New York Das 38-Dollar-Rad
Eine Kolumne von Thomas Hüetlin
Bis vor kurzem fuhren in Manhattan nur drei Sorten von Menschen Auto: Typen aus der Vorstadt, Chauffeure und ich. Seit drei Monaten gehöre ich nicht mehr dazu. Okay, es hat ein bisschen gedauert, bis ich das einsah; okay, es hat ein bisschen viel Geld gekostet. Aber der Reihe nach.
Alles begann damit, dass ich eines Tages vor diesem Jeep stand und mich in dessen Holzleisten verliebte. Ich zahlte cash. Dann brachte ich das Baby zur Inspektion: "Bitte prüfen Sie alles nach, auch das Öl", zahlte wieder cash und hörte 80 Meilen später ein Geräusch, als hätte einer einen Stein auf meiner Motorhaube abgeladen. Der Servicemann diagnostizierte einen Kolbenschaden bei meinem 8-Zylinder. Ich überlegte, ob ich die Inspektionsmenschen verklagen sollte, bis mir ein lieber Kollege in den Sinn kam, der vor Jahren in Washington ein Auto gekauft hatte und jetzt dreimal im Jahr von Hamburg aus dorthin zurückfliegt, um einen Prozess gegen die Typen zu führen, die ihm dieses Auto angetan haben. Also kaufte ich mir einen neuen 8-Zylinder-Motor cash.
In jeder anderen Stadt hätte ich jetzt mein neues Auto ausprobieren können. Stattdessen stand ich eingeklemmt in der elften Straße, zwischen Fifth und Sixth Avenue, hupte ein bisschen und wartete, dass es Abend wurde. Ein paar Tage später, auf der First Avenue, beschimpfte ich einen Lastwagenfahrer aus New Jersey, der mich geschnitten hatte, worauf der mir mit einer Pistole vor der Nase herumfuchtelte. Und dann die Garage. 300 Dollar im Monat für einen Platz im Freien. Jedes Mal, wenn ich mein Auto holte, war ein Rücklicht kaputt. "No, Sir, ist nicht unsere Schuld, must have had happened in traffic."
Ich liebte diese Typen. Ihre unschuldigen Augen, ihr finsteres Lachen, ihr "No, Sir". Heuchelten nur dann Anteilnahme, wenn's ans Zahlen ging. Diese Parkplatzwächter waren gut getarnte, aber routinierte Geldvernichter und Autozerstörer.
"Siehst du dieses Hemd?", fragte mich einer dieser Knechte und trommelte sich auf die Brust. "Du solltest dein Auto nur Leuten mit diesem Hemd geben."
"Schon klar", murmelte ich.
"Heute morgen war so ein Typ mit einem brandneuen Mercedes-Jeep da. War völlig außer Atem, zu spät für ein Meeting, und hat seinen Schlüssel einem Menschen gegeben, der dieses Hemd nicht trug."
Das arme Schwein, dachte ich. Erst klauen sie ihm das Auto, und dann muss er auch noch zusehen, wie Parkplatzwächter vor Freude darüber tanzen.
Es reichte. Ich wollte die Typen nie wieder sehen, und den Jeep mit den Holzleisten auch nicht. Ein paar Monate lang ging ich zu Fuß bis ...
... bis mein Freund Jerome mir einen Rat gab. Es gebe nur eine Möglichkeit, in Manhattan vernünftig und schnell vorwärts zu kommen auf dem Fahrrad. Ich sah ihn an, wie man auf einen Attentäter schaut kurz bevor er abdrückt. Sollte ich all den Bekloppten, die versucht hatten, mich samt meinem Auto zu killen, jetzt mit einem Rad entgegenreiten? Und vorausgesetzt, ich würde einen Tag mit dem Fahrrad in Manhattan überleben, stünde mein Rad am nächsten Morgen noch da, wo ich es angekettet hatte?
"Der Trick ist", sagte Jerome, "sich nicht irgendein Rad zu kaufen, sondern eines, das richtig fucked up ist." Ein Rad, das so billig ist, dass es nicht weh tut, wenn es einer klaut. Ein Rad, das so schlecht ist, dass niemand es stiehlt.
"Supertrick", sagte ich. "Und wo kriegen wir so ein Ding her? Das Letzte, was ich jetzt brauche, ist ein Trip zu einem Müllplatz."
Als wir wieder stoppten, standen wir vor einer zerbeulten Eisentür in der Avenue A, über die vor einer Ewigkeit einmal einer mit roter Farbe geschrieben hatte: "Bikes, by George." Drinnen hing ein Poster von Bob Marley an der Wand, daneben stand eine mit Fahrradöl geschwärzte Mikrowelle aus der Zeit, als Menschen noch zum Mond flogen, davor saß George und löffelte Hühnchen mit Reis. Wunderbar!
George war Ende 60, hatte vor 40 Jahren auf Trinidad Fahrradrennen gewonnen und vor 35 Jahren die Reise nach Manhattan angetreten. Hier entdeckte er eine Marktlücke: Fucked up Bikes. "Ich verkaufe auch neue", sagte George, "aber wenn dir sechs- bis siebenmal im Jahr ein neues Fahrrad gestohlen wird, dann musst du schon Millionär sein, damit du dir das leisten kannst."
George hatte alles. Zerkratzte, verrostete, mit vergammelter Plastikfolie beklebte Räder, die einfach nur zu einer Sache taugten: Vorwärtskommen in einer Stadt, in der der Stau ein Naturgesetz ist und die Paranoia, beklaut zu werden, den Rest besorgt.
George hat gelernt. Vom Leben, vor allem aber von seinen Kunden. Alles, was neu aussieht, wird sofort abgeschraubt. Besteht George ausnahmsweise auf einen neuen Sattel, lassen sich viele Kunden gleich ein Messer geben, mit dem sie Löcher hineinschneiden. Ich nahm ein Bike, das so am Ende war, dass mir selbst nach langem Tüfteln nichts einfiel, was ich noch hätte zerstören können. Ich zahlte 38 Dollar, kaufte mir eine Schlosskette für 120 Dollar, garantiert aufbruchsicher, fuhr herum, war fast ohnmächtig vor Freude.
Sie hielt nicht lange an. Ein paar Tage später war das Rad verschwunden. Ich ging nach oben und rief George an: "George, ich liebe diese kaputte Stadt, aber weißt du was? Dein Rad war nicht kaputt genug."