Michael Martin am Nordpol: Zehn Meter tief im Gletscher
Nordpol-Expedition Im Bauch des Gletschers
Es gibt wenige Reiseziele auf der Welt, die so entlegen und unerreichbar scheinen wie der Nordpol. Für mein Projekt "Planet Wüste" möchte ich aber genau dort hin. Meine Recherchen ergaben drei Möglichkeiten: von Sibirien, Norwegen oder Nordamerika per Ski zum Pol; im arktischen Sommer mit einem russischen Atomeisbrecher von Murmansk durch das Nordpolarmeer.
Oder als dritte Variante mit dem Flugzeug zum Barneo-Camp, das jeden April von dem bekannten russischen Arktisspezialisten Viktor Boyarsky und seinem Team am 89. Breitengrad aufgebaut wird. Von dort sind es nur noch gut 100 Kilometer Luftlinie zum Pol. Da die erste der drei Möglichkeiten nur wenigen Extrem-Abenteurern vorbehalten bleibt, die zweite in atomkritischen Zeiten politisch wenig korrekt erscheint, entscheide ich mich für den dritten Weg.
Ausgangspunkt für die Tour zum Pol ist Longyearbyen auf Spitzbergen. Ich war frühzeitig aus München angereist, um auf etwaige Änderungen des Zeitplans reagieren zu können. Kurz vor dem Start zum Nordpol kamen schlechte Nachrichten aus Barneo. Ein Riss in der Eisdecke, verlief quer über die Landebahn, so dass der Flugbetrieb für drei Tage eingestellt werden musste.
Zehn Meter tief im Gletscher
Nicht nur Prinz Harry, der mit in Afghanistan verwundeten Soldaten am Pol unterwegs war, saß im Eis fest. Die Landebahn konnte repariert werden, aber es dauerte eine Weile, bis die ausgefallenen Logistik- und Personenflüge nachgeholt waren. Derweil vertreibe ich mir mit Kartenstudium und einschlägiger Polarliteratur die Zeit in "Mary Anns Polarriggen". Das Hotel wirkt von außen wie eine Bretterbude, die Zimmer sind winzig, aber die heißen Duschen, der gut geheizte Aufenthaltsraum und die Herzlichkeit der Gastgeberin machen es zu einem angenehmen Platz im noch winterkalten Longyearbyen.
Ich mache auch eine Tour in eine oberhalb von Longyearbyen gelegene Eishöhle. Ein Raupenfahrzeug bringt mich zusammen mit vier anderen Reisenden auf den nahen Gletscher. Ein Stab im Eis markiert den Eingang in die Eishöhle. Gesichert mit einem Seil geht's steil hinunter ins Eis.
Zehn Meter unter der Gletscheroberfläche folgen wir einer unterirdischen Längsspalte auf einer Länge von 150 Meter. Die ist mal 1,50 Meter breit, dann gerade groß genug, um sich mit eingezogenem Brustkorb zwischen den Eiswänden hindurch zu quetschen. Da der Gletscher mit einer Fließgeschwindigkeit von nur einem Meter im Jahr der langsamste auf Spitzbergen ist, besteht in den Wintermonaten keine Einsturzgefahr. Von den Wänden hängen Eiszapfen, das Eis schimmert blau und grün. Die perfekte Einstimmung auf den Nordpol.
Mit Huskys und Wissenschaftlern in der Antonow
Zurück im Hotel ruft mich Leo an, der Barneo-Kontaktmann in Longyearbyen. Ich soll zum Flughafen kommen, um meine Ausrüstung kontrollieren zu lassen. Mit strengen Augen überprüft Leo die Qualität meines Schlafsacks und meiner Bekleidung. Ich zeige ihm meinen auch bei minus 40 Grad Celsius noch warmen Daunenschlafsack, meine Daunenjacke und -hose, arktistaugliche Winterstiefel, sehr warme Handschuhe, eine Frostschutzmaske für das Gesicht, eine warme Mütze, ein sturmfestes Zelt und eine besonders dicke Isomatte. Er zeigt sich zufrieden und bestellt mich für den nächsten Tag spätnachmittags zum Flughafen.
Mit mir fliegen 21 andere Passagiere zum Barneo-Camp, die Hälfte Wissenschaftler, die andere Hälfte Männer, die mit Skiern zum Pol gehen. Ein Frau ist an Bord, ihr gehören die sechs Huskys, die im Gepäckraum bellen. Sie will mit dem Hundeschlitten zum Pol. Die Platzverhältnisse sind beengt, aber die Stimmung an Bord ist euphorisch. Alle sind glücklich, dass es los geht. Niemand stört sich an der fehlenden Bordtoilette oder dem beißenden Brandgeruch, der von Kartoffeln stammt, die der Bordtechniker auf einer Herdplatte schmoren lässt.
Einzig das Wetter macht mir Sorgen, denn Schleierwolken und Dunst sind der Feind jedes Fotografen. Die Aussicht durch die Luke verheißt auch weiter nördlich keine Verbesserung. Ab und zu geben die Wolken einen Blick auf den Arktischen Ozean frei, der im April nördlich von Spitzbergen bis auf wenige offene Stellen noch gefroren ist. Der Flug dauert gut zwei Stunden und führt über elf Breitengrade nach Norden.
Camp auf schwimmenden Eis
Die Position des Barneo-Camps beträgt 89,2 Grad Nord, 156 Grad Ost, wobei sich diese ständig ändert. Denn das Lager steht nicht auf einer Landmasse, sondern wird Jahr für Jahr auf einer Eisscholle errichtet, die sich diesen April mit einer Geschwindigkeit von 0,6 km/h von Südwest nach Nordost bewegt. Das Eis schwimmt also - was den Betrieb der Landebahn und des Camps zu einem schwierigen Unterfangen macht.
Plötzlich blitzt die Sonne in die enge Kabine, wir haben die Wolkenbänke im Süden zurückgelassen und klares Wetter. Der vereiste Ozean glitzert nun im Licht der tiefstehenden Sonne, ab und zu ragen hausgroße Blöcke aus dem Eis, die die Eisdrift aufgetürmt hat. Der russische Pilot legt die Antonow in eine enge Kurve, für Sekundenbruchteile sehe ich die blauen Zelte des Barneo-Camps.
Kurze Zeit später setzt die Antonow auf dem Eis auf, der Pilot bringt sie gerade noch vor dem Ende der Landebahn zum Stehen. Der Bordtechniker stößt die Luke auf, ein heftiger Wind bläst eisige Luft in die Kabine. Wir sind am 89. Breitengrad!