Neuseelands Südinsel: Mintsoße und Maori - DER SPIEGEL
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Neuseelands Südinsel: Herbe Küste, nasse Regenwälder

Foto: Thomas Heinloth

Neuseelands Südinsel Mintsoße und Maori

Fjorde und Regenwälder, Palmen und Gletschereis, Maori-Legenden und Teestunde: Die Mischung aus Dingen, die sonst weit weg von einander sind, macht den Reiz Neuseelands aus. Thomas Heinloth ist unterwegs auf der Südinsel  - zwischen Abendland und Gondwana.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn ihn einer fragt, was eigentlich aus James geworden ist, holt Heemi Paparoa Te Räkau den alten Pottwalknochen aus dem Leder-Futteral, klopft rhythmisch auf die mächtige, ausgebleichte Rippe und fängt leise an zu singen, so wie er damals ein einen polynesischen Bootsmann hat singen hören, erzählt Heemi, als er vor vielen Jahren mit seinem Vater um die Marquesas segelte.

Nach dem Lied erzählte der fremde Matrose von der Schöpfungsgeschichte der Maori, von der Erdmutter Papatuanuku, dem Himmelvater Ranginui. Und davon, wie die Polynesier in ihren schmalen Kanus von den Marquesas über den Pazifik fuhren - bis nach Neuseeland, welches sie damals Aotearoa nannten, das Land der langen weißen Wolke.

Das war ein Erweckungserlebnis, sagt Heemi, der zu der Zeit noch James hieß. Am nächsten Morgen beschloss er, damals sieben Jahre alt und im Besitz eines neuseeländischen Passes, sich künftig nicht mehr als Untertan der britischen Krone zu betrachten, sondern als Polynesier. Den Vornamen entsorgte er gleich mit.

Seinen Maori-Namen Heemi muss er oft erklären, denn nichts an Heemi weist auf einen Polynesier hin: dichter Vollbart, grau wie die Jacke aus Merino-Strick, in Cord, Tweed und Nickelbrille, so sitzt er da, im Ledersessel vor dem Kamin, Scotch im Glas, hinter ihm die Wanduhr, das goldgeränderte Teeservice auf der Anrichte und in der Garage die Oldtimer aus den späten Zwanzigern. Und Heemi singt. Er singt meistens, wenn er Gäste hat - Bed & Breakfast & Storytelling, das ist sein Geschäft.

Der typische Neuseeland-Mix

In den vergangenen Jahren hat er für Neuseelands Regierung das Waitangi Tribunal organisiert, auf dem die Maori ihre Rechte und Ansprüche gegenüber der britischen Krone geltend machen können. Jetzt vermietet er ein paar gediegene Zimmer in seinem Landhaus nah der Küste. Abends erzählt er seinen Gästen von Papatuanuku und von der Mystik, die einem Walfisch-Knochen innewohnt. Pauline, seine Frau, backt Brownies, und mittags, wenn sie Lamm nach walisischem Rezept auftischt, spricht Heemi das Gebet in der Sprache seiner imaginären Vorfahren. Neuseeländische Mischung, sagt er dann: Mintsoße und Maori.

Es ist die Mischung, die Gäste in sein Haus bringt, das im Grünen steht und doch so nah an der Tasmanischen See, dass die Fenster salzverkrustet sind. Das Nebenher von Dingen, die sonst weit weg von einander sind: Hier, an der Westküste von Neuseelands Südinsel wechseln sie sich ab. Lavendelfelder, Avocado, Kuhweiden, Pinien und Palmen, Stiefmütterchen und Chardonnay-Trauben.

Jadefarben ist das Meer vor Heemis Landsitz, so dunkelgrün wie der Stein, der die Gegend einmal reich gemacht hat. Und die herben, kalte Küsten erinnern an die Irlands, doch an ihren Straßen stehen Agaven und Cabbage Trees, die wie übergroße Zimmerpalmen wirken. Eine gute Autostunde südwärts liegt die Gletscherwelt von Fox und von Franz Josef: gewaltige Eiszungen, die sich von beinahe 3000 Meter Höhe Richtung Küste schieben, vor sich ein steinernes Meer aus Granitschutt und Geröll.

Hochalpin kommt diese Szenerie daher, aber wer einen Schritt vom Eis zur Seite tritt, steht unversehens in einem tropisch anmutenden Zauberwald aus haushohen Baumfarnen und bemoosten Palmen. Trübes Licht fällt durch Chlorophyll-Gardinen, ein Schwarm Bergpapageien tanzt in der feuchten Luft. War so Gondwana? Der Urkontinent, von dem sich Neuseeland löste, vor 70 Millionen Jahren? Ein Stück Land der Welt entrückt, isoliert, abgeschieden, ganz für sich: Hier liegt es, immer noch, gleich neben dem Franz Josef.

Gämsenjagd am Hawea-See

Ka Roimata o Hinehukatere, so nannten die Maori den Strom aus Eis, nach den erstarrten Tränen einer jungen Frau, die ihren Liebsten an die Berge verlor. Julius von Haast, ein junger Geologe, war weniger poetisch veranlagt und benannte den Gletscher 1865 nach dem österreichischen Kaiser. Der revanchierte sich auf seine Art: 1907 schickte er acht Gämsen um die halbe Welt an den Gletscher, der seinen Namen trägt. Die alpenländischen Abgesandten zogen in den vergangenen hundert Jahren vom Gletscher durch die feuchten Nebelwälder bis weiter südlich durchs harte gelbe Tussock-Gras - und sie vermehrten sich nach Kräften.

