Neuseeland: Todesbiss der Muttonbirder - DER SPIEGEL
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Neuseeland Todesbiss der Muttonbirder

Die Küken des Muttonbird gelten den Maori in Neuseeland als liebste Delikatesse. Doch nur Familien mit der richtigen Abstammung dürfen die Vögel jagen. Ein Mann lehnt sich auf gegen falsche Tradition.
Von Anke Richter und Bruce Connew
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sein Vater war der beste Schafscherer weit und breit. Aber er soff. Jeden Abend wurde gestritten, gebrüllt, geprügelt. Acht Kinder, kein Geld fürs Essen, eine enge Wohnung im heruntergekommenen Sozialbau in Hastings im Norden Neuseelands. Alle Freunde gehörten zum "Notorious Mongrel Mob", einer Maori-Gang, berüchtigt für ihre Einbrüche und Schießereien. Der Kleine durfte den Männern Bier servieren und Zigaretten holen. Manchmal schnappte er etwas auf über ein paar Inseln unten im kalten Süden.

Tiemi Te Au war sechs Jahre alt, als es plötzlich hieß: "Jetzt geht's zu den Vögeln!" Doch am Tag vor der Abreise versackte der Vater in der Kneipe. Die Vorräte wurden wieder ausgepackt. Wenn der Vater künftig von den geheimnisvollen Inseln anfing, sagten alle: "Der Alte spinnt doch." Dem Säufer glaubte man kein Wort.

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Muttonbirds: Die Inseln der Sturmtaucher

Foto: Bruce Connew

Als Tiemi Te Au zehn war, tätowierte der Chef der Gang ihm die Hände. Ein Fischernetz. "Alles, was du anfasst, gehört dir, Junge." Die Linien aus verwaschener Tinte sehen heute, 30 Jahre später, aus wie ein Spinnennetz. Tiemi Te Au trägt Rastamähne und Kapuzenpulli. Seine Augen sind leicht schräg und prüfend. "Wir haben wie die Hunde gehaust", sagt er, "aber ich wusste immer, dass wir einmal etwas Besseres waren. Einfach ein Bauchgefühl."

Die Schule machte der Junge nicht mehr fertig. Sprache und Gedankengut seiner Vorfahren waren dort unerwünscht. Im marae, dem Versammlungshaus der Maori, wurde er in Riten und Gebräuche eingeführt. Immer wieder war dort von whakapapa die Rede: die Abstammung, der Stammbaum. Danach definiert sich, wer Maori ist.

Der Anführer des "Mongrel Mob" trainierte den Teenager bis zum Schwarzgurt. Sie zogen als Kämpfertruppe durch die Provinz, bauten ihren Boxring in Bars und bei Farmerfesten auf. Als sie in den untersten Teil der Südinsel kamen, erlebten Tiemi Te Au und sein Bruder plötzlich etwas, was sie vorher nicht kannten. Anders als im Norden, wo die Geschwister aufgewachsen waren, begegnete man ihnen im Süden voller Ehrfurcht und Respekt. "Sie sind Te Au", raunten die Maori dort. In Riverton, in Invercargill, selbst in Queenstown - überall: "Te Au! Te Au!" "Wir wurden wie Könige behandelt", erinnert Tiemi Te Au sich, "irgend etwas hatte es mit dem Namen auf sich."

Das verbotene Land der Maori

Doch Tiemi Te Au lebte bald nicht mehr in der Maori-Welt. Er handelte mit Drogen, und eines Tages raste er betrunken in einen Kreisverkehr. Sechs Monate lag der Schwerverletzte gelähmt im Bett. Das war der Wendepunkt. Tiemi Te Au begann zu studieren, und er schickte das, was er bisher für seinen Stammbaum gehalten hatte, an das Maori-Landgericht. Die Überprüfer der Stammeszugehörigkeit gaben ihm sein richtiges whakapapa. Irgendwann in den Generationen zuvor hatte jemand versucht, die wahre Herkunft der Te Au zu verschleiern.

