Osterinsel: Mehr als die Moai
Osterinsel Mehr als die Moai
Sie ist klein, hat viel Grasland und nur eine Stadt - und ist trotzdem weltbekannt: die Osterinsel im Pazifik. Rund 50.000 Menschen reisen jährlich zu dem chilenischen Eiland, um die Moai zu sehen, riesige Steinfiguren mit übergroßen Köpfen, langen Ohren und breitem Kinn, aufgestellt vor Hunderten Jahren.
Die Einheimischen haben sich längst auf die vielen Gäste eingestellt. In Hanga Roa, dem einzigen Ort der Insel, verkaufen sie Kunsthandwerk, arbeiten in Restaurants oder Hotels oder bieten Ausflüge an. Das Standardprogramm sind Touren zu den wichtigsten Gedenkstätten der Moai im Minibus und mit Fremdenführer.
Doch vier Einheimische haben sich für die Besucher etwas Neues überlegt - einen Tourismus, der der Insel mehr bringt als Geld. Hier stellen sie sich und ihre Projekte vor:
Sebastián Cerda, 40, ist Besitzer und Architekt der Öko-Apartments Morerava in Hanga Roa. Mit ihnen hat er dreimal den Architektenpreis The Architizer A+ Awards gewonnen.
"Bisher gab es auf der Insel viele Übernachtungsangebote für Pärchen, aber nur wenige für Familien. Das wollte ich ändern und plante Designerapartments für bis zu sechs Personen. Mein Ziel war, so wenig Baumaterial wie möglich zu verwenden. Denn auf der Insel gibt es eigentlich nur Gras und ein paar Bäume, also kaum natürliche Ressourcen.
Deshalb bauten wir die Bestandteile der Apartments auf dem Festland und transportierten sie mit dem Schiff auf die Insel. Dort mussten sie nur noch zusammengeschraubt werden. Leicht war das nicht. Fehlte etwas, musste man oft tagelang warten, bis es das nächste Schiff vom Festland bringen konnte. Dadurch verloren wir viel Zeit.
Insgesamt dauerte es sechs Monate, bis die vier Apartments standen. Das Design ist einfach und praktisch. Im Grunde besteht jedes Apartment aus einer Box aus Kiefernholz. Der Clou sind die Fenster: Sie befinden sich an einer Seite unter dem Dach, an der anderen am Boden.
Dadurch zirkuliert die Luft besser. Man braucht keine zusätzlichen Ventilatoren. Und die Apartments können dicht nebeneinander stehen, ohne dass einem die Nachbarn ins Wohnzimmer gucken können. Regenwasser sammeln wir, um Blumen zu gießen. Und über Solarzellen auf dem Dach heizen wir das Leitungswasser. Alles ist darauf angelegt, das natürliche Bild der Insel so wenig wie möglich zu stören."
Margarita Cáceres, 33, betreibt mit ihrem Verlobten Beto Tepano Rapu, 41, die Agentur Amua und bietet Touristen eine klassische Hochzeitszeremonie an - mit Kostüm und Federschmuck.
"Immer mehr Menschen wollen auf der Osterinsel heiraten. Sie ziehen eine traditionelle Zeremonie der Rapa Nui einer standesamtlichen oder kirchlichen Hochzeit vor. Wir tun alles, damit sie das nicht bereuen. Ich kümmere mich um das Organisatorische, Beto übernimmt das Kreative.
Die Gäste lernen bei uns nicht nur die wesentlichen Elemente der Kultur der Rapa Nui kennen, sie werden Teil eines Gesamtkunstwerks. Sie ziehen sich die traditionellen Kostüme der Rapa Nui an, die unter anderem aus Bananenstaudenrinde, anderen einheimischen Pflanzen und Federn bestehen. Und sie legen sich Ketten und Kopfschmuck aus Muscheln und Federn um.
