"Ol' Man River" Mississippi Das große Wasser
New Orleans - Im hohen Norden der USA liegt der kleine Lake Itasca. Einer von hundert Seen, inmitten von Sümpfen und Gehölz. Im Winter fegt ein kalter Nordwind aus den Prärien Kanadas herunter. Die Indianer nannten das Land Minnesota. Wo früher Trapper und Siedler gegen die raue Natur kämpften, findet man heute Felder und Wiesen mit sauberen, weißen Farmhäusern. Hier am Lake Itasca entspringt der Mississippi, hier beginnt das Herz Amerikas zu schlagen, wie manche sagen. Ein kleines Flüsschen noch, das 3765 Kilometer weit von hier als mächtiger Strom am Delta in den Golf von Mexiko münden wird. Die Indianer gaben dem Fluss seinen Namen: Mesipi - das große Wasser.
"Ol' man river", heißt es in dem berühmten Song, "er muss etwas wissen, aber er schweigt und fließt einfach weiter." Wie anderen großen Flüssen wird dem Mississippi in Liedern und Geschichten eine Seele zugesprochen, Temperament und Weisheit. Auf ihm spielte sich amerikanische Geschichte ab. Er könnte von der Besiedlung erzählen, von der Vertreibung der Indianer, von Bürgerkrieg und Industrialisierung, von Sklaven, Millionären und Glückssuchern. Die Schicksale einzelner Menschen und der ganzen Nation sind eng mit diesem Strom verknüpft.
Aus den Sümpfen um Lake Itasca windet sich der Fluss in das breite Farmland hinaus. Bald mündet der Minnesota-Fluss, und die Reise geht durch den fruchtbaren Mittelwesten der USA. Die nördliche Hälfte des großen Flusses bis hinunter nach St. Louis ist gezähmt: Das Corps of Engineers hat den Mississippi mit einem ausgeklügelten System von 27 Staudämmen und Schleusen unter Kontrolle gebracht; fast jedenfalls, denn immer wieder einmal tritt der Fluss über die Ufer. Die Dämme ermöglichten aber zumindest eine geregelte Schifffahrt. Entlang den Ufern entstand eine Kette von Naturparks - Paradiese für Vögel, Fische, Rehwild.
Mark Twain verewigte den Mississippi in der Literatur
Am gezähmten Oberlauf münden der St. Croix, der Chippewa, der Wisconsin, der Des Moines und der Illinois River. Im Städtchen Hanibal wuchs Samuel Longhorne Clemens auf, der später als Mark Twain den Mississippi in der Literatur verewigen sollte. Als kleiner Junge sah er die Raddampfer vorbeiziehen. St. Louis, wo der Missouri einmündet, war einmal der größte Binnenhafen der USA. In ihrer großen Zeit ab 1810 transportierten die Flussdampfer fast alles: Tiere, Weizen, Kohle und Passagiere. Die Ära der Dampfschiffe ist aber längst vorüber.
Von St. Louis fließt der Strom ungehindert zum Meer. Auf dem Weg münden der Ohio, der Red River und der Arkansas ein. Fährt man mit dem Strom nach Süden, spürt man die Veränderung: Das Tageslicht wird heller, die Luft milder. Bei Memphis in Tennessee ist der Southern Belt der USA erreicht. Die Maisäcker sind Baumwollfeldern gewichen, statt Country-Musik werden Blues und Jazz gespielt. Ärmliche Hütten mit reglos davor sitzenden Schwarzen erinnern an die Geschichte, daran, dass der Süden immer die Hauptlast von Armut und Krisen tragen musste.
Diesen unteren Lauf des Mississippi von St. Louis bis New Orleans kann man noch heute befahren. Schmucke weiße Raddampfer laden ein, den Strom intensiv kennen zu lernen. Das Reisen auf dem mächtigen Fluss entführt den Besucher aus der hektischen, lauten Welt in den langsamen, natürlichen Rhythmus des Stromes. Man lebt auf dem Schiff, und Amerika zieht geruhsam vorbei. Es werden auch mehrtägige Ausflüge zu bestimmten Themen angeboten. Zum Beispiel referieren Historiker über die Schlachtfelder des Bürgerkrieges oder Musik-Experten über den Jazz.
Vorletzte Station des Mississippi ist die schillernde Großstadt New Orleans, die auch als unamerikanischstes Fleckchen der USA bezeichnet wird. Die europäisch anmutende Metropole wurde durch ihren Jazz und ihren Karneval weltberühmt. Hier herrscht südliche Atmosphäre, hier wird intensiver gelebt als im Norden, laut und bunt, mit Gerüchen, Speisen und Klängen eines ethnischen Schmelztiegels: Kreolen, Afrikaner, Franzosen, Deutsche, Spanier und Angloamerikaner kamen hier zusammen. Das French Quarter, die brodelnde Touristenattraktion, liegt direkt am Ufer des Mississippi. Hinter New Orleans liegt nur noch das Meer, in dem die Reise des mächtigen Stromes endet.
Von Jörg-Michael Dettmer, gms