Schwarz auf weiß stand es in der Ahnentafel: Sein Ururgroßvater Te Wae Wae war ein ariki gewesen, hatte zur höchsten Kaste der Maori-Häuptlinge gehört. Er besaß das Land, das den südwestlichsten Zipfel Neuseelands bildet, dazu ein paar sturmzerzauste, menschenleere Flecken im Pazifik: die Muttonbird- oder Titi-Inseln, wie sie bei den Maori nach dem Namen des Dunklen Sturmtauchers (Puffinus griseus) heißen. Nach 1864 gehörten die Inseln dem neuseeländischen Staat, seit 1998 sind sie wieder in der Hand der Maori - und verbotenes Land.

Wer die 36 rund um Stewart Island - oder Rakiura - versprengten Erhebungen im Meer betreten will, braucht eine Erlaubnis. Er muss per Gericht Ahnenforschung betreiben und nachweislich ein Rakiura-Maori sein. Vorfahren dieses Stammes hatten verkürzte Oberschenkelknochen, wegen des vielen Stehens im Kanu.

Die Fahrt zu den Titi-Inseln dauert bis zu zehn Stunden mit dem Schiff. Auch heute noch kann man für Tage in einer Bucht hängen bleiben, denn das Wetter in dieser Gegend ist unberechenbar. Weiter südlich geht kaum. Danach kommt die Antarktis. Das Reich der Vögel wirkt prähistorisch. Kubistische Steinformationen am Ufer, geduckte Tupari-Bäume, manche davon in Bonsai-Größe, die Stämme pechschwarz von Flechten. Millionen von Dunklen Sturmtauchern machen hier jedes Jahr auf ihrer 25.000 Kilometer langen Reise zum Brüten Station. Von den Inseln um Chile, Kap Hoorn, Neuseeland und Tasmanien ziehen sie über Japan und Kalifornien gen Norden, manchmal bis zum Golf von Alaska, um dann bis zum September wieder im subantarktischen Bereich zu landen.

Wie das Plärren von Babys

Sieben lange Jahre dauert es, bis der erste Nachwuchs gezeugt wird. Jedes aschfarbene Weibchen legt nur ein einziges Ei in eine der kleinen Erdhöhlen. 53 Tage Brutzeit, dann werden die Jungen mit einem fettreichen, vorverdauten Fischbrei gemästet. Manchmal kehren die Eltern 17 Jahre lang zum gleichen Erdnest zurück. Die Sturmtaucher kreisen über der Gischt, wirbelnde Schwärme, die Himmel und Wasser verdecken. Ihre Schreie klingen wie das Plärren von Babys. In der Abenddämmerung kehren sie alle gemeinsam an Land zurück. Ein letztes hektisches Flügelflattern, ein Krachen durch niedrige Baumkronen, ein Plumps ins Unterholz.

Im Frühjahr bringt die "Stewart Island Explorer" Container mit Konservenbüchsen, Kerosin, Baumaterial und Bettzeug auf die Inseln. Denn ab März, wenn die Jungvögel rund und plump sind, aber noch nicht fliegen können, kommen die Vogeljäger hierher. Vorher ist jeder Besuch verboten. Vom 1. April bis Ende Mai tun die Maori ihre Arbeit. Dann verlassen sie das Gebiet wieder, bis zum nächsten Jahr. Im Gepäck: Hunderttausende gepökelte Küken. Die genaue Zahl wird gehütet wie ein Staatsgeheimnis.

Muttonbird ist traditionelles Maori-Essen und eine eigenwillige Delikatesse. Wild, fischig und tranig schmeckt das dunkle Fleisch, nachdem es über eine Stunde lang gekocht wurde. Der Geschmack wird von Liebhabern gepriesen, aber der Gestank ist penetrant. Muttonbird riecht nach Schaf, daher auch der englische Name, der nach einem Fabelwesen klingt: Schafvogel. Vieles an ihm ist paradox: Er lebt in Höhlen wie ein Kaninchen und wird in Fischläden verkauft. Als dem Maori-Bataillon im Zweiten Weltkrieg Fässer voll Muttonbird geschickt wurden und diese dem deutschen Afrikakorps in die Hände fielen, entstand das Gerücht, die britischen Truppen müssten Möwen essen.