Beto bemalt ihre Körper mit Ornamenten, es gibt Musik und Umu, das traditionelle Festtagsgericht: Hühnchenfleisch, heimische Wurzelknollen und weitere Leckereien werden dafür in einem Loch im Boden auf heißen Steinen und Bananenblättern gegrillt.
Wir lassen alles professionell fotografieren und filmen, damit die Gäste eine Erinnerung an den Tag haben. Und selbstverständlich passen wir die Zeremonie nach ihren Wünschen an. Einige Besucher zum Beispiel verzichten lieber auf die traditionellen Kostüme. Nicht jeder mag es, mit nur wenig Stoff bekleidet im Freien zu stehen. Das ist natürlich okay, es soll ja der schönste Tag in ihrem Leben werden."
Mario Tuki, 29, pflanzt einen Baum für jeden Touristen, dem er die Insel zeigt .
"Ich habe für so ziemlich alle Agenturen gearbeitet, die hier auf der Insel Führungen anbieten. Doch man gilt dort nichts, wenn man kein Englisch spricht oder keinen Führerschein hat. Das hat mich gestört. Deshalb habe ich mein eigenes Geschäft aufgemacht und biete verschiedene Touren an - von Tauchen über Höhlenforschung bis hin zu Reiten und Trekking.
Es sind nicht nur die typischen Rundfahrten zu den Moai. Ich will zeigen, wie die Einheimischen leben. Dafür bringe ich Gäste mit meinen Bekannten und Freunden zusammen. Wer beispielsweise eine Reittour bucht, kann einen Pferdezüchter treffen und sich mit ihm über seine Arbeit unterhalten. Und wer etwas über das Handwerk der Insel erfahren will, besucht einen Künstler zu Hause, isst mit ihm und unterhält sich dabei über seine Werke. Davon profitieren alle: Die Gäste erleben etwas Authentisches. Und die Einheimischen erfahren Wertschätzung für ihre Arbeit.
Außerdem pflanze ich mit meinen Gästen bei jeder Tour Bäume: pro Person einen, also einen für jeden Besucher und natürlich auch einen für mich. Die Bäume sind einheimische Arten, denn die gibt es auf der Insel kaum noch. In Zukunft soll hier wieder Wald wachsen."
Mahani Taeve, 32, baut mit ihrem Mann Enrique Icka, 31, eine Musikschule für Einheimische und Gäste .
"Hier auf den Straßen hört man Spanisch und Englisch - aber leider kaum noch Rapa Nui, die Sprache unserer Vorfahren. Es gibt vier Schulen auf der Insel und nur in einer lernen die Kinder noch Rapa Nui. Sie vergessen die Kultur unserer Ahnen! Deshalb bauen wir ein Kulturzentrum.
Die Kinder sollen dort Instrumente wie Klavier, Geige und Ukulele lernen und viel über die Kultur der Rapa Nui erfahren. Wir singen traditionelle Lieder, tanzen und lernen das Handwerk unserer Vorfahren. Und wir sprechen mit ihnen so viel Rapa Nui wie möglich. Über die Musik wollen wir Werte wie Respekt und Disziplin vermitteln, was die Kinder hoffentlich später von Alkohol und Drogen abhält.
Die Klassen sollen kostenlos sein, damit jeder mitmachen kann. Gleichzeitig wird die Schule ein Ort für Besucher sein. Sie sind eingeladen, mit uns den Tag zu verbringen und uns von ihrer Kultur zu erzählen. Die Architektur der Schule ist außergewöhnlich: Sie besteht zu einem Großteil aus recycelten Materialien. Fenster sind zum Beispiel aus bunten Plastikflaschen, Wände aus Autoreifen und Lehm. Auf dem Grundstück bauen wir Obst und Gemüse an und verkaufen es.
Unsere Idee ist, dass sich dadurch die Ernährung der Menschen verbessert. Auch über die Medizin unserer Ahnen soll man hier etwas erfahren können. Im März nächsten Jahres wird das Zentrum offiziell eröffnet, Musikunterricht bekommen die Kinder aber schon früher."