Mike Yates arbeitet heute hart daran, dass es wieder ungefähr acht werden. Die Gämsen, sagt er, sind hier nicht gern gesehen. Meistens zieht er frühmorgens los mit seinem Jagdgewehr, wenn die aufsteigende Sonne den Hawea-See lachsrosa leuchten lässt, wenn der Reif noch nicht Tau geworden ist und der Wind bergabwärts bläst. Gämsen, sagt Mike, haben feine Nasen. Eine gute Stunde streift er heute durch den Hang, bis er mit dem Fernglas einen Bock ausmacht, doch der ist zu weit weg für einen Schuss. Zwei, drei Stück im Monat erlegt er, wenn Saison ist, mal mit Gästen, mal allein. Nie aber zum Vergnügen. Gämsen, sagt Mike, schießt er nur für die Küche, für Susan also. Das ist seine Frau.

Gämse in Marsala

Vor ein paar Jahren haben sie zusammen oberhalb des Hawea-Sees ein Stück Land gekauft, mitten im Gämsen-Revier, und gebaut, was Mike ein kleines Jagdhaus nennt. Und tatsächlich: In der Silverpine-Lodge hängen Gämsen-Geweihe über dem Kamin. Sonst aber ist ihr Jagdhaus weder klein noch alpenländisch: lichte, hohe Räume, klare Linien, glatt poliertes Pinienholz, nackter Beton, Arrangements aus Gletscherkieseln in offenen Vitrinen, Hortensien-Gestecke, dezente Elektronik, klassische Musik.

Mike hat schottische Wurzeln, Susan chinesische, aufgewachsen ist sie in Hawaii. Neuseeländische Mischung? Ach was, sagt Mike, das ist bei uns schon eher das Menü. Und Susan tischt natürlich Gämse auf: rosa, butterweich, in Marsala. Den Pinot Noir dazu macht ein Freund des Hauses aus Wakatipu: Die Reben sind französisch und vor Jahren beinahe den gleichen Weg gesegelt wie die Vorfahren des Hauptgerichts.

Ihre Gäste suchen meist das, was Mike "Boystuff" nennt: Sie streifen mit dem Hausherrn mit durchgeladenem Gewehr durchs Unterholz, fahren raus zum Fliegenfischen auf den See. Manchmal bringt er sie runter nach Makaroa, wo sie mit einem 400-PS-Geschoss eine Jetboot-Tour auf dem Wilkin River machen. Mit 65 km/h rast das Gefährt über den flachen Wildfluss, bis der Fahrtwind die Tränen in die Augen treibt. Wer will, sagt Mike, kann natürlich auch den Helikopter nehmen. Oder eben laufen. Überhaupt, die Läufer: Sie werden mehr, mit jedem Jahr.

In der Silverpine-Lodge machen sie oft Station auf ihrem Weg zum Milford- oder zum Kepler-Treck im Fjordland Nationalpark, ganz im Südwesten der Südinsel.

Delfine im Doubtful Sound

Das Meer, das tief ins Land greift; die steil aufstrebenden Wände links und rechts des schmalen Wasserwegs - das sind die gleichen Formationen wie in Nordeuropa. Doch nichts riecht hier nach Lachs und Lebertran. Im Doubtful Sound ist die See schwarz wie Tee, und von seiner Brücke aus kann Kapitän Allen den Delfinen zuwinken, die torpedogleich durchs blickdichte, kalte Wasser schnellen - neuseeländische Mischung.

Mit einer riesigen Axt schlug Tu-Te-Raki-Whanoa einst Fjorde in die Küste, so erzählen es sich die Maori. Beim Patea, dem Doubtful, wäre er beinahe gescheitert, doch vier junge Götter eilten ihm zu Hilfe, die die vier Arme schufen. Am Hall Arm biegt Kapitän Dave Allen ab, vorbei an den Fischerhütten von Blanket Bay, wo sie gerade die Langustenkörbe richten für den nächsten Fang.

Die Passagiere an Deck der "Fjordland Navigator" streifen die Regenjacken über: Kaum ein Ort der Welt ist so nass wie der Doubtful Sound. Den Regen misst man hier nicht in Millimetern, sondern Metern. Sieben, acht, neun sind es im Jahr. Wie ein Schleier liegt er jetzt über dem Fjord, ein Niederschlag, so fein, dass man ihn fast atmen kann. Der steile Regenwald scheint ringsum von der Reling aus zum Greifen nah, bemoost wie mit einem feuchten Fell und vollgesogen wie ein nasser Schwamm, aus dem das Wasser dringt. Mal als zartes Rinnsal, mal als plätschernde Kaskade, mal dröhnend, kraftvoll als Sturzbach und als Wasserfall.

Dann lässt Dave Allen seine schweren Maschinen stoppen, das Schiff wird langsamer, von elf bis auf null Knoten, schaukelt sacht vor einer nassen, grünen Wand aus Stein - da, wo der Fjord zu Ende ist. "Lassen Sie uns eine Minute schweigen", sagt Allen über die Sprechanlage, "hören Sie mal dem Fjord zu, dem Regen und den Wellen." Reißverschlüsse werden an Goretex-Jacken hochgezogen, das Schiff verstummt. Tropfen tropfen, ein paar bunte Vögel singen in der kalten Luft.

Vielleicht ist auch Erdmutter Paptuanuku mit dabei in diesem Augenblick, vielleicht Himmelvater Ranginui, vielleicht Tu-Te-Raki-Whanoa und seine jungen Götter. Ganz sicher jedenfalls, im schwarzen Wasser, backbord, ein gar nicht so kleiner Zwergpinguin, rückenschwimmend, mit flottem Tempo unterwegs Richtung offene See.