Billig ist der Eingeborenenschmaus nicht, obwohl man ihn mittlerweile auch in Supermärkten bekommt - vakuumverpackt. Manche Vogelfängerfamilie saniert sich in zwei Monaten harter Arbeit für den Rest des Jahres. Viele Erträge fließen wieder in die Fangindustrie, in Hubschrauber und Motorboote. Aus der letzten legalen, allein den Ureinwohnern des Landes vorbehaltenen Jagd ist ein kleiner, aber erfolgreicher Geschäftszweig geworden. Vor zwei Jahren gewann die Vogelfängerin Mhari Baty den "Maori Women's Business Award". Sie erhielt die offizielle Anerkennung der Premierministerin, weil ihr Familienbetrieb neue Arbeitsplätze schafft - und das mit nur zwei Monaten Einsatz im Jahr.

Wissenschaft prallt auf Mythologie

Die Muttonbirder sind ein eingeschworener Zirkel, wenige hundert Leute, die sich wie eine Sekte abschotten. Kein Journalist, kein Außenstehender bekommt Zugang zu der Gemeinschaft. Auch Forscher und Vogelfreunde versuchten lange vergeblich, den Seevogel an seinem Brutplatz observieren zu dürfen. Doch größer als das Misstrauen war schließlich die Sorge der Muttonbirder um die Zukunft ihrer Nahrungsquelle. Die Maori wollten wissen, ob der Bestand der Zugvögel erhalten bleibt und ob Umwelteinflüsse Auswirkungen auf eine Fangmethode haben, die seit Jahrhunderten im Einklang mit der Natur geschieht.

So begann an der Universität von Otago in Dunedin vor elf Jahren eine einzigartige Zusammenarbeit. Das Projekt namens "Keep the Titi forever" ist direkt dem Stamm der Rakiura unterstellt, an den auch die Forschungsgelder fließen. Eine Gratwanderung: Westliche Wissenschaft prallt auf die Mythologie der Jäger und Sammler. Nur auf Einladung dürfen die Biologen Vermessungen und Beringungen der Tiere vor Ort durchführen - jede Exkursion ist eine ausdrückliche Ehre.

Zwei Mal im Jahr erscheint die "Titi Times", herausgegeben von der Titi-Projektgruppe an der Universität, mit den neuesten Nachrichten und Erkenntnissen, nicht nur für Ornithologen, sondern speziell für die Maori-Familien. Diese haben die Kontrolle über alle Informationen, die nach außen dringen. So wird das Wissen eines indigenen Volkes vor Einmischung und Manipulation geschützt.

Niemand rund um Stewart Island hat ein Interesse daran, dass die Muttonbird-Jagd eines Tages zum politischen oder ökologischen Reizthema wird. Die Maori fürchten Kritik von Tierschützern. Und das weiße Neuseeland, das sich - politisch korrekt - um ein gutes Verhältnis zu den Ureinwohnern bemüht, will manche Frage lieber nicht laut stellen. Zum Beispiel die, warum Einblicke in die Fangpraxis verwehrt bleiben, wenn diese längst nicht nur der Ernährung einzelner Familien dient, sondern kommerziell genutzt wird.

Neuanfang auf den Titi-Inseln

Als Tiemi Te Aus Vater starb, vergoss der Sohn keine Träne. Er warf Erde auf den Sarg und sagte: "Weg mit ihm!" Bald darauf verließ er Bluff an der Spitze der Südinsel in einem Katamaran. Riesige Schwärme von Sturmtauchern begleiteten ihn an diesem Herbsttag. Wenn einer der Vögel einen Fisch entdeckte, stürzten sich Tausende gleichzeitig ins Wasser. Der Anblick von Big South Cape Island, von Taukihepa, ließ Tiemi Te Aus Herz rasen. Das also war die Insel, von der er als Kind immer gehört hatte! Keinen Hafen, keinen Steg gibt es hier, gefährlich ist das Anlegemanöver mit dem Schlauchboot. Als Tiemi Te Au endlich über die rutschigen Steine an Land geklettert war, brachen die Tränen hervor, die er bei der Beerdigung nicht weinen konnte. "Mein Vater war dort, um mich herum. Und alle anderen vor ihm." Er war, sagt er, zu Hause angekommen.

