Oman: An der gelben Tonne links - DER SPIEGEL
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Oman An der gelben Tonne links

Das Sultanat Oman galt bis Ende der sechziger Jahre als das Tibet des Mittleren Ostens. Es war von der westlichen Welt komplett abgeschirmt. Erst 1970 öffnete sich das Land. Heute ist es das ideale Ziel für Abenteurer.
Von Barbara Steinbauer-Grötsch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Muscat - Leise gluckert das Wasser in den blauen Plastikkanistern, die sicher verstaut zwischen Campingausrüstung und Reiseproviant stehen. Die 80 Liter müssen reichen für die nächsten drei Tage, zum Kochen, Waschen, Abspülen und notfalls auch zum Trinken. Reichen muss auch das Benzin. Denn auf der Tour durch den Huqf, eines der abgelegensten Gebiete des Landes, gibt es nichts. Nichts, außer unberührter Natur und - einer gelben Tonne.

Sie steht auf der Koordinate 2241850 Nord/531800 Süd. Sie müssen wir finden. Sie weist uns den Weg zurück in die Zivilisation. Zumindest laut Detailkarte und Wegbeschreibung. Ich blicke aus dem Fenster auf die unendliche Geröllwüste links und rechts der Straße und hoffe inständig, dass das GPS-Gerät, mit dem wir uns orientieren, nicht ausfällt.

Geplatzte Reifen sind an der Tagesordnung

Nach vier Stunden Fahrt von Muscat taucht in der flimmernden Hitze am Horizont das erste der drei Rasthäuser an der Strecke nach Salalah auf, das Gahba Resthouse.

Das einfache Hotel samt Tankstelle liegt hinter einer mannshohen Mauer. Ein paar Bäume spenden Schatten. Auch einer der typischen kleinen Imbissläden hat geöffnet, in denen der allgegenwärtige gelb-rot verpackte Lipton-Tee in Plastikbechern ausgeschenkt wird. Auf der anderen Straßenseite kümmert sich ein indischer Automechaniker um seine Kundschaft. Das Geschäft geht gut. Geplatzte Reifen sind hier an der Tagesordnung.

Zum letzten Mal TTT

Zum letzten mal TTT - Tanken, Tee, Toilette - danach geht es hinein in das Gebiet des Huqf, das sich südöstlich von Gahba bis an die Küste bei Duqm erstreckt. Das Sultanat Oman ist fast so groß wie Deutschland, aber nur von zwei Millionen Menschen bewohnt. Viel Platz für menschenleere Wüsten.

Die Schotterpiste fordert das letzte von unserem Wagen. Wie auf einem überdimensionalen Waschbrett rattern die Reifen über beinharte Bodenwellen. Gelegentlich bescheren kratergroße Schlaglöcher einen zusätzlichen Rütteleffekt. Nach einer Weile sehe ich die ersten Sanddünen auf dem Weg. Der Allradwagen pflügt sich anfangs noch problemlos hindurch, muss jedoch schon bald vor mannshohen Wanderdünen kapitulieren. Jetzt hilft auch die Detailkarte, auf der jeder Baum und Strauch verzeichnet ist, nicht mehr weiter. Mit GPS und Kompass müssen wir uns den Weg bahnen zu unserm Nachtlager bei Saiwan.

Sand bis zum Horizont

Hier, wo man nur Sand sieht, soweit das Auge reicht, floss in der letzten Eiszeit vor etwa 10.000 Jahren Wasser, lebten Menschen. Mit geübtem Auge kann man dieser Vergangenheit entdecken. Perfekt geformte Handäxte unterschiedlicher Größe liegen neben Abfallsplittern, als hätte sie erst gestern jemand dort zurückgelassen.

Nach einigen waghalsigen Manövern durch den weichen Nachmittagssand ist es schließlich geschafft. Die Zelte stehen, der Grill glüht - die Sonne ebenfalls. Wie ein roter Ball versinkt sie hinter den Dünen. Ich denke an die gelbe Tonne. Hoffentlich kommen wir dort an.

Erdgeschichte links und rechts der Piste

Am nächsten Tag steht Erdgeschichte auf dem Programm. Versteinerte Baumstämme ragen aus dem sandigen Grund. Ohne Sauerstoff verwandelte sich hier vor Millionen von Jahren Holz in Stein.

Nach einer verwegen Fahrt durch butterweichen Sand tut sich ein weiterer faszinierender Anblick auf. Über Hunderte von Metern zieht sich ein Band aus Fossilen, bis zu einem Meter hohen Rudisten, durch den Stein.

Rudisten sind hornähnlich geformte, festsitzende Meeresmuscheln, die vor rund 140 bis 65 Millionen Jahren im oberen Jura und der Kreidezeit existieren und zusammen mit den Dinosauriern ausstarben. Aus ihren Schalen bildeten sich häufig Riffe und Gesteine, in denen sich Öl fing. Aus diesem Grund besuchen auch Mitarbeiter der staatlichen Petroleumgesellschaft PDO diesen Aufschluss. Hier können sie Rückschlüsse auf die Beschaffenheit von Ölfeldern ziehen.

Nachtlager zwischen kargen Büschen

Inzwischen ist es spät geworden. Mit dem Tagesziel in der Nähe der gelben Tonne, wird es wohl nichts mehr. Im Dunkeln schlagen wir unser Zelt auf einer mit kärglichen Büschen bewachsenen Hochebene auf und kriechen in unsere Schlafsäcke. Am nächsten Morgen heißt es früh aufbrechen, denn bis zur Koordinate 2241850 Nord/531800 Süd sind es einige Stunden Fahrt.

Erbarmungslos brennt die Sonne auf die unendliche Weite. Immer wieder gehen von unserem Pfad Wagenspuren ab. Führen sie zu Wasserstellen, zu Beduinenlagern oder zu unserem Orientierungspunkt? Wir starten mehrere Fehlversuche, folgen Fährten, die ins Nichts führen. Mir wird mulmig. Wasser haben wir zwar noch reichlich, aber Zeiger der Tankuhr neigt sich gefährlich nach unten.

Zurück in die Zivilisation

Doch dann taucht sie doch noch auf, wie eine Fata Morgana am Horizont: die gelbe Tonne. Hier geht es links ab, zurück in die Zivilisation. Noch nie war ich so froh, ein schäbiges leeres Blechfass zu sehen. Wenige Minuten später tut der Motor blubbernd seine letzten Züge.

Unser Begleitauto schleppt uns bis zur nächsten Tankstelle. Im Vergleich zu ihr verfügte die Pumpstation im Gahba Resthouse geradezu über Luxus-Equipment. Hier gibt es weder Zapfsäule noch Zähler. Dennoch lächelt der indische Tankwart zuversichtlich und deutet auch einen Maschendrahtverschlag. Und tatsächlich - auch hier stehen, Wunder, oh Wunder, Blechtonnen. Sie sind nicht gelb, sondern rot und blau - und voll mit Benzin. Geschafft!

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