlin, 390 Einwohner, 13 Kilometer geteerte Straßen, ein Polizist, ein Lebensmittelgeschäft, ein Pub, eine Post. Eineinhalb Jahre brauchen sie, sich von Deutschland und dem Stress zu erholen.
Die beiden lernen die wilde, windzersauste Insel kennen. Und die Menschen, die hier wohnen, charakterstarke Typen, die Manfred zu ihrem Priester machen. Zusammen erkämpfen sie Zuschüsse für sozial schwache Familien, organisieren Feste, die Farbe in den Alltag bringen. "Eine schöne Zeit."
Mitte 1991 geht den Herzhoffs das Geld aus. Nachts sitzen sie in der Küche und überlegen, wie sie die nächste Rate für ihr Haus und das Futter für die Katzen zahlen sollen. Ulrike nimmt bei der Fischkooperative Lachse aus. Er grübelt, spricht mit den Fischern, spielt mit ihnen Schach.
Irgendwann sagt einer: "Manfred, wir verdienen hier nichts mehr an unseren Langusten. Zu viele Zwischenhändler. Nimm doch auf deinem nächsten Flug nach Deutschland ein paar Tiere mit." Manfred kratzt das letzte Geld zusammen und lässt eine Kiste mit Langusten verfrachten. Zwar hat er keine Ahnung von Meerestieren, kennt aber den Sternekoch Johann Lafer. Dem zeigt er seine Mitbringsel. Lafer sagt: "Die nehm ich alle." Heute verkaufen die Herzhoffs vier bis fünf Tonnen Fisch und Langusten wöchentlich. Dazu kommen je nach Saison noch mal so viel Lamm und Wild.
Ausflüge ins Unendliche
Wir verlassen das Haus. Draußen steht die Sonne über dem Meer. Tiefblauer Himmel, ein paar Wattewölkchen. Am Airstrip steigen wir in eine Cessna. Ulrike fliegt über Oban, den einzigen Ort der Insel, dann geht es vorbei am Kratersee des fast 1000 Meter hohen Mount Anglem und weiter Richtung Süden. Unter uns Dschungel, Wasserfälle, Berge aus blankem Granit, Lagunen und winzige Inseln im smaragdgrünen Wasser.
Im Mai hat Ulrike ihre Passagierlizenz bekommen, nächstes Jahr will sie bei einer kleinen Airline einsteigen. Noch eine Schleife, dann geht es zurück. Ulrike Herzhoff: Was wir hier erfahren haben, das ist wie leben im gelobten Land.
Aus dem "Geo Saison"-Heft 12/2002 + 1/2003, "Neuseeland"