Doch es war nur ein kurzes Glück. In der Landebucht, Murderers Cove, hatte einst ein erboster Maori-Häuptling die Besatzung eines Robbenfängerschiffs abgeschlachtet. Und auch bei Tiemi Te Aus erstem Besuch standen alle Zeichen auf Angriff. Die alteingesessenen Muttonbirder beschimpften ihn: "Was willst du hier unten? Wenn du dich hier breit machst, brennen wir deine Hütte nieder!" Damit hätte er den Traum von den einsamen Inseln für immer begraben können. Wie sein Vater. Aber in Tiemi Te Au stecken widerspenstige Gene. Te Wae Wae, sein Ururgroßvater, hatte sich geweigert, den Engländern für ein paar Musketen das Land zu überlassen.

Zumal in der Maori-Philosophie keinem Menschen ein Stück Boden gehört, das man einfach verkaufen kann: Als ariki, als Häuptling, ist man lediglich der Betreuer und Beschützer der Erde. "Ich bin ein Rebell", sagt Tiemi Te Au, "meine Kinder sollen es besser haben." Im Jahr darauf stellte er sich vor den Ältestenrat seines Stammes und forderte sein Recht. Er war nervös, aber er fühlte sich stark. "Die Geister der Vorfahren sind auf meiner Seite." Der Saal brodelte. Aber Tiemi Te Aus Sturheit und sein Stammbaum setzten sich durch. Er bekam die Erlaubnis zum Fang.

Die Insel Taukihepa ist in verschiedene Vogelfangregionen eingeteilt. Die größte und begehrteste wurde Tiemi Te Au wegen seiner ariki-Blutlinie zugesprochen. "Es ist der 'Palast'. Jeder weiß, dass dort die besten Vögel sind." Endlich erfuhr er die Ehre, die einem Te Au gebührt. Einen Monat später setzte der Helikopter zwei Fertigbauschuppen auf Taukihepa ab. Tiemi Te Au schrieb seinen Namen in die Erde, so wie es die anderen jedes Jahr tun. Dann lernte er, wie man Titi fängt.

Lesen Sie im zweiten Teil: Der Tod kommt durch einen Biss

Für die meist regennasse Prozedur braucht man Gummistiefel, Handschuhe, einen langen Draht und viel Fingerspitzengefühl. Der Weg durchs Gelände ist mühsam, steile Hänge, heruntergefallene Äste, der Boden voller Nistlöcher. Zuerst nimmt die Nase Witterung auf: Die Vogelkolonien kann man riechen. Ein paar Daunen am Eingang verraten, in welchem der Löcher sich ein Küken verbirgt. Es ist archaisch, dieses Aufstöbern der Beute. "Als ob ich ein Teil der Erde bin, in der sich die Viecher verstecken", sagt Tiemi Te Au.

Er liegt auf dem feuchten Torfboden, einen Arm ins Loch gesteckt, und stochert im Dunklen. Er wartet auf eine verräterische Bewegung am anderen Ende des Drahtes, tief in der Höhle. Die Prozedur ähnelt dem Fischfang, nur dass kein Haken, sondern eine Drahtschlinge das Opfer festhält und herauszieht. Der Tod kommt durch einen Biss in den flaumigen Schädel. Es knackt und schmeckt nach warmem Blut. Die Federn spuckt man aus. Wer zu kräftig zubeißt, hat die Augäpfel des Vogels im Mund. Als Tiemi Te Aus Söhne zum ersten Mal sahen, wie dem Vater das Blut aus dem Mund troff, waren sie schockiert. Bis sie selbst zubissen.

Gegen Ende der Saison kommen die Küken nachts ins Freie, um im Regen den Flaum abzuschütteln und sich flugbereit zu machen. Dann lauern die Männer mit der Taschenlampe und sammeln die Tiere vom Boden ein. Wer kräftig ist, zerdrückt den Kopf in der Hand oder bricht den Hals über einer Axtschneide. Erfahrene Muttonbirder erkennt man an dem schwieligen Stück Knorpel, das sich über die Jahre am Fingerknöchel herausgebildet hat.

