Pakistan Land der Berge ohne Namen
Er sei 105 Jahre alt, sagt mir der greise Mann vor der Pforte des Hunza-Palastes, hoch oben über Karimabad im Hunza-Tal. Seine Aufgabe besteht darin, ab und zu Touristen durch die alten Gemäuer zu führen und dabei Geschichten zu erzählen. Er wirkt vital und gesund, breite Lachfalten durchziehen sein vom Wetter gegerbtes Gesicht und ein einziger Schneidezahn steht wie ein Monolith in seinem ansonsten zahnlosen Mund. Seine Augen sprühen vor Freude, als er mir die Geschichte von Shambek erzählt, der vor bald 100 Jahren von Shimshal über den Muztagh-Pass hinüber nach Askole ging.
Ali Rahman aus Shimshal ist unser staatlich autorisierter Guide. Nach Jahren des Wartens erhielt ich endlich die Genehmigung, von Shimshal durch das Braldu-Tal ins Muztagh-Tal zu gehen und von dort aus einen Weg an der K2-Nordwestflanke entlang hinüber ins Baltoro-Gebiet zu suchen. Lange hatte ich darauf gewartet, nie zuvor durfte ein Tourist ins Muztagh-Tal. Der einzige, der jemals von dort berichtete, war Sir Francis Younghusband. 1889 kam er aus dem chinesischen Shaksgam-Tal und ritt durch das Muztagh- und Braldu-Tal zum Shimshal-Pass mit dem Auftrag, den Mir von Hunza aufzusuchen. Und eben jener Shimshali Shambek, von dem mir der Alte in Baltit vor Jahren erzählte und mich damit, ohne es zu ahnen, mit der Idee Shambeks Pfaden zu folgen infizierte.
Satellitenfotos zur Orientierung
Wir nehmen in Gilgit nur das Nötigste an Ausrüstung mit: 150 Meter statisches Fixseil, zwei Pickel, zwei Paar Steigeisen. Verpflegung für 30 Tage nach Hunza-Art, das heißt Mehl für Fladenbrote, Dal, Reis, Öl, Tee, Trockenmilch, Salz, getrocknete Zwiebeln und Aprikosen, getrocknetes Gemüse. Zur Orientierung dienen Satellitenfotos, brauchbares Kartenmaterial ist ja nicht vorhanden.
10. Juli 2006. Mit einem Jeep sind wir unterwegs nach Shimshal. Bis vor drei Jahren musste man noch mindestens drei Tage zu Fuß gehen, um in das abgelegene Dorf in einer Höhe von 3095 Meter zu gelangen. Wir nächtigen in Ghulam Shahs Haus, ein langjähriger Freund und Mitarbeiter unserer pakistanischen Agentur. Wir, das sind Qurban aus Gulmit, Alif aus Chapursan, Rahman und ich. Am Abend kommt Mehman Khan zusammen mit Ali Sher, Mohammed Jahn und Eid Mohammed in unser Haus. Sie möchten uns als Träger begleiten. Zusammen mit Alif, Rahman und Qurban sind wir eine sehr gute Mannschaft.
Unser erstes Ziel ist Shuwert, die Hochweide der Shimshali-Bauern. Über Put-Put, Pastfurzin und Parien (3654 m) gelangen wir in drei Tagen nach Shujerav (4373 m). Die Hochweide liegt kurz vor dem Shimshal-Pass (4755 m), umrahmt von weißen Gletscherbergen. Nachmittags erreichen wir das Sommerdorf Shuwert. Im Osten und Süden sieht man den Butschboy-Sar, Gardan-Sar und den Mad-el-Sar. Letzterer befindet sich schon im Braldu-Tal. Sar bedeutet in der Sprache der Wakhis "Berg".
Am nächsten Morgen gehen wir von Shuwert nach Osten hinunter ins Braldu-