Nikko: Papierschicksale unter Zedern - DER SPIEGEL
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Nikko Papierschicksale unter Zedern

Das japanische Nikko zählt mit seinen Relikten aus Nippons Feudalzeit zu den Weltkulturerben. Millionen von Pilger bestaunen in der Schrein- und Tempelstadt jährlich Glanz und Glorie der Tokugawa-Dynastie und suchen den Beistand der Shinto-Götter.
Von Silvia Kling
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Glück ist heiß begehrt in Nikko - und nicht einmal besonders teuer. Für ein paar Yen nur verkaufen Shinto-Priester im Tosho-Schrein Amulette und "Omikuji"-Zettel mit Orakelsprüchen. Auch Votivtafeln aus Holz sollen kleineren und großen Wünschen nachhelfen. Schließlich ist der Beistand der japanischen Gottheiten nicht nur zu wichtigen Ereignissen wie Hochzeiten gefragt, sondern etwa auch für die harten Schulprüfungen, Geschäftseröffnungen und einfach all die Alltagssorgen.

Von dem Ansturm auf die Göttergunst zeugen mitunter die weiß gesprenkelten Bäume im Schreinbezirk. Denn entspricht etwa ein gekauftes Papierschicksal nicht ganz den Erwartungen, wird es einem der grünen Zweige anvertraut. Der Wind, so heißt es, verweht die schlechten Vorhersehungen und schafft Platz für gute.

Massen versammeln sich auch vor dem Haiden, der Gebetshalle, um eine Opfergabe zu entrichten und einen heiligen Gong zu schlagen - ohne Gedränge und Gestoße, mit japanischer Gelassenheit und Disziplin. Oder an den Essbuden, die unmittelbar vor dem Eingang zur religiösen Kultstätte mit Okonomiyaki, Kushi-Dango oder Tintenfischspießen für die profaneren Bedürfnisse zuständig sind. Mit dem körperlichen Wohlbefinden sind Geist und Seele nach japanischer Auffassung ganz eng verbunden. Viele Besucher kommen aus Tokio, pilgern am Wochenende in Scharen zu Nikkos Schreinen und Tempeln, die als Weltkulturerbe zu den berühmtesten Komplexen Japans zählen.

Die obligatorischen Touristenkameras klicken, was das Zeug hält - Souvenirfotos sind für Japaner stets populäre Trophäen. Für ihre Aufnahmen drapieren sich die Schreinbesucher vorzugsweise vor die sehenswürdigen Heiligtümer. Zum Gruppenbild versammelt man sich gar an speziell platzierten Podesten. Dekorative Kulisse gibt es mehr als genug: Schließlich ist kein anderes spirituelles Zentrum in Japan derart ausladend wie Nikkos großer Tosho-Schrein, protzt keine Kultstätte mit ähnlich extravaganter Form- und Farbenfülle.

Mit goldüberzogenen Kuppeln und Giebeln etwa, die in der milden Sonne um die Wette leuchten. Mit nicht weniger glänzenden Ornamenten, die unter den großzügigen Dächern mit kunstvollen Schnitzereien konkurrieren. Oder mit knallroten Säulen, brüllenden Löwen und indigoblauen Götterfiguren. Daneben versammeln sich Kolosse von Lampen und Laternen zu üppigen Steinparaden. Keine Spur von Nippons minimalistischer Schlichtheit.

Allein das Yomeimon ist ein überwältigender Tummelplatz mythischer Gestalten und krallenbestückter Kreaturen: Über 400 Schnitzwerke schillern in allen Farbschattierungen auf dem Haupttor, das zur zentralen Halle führt. Und inmitten einer Holzschnitzallegorie findet sich auch Nikkos weltberühmtes Affentrio. Die drei famosen Tiere sitzen zwischen all der lackierten Pracht an der Außenwand eines erstaunlich schlichten Holzgebäudes - wo sie seit dem 17. Jahrhundert nichts Böses hören, sagen oder sehen.

Harmonisch gegliedert ist der Kultbau mit seinen 24 Gebäuden, perfekt in die natürliche Umgebung integriert. Acht der Relikte, die in mehr als zwölfjähriger Plackerei von Tausenden Handwerkern und Künstlern fertiggestellt wurden, sind als kultureller Staatsschatz ausgezeichnet. Ein feudales Denkmal für Tokugawa Ieyasu, den ersten Shogun der Edo-Ära. Der eiserne Kriegsherr hatte den Japanern die Vereinigung ihres Landes und die Grundlage für eine 250 Jahre dauernde Herrschaft seiner Dynastie beschert - bevor er als Gottheit goldglänzend im Tosho-Schrein verewigt wurde. Seit 1617 ruht er nun hier im Schatten riesiger Zedern, nicht weit entfernt von Tokio, dem einstigen Edo, das im Zuge seines Machtstrebens zum politischen Zentrum Nippons wurde.

Ein Pilger-Ausflug aus der Hauptstadt dauert heute per Zug rund zwei Stunden - der Shinkansen-Express bewältigt die Strecke 30 Minuten schneller. Zu Zeiten der Feudalherrschaft entsprach die Reise jedoch einem vollen Drei-Tages-Trip. Zu mühselig für die nachfolgenden Shogune. Nur gelegentlich nahmen die Herrscher den Weg auf sich, um dem Verstorbenen zu huldigen. Kurzerhand errichtete man daher in Edo eine Tosho-Schrein-Kopie in Kleinformat, wo schließlich der Großteil der Ehrerbietungen geleistet wurde.

Seit jeher also, scheint es, sind die Inselbewohner Meister der Imitation und Miniaturisierung. Und Replikate stehen auch heute noch hoch in der Gunst japanischer Touristen. Im Kosan-Tempel am malerischen Inlandsee Setonaikai können Besucher etwa bequem detailgetreue Nachbildungen zahlreicher wichtiger Tempel Japans besichtigen. Das Tempel-Disneyland lockt insbesondere auch mit einem exakten Duplikat von Tokugawas Haupttor Yomeimon. Das Tobu World Square in Nikkos Umland trumpft gar mit einer internationalen Kollektion architektonischer Berühmtheiten auf: Neben der Freiheitsstatue prangt auf einer Fläche von mehr als 87.000 Quadratmetern etwa der Eiffelturm, das Taj Mahal, der Buckingham-Palast und selbst die Chinesische Mauer - in 1:25-facher Verkleinerung, versteht sich.