"Manche Anfänger werfen die Chicks einfach gegen den Baumstamm", weiß Tiemi Te Au. Solche Rüpel fliegen sofort von der Insel. Die Regeln sind streng und selbstkontrollierend: Ist das Küken zu mager, kommt es zurück in den Bau. Wer einen erwachsenen Vogel fängt, muss ihn zur Strafe essen. Er schmeckt sehnig und zäh. Wie bei einer Brachwirtschaft sind bestimmte Fangparzellen im Wechsel tapu, verboten. Das gibt den Kolonien die Chance, sich zu regenerieren.

Es ist harte, auszehrende Arbeit. Die toten Vögel werden auf Flachsfäden oder Lederriemen gezogen und wie eine Tasche umgehängt. Dann müssen die Kadaver gereinigt, gerupft und noch warm mit Wachs überzogen werden, um die letzten Federkiele herauszuziehen. Die Innereien kommen heraus - das Öl aus den Mägen ist reich an Omega-3-Fettsäuren. Dann salzen, ölen und hinein in den Plastikeimer oder in eine der traditionellen Algentaschen. Bis zu 15 Küken werden in diese Seetangblasen gestopft, jedes um die 850 Gramm schwer. Durch das Meersalz in den Algen hält sich das Fleisch vier Jahre lang. Doch in Zeiten von Tiefkühltruhen stirbt diese natürliche Methode der Konservierung aus.

Das Rupfen im Schein der Petroleumlampe kann Stunden dauern; über 100 Vögel schafft man in einer Nacht. Der Whisky fließt, jemand singt, die Geschichten der Vorfahren werden erzählt. Von Kriegern, Geistern und Göttern.

Vogelfrei, im doppelten Sinn

Eine Zeitreise in die Vergangenheit. Kein fließendes Wasser, oft kein Strom. Die mitgebrachten Vorräte gehen schnell zur Neige. Manche Familien leben wochenlang nur von Kohl und Muttonbird. Frisch über dem Feuer gebraten, schmeckt er am besten, wenn das Fett übers Kinn läuft und nichts um einen herum ist als der Wind, das Meer, die Bäume. Und überall Geschichte. Im Gestrüpp hinter Tiemi Te Aus Schuppen liegt ein Kessel, den Walfänger dort vergessen haben. Auch alte Äxte, Werkzeug der Ahnen, hat er gefunden. Sie sind heilig. "Für meine Söhne ist das der beste Urlaub überhaupt", sagt Tiemi Te Au. "Sie machen all das, was ihre Vorfahren seit Hunderten von Jahren machen. Ohne all den Ärger und den Neid ist es der schönste Platz auf der Welt."

Doch seine Kinder dürfen vorerst nicht mehr auf die Inseln. Zu gefährlich, hat ihre Mutter entschieden. Vor drei Jahren wurde Tiemi Te Au kurz nach der Ankunft auf Taukihepa mit einer Eisenstange niedergeschlagen. Die Narbe auf der Stirn ist noch immer zu sehen. Streit war ausgebrochen unter den Maori, wer Anrecht auf den "Palast" hat von Taukihepa. Im Jahr darauf nahm Tiemi Te Au ohne Erlaubnis des Titi-Komitees den Fotografen Bruce Connew und dessen Frau mit. Beide wurden nach 39 Stunden verjagt.

Als der eigens angeforderte Hubschrauber endlich abhob, schwang unter ihnen ein wütender Vogeljäger seine Machete. "Fuck off!" war das Letzte, was Connew hörte. Am Flughafen wartete bereits ein Abgesandter des Department of Conservation (DOC) auf ihn, Neuseelands Naturschutzbehörde. Als Connew im vergangenen Jahr eine Ausstellung mit seinen Muttonbird-Fotos eröffnen wollte, wurde Druck auf die Galerie ausgeübt. Der Veranstalter, selbst Maori, knickte ein.

Dem rebellischen Tiemi Te Au entzog man den Posten des Aufpassers. Keiner wollte ihm mehr ein Boot vermieten. Der Stamm verstieß ihn, die Familie wandte sich ab. Vogelfrei, im doppelten Sinn. Von jetzt an hatte er die gesamte Muttonbird-Gemeinde gegen sich.

Bestand an Sturmtauchern nimmt ab

"Es hat nichts mit den Fotos zu tun. Sondern damit, dass ich die Wahrheit verlange", sagt Tiemi Te Au. Er prangert die Vetternwirtschaft der Inselverwalter an und wirft ihnen vor, dass sie keinen Nachweis darüber erbracht haben, die legitimen Besitzer der Inseln zu sein. Der Verdacht besteht, dass, genau wie bei ihm, am whakapapa, den Stammbäumen, herumgepfuscht wurde. "Es ist ein Familienbusiness. Sie haben ein Monopol, das sie nicht aufgeben wollen", sagt Tiemi Te Au. "Sie wollen nicht, dass die rechtmäßigen Eigner zurückkommen. Das hat schon im 19. Jahrhundert begonnen. Aber jetzt setzen sich die ariki endlich wieder durch."

Ob Rechtsbruch oder Familienfehde - die Tradition hat in den Zeiten von Supermärkten und Helikoptern ohnehin gelitten. "Früher arbeiteten die Leute zusammen und nahmen nur so viel, wie sie direkt verarbeiten konnten." Heute benutzen etliche Familien Geflügelrupfmaschinen, damit es schneller geht. Tiemi Te Au nicht.

Wenn die Forscher von der Universität in Dunedin alle Beobachtungen zusammengetragen haben - darunter auch die gesicherte Erkenntnis, dass es jedes Jahr ein bis zwei Prozent weniger Sturmtaucher gibt -, werden alle Faktoren in ein Computerprogramm eingegeben: Klimaveränderung, Treibnetze, Ölkastastrophen. Und anschließend eine angestrebte Fangquote für Muttonbirds errechnet.

Der jährliche Fang selbst ist dabei das geringste Problem. Eine viel größere Gefahr sind die fetten Schiffsratten auf den Inseln, die gern Küken verschlingen. Allein auf Taukihepa wurden im letzten Jahr 600 Ratten gefangen. Die auf wissenschaftlicher Analyse basierende Fangquote soll der Nachhaltigkeit dienen: genug, um davon zu leben, aber nur so viel, dass die Kindeskinder auch noch etwas davon haben. Erneuerbare Ressourcen dank Titi-Technologie. Der erste Maori, der Doktor der Zoologie wurde, ist ein Muttonbirder.

Tiemi Te Au ist skeptisch. "Geld, Geld, Geld", sagt er, "darum geht es doch. Aber wenn sicher ist, dass nur der Vögel fängt, der auch das Recht dazu hat, dann kann uns das niemand mehr wegnehmen." Er hat denen, die seiner Ansicht nach nicht auf die Inseln gehören, den Krieg erklärt. Mit der Familie hat er sich ausgesprochen, sie ist auf seiner Seite. Anfang nächsten Jahres wird er im Versammlungshaus des Rakiura-Stammes erscheinen. Er wird den Clan herausfordern. Auf die althergebrachte Art, zur Not mit Gewalt. Sein Ururgroßvater hätte es nicht anders gemacht. Nicht nur der schwarze Gürtel kommt ihm dabei zugute. "Für einen Maori ist es ein Verbrechen, das whakapapa eines anderen zu stehlen", sagt er. "Wer das tut, hat die Vorfahren gegen sich. Dem passiert etwas."

Die Sehnsucht der Muttonbirder

Dann, wenn der Kampf beendet und alles Blut getrocknet ist, wird Tiemi Te Au endlich wieder zu seinem "Palast", zu den zwei Hütten, den Bäumen und dem Torf zurückkehren. Wie jeder Muttonbirder kennt er die ständige Sehnsucht, die einen schon Wochen nach der Rückkehr von der Vogeljagd befällt. Er wird sein Baby mitnehmen, das in diesen Wochen zur Welt kommt. Der jüngste Nachkömmling Te Wae Waes soll von Anfang an seine Insel erleben. Denn das, was dort geschieht, ist größer als aller Ärger. "Es ist etwas Spirituelles", sagt Tiemi Te Au. "Nur als Muttonbirder bist du Teil davon."

Die jungen Sturmtaucher, die nachts aus ihren Höhlen kommen, sehen nichts als den Sternenhimmel über sich. Die Konstellation der Gestirne verrät ihnen, wohin die Reise geht. Ende Mai, wenn die letzten Vogeljäger die Fahrt zum Festland antreten, erheben sich Millionen Vögel in die Luft, zirkeln ein letztes Mal über den Inseln und ziehen dann gen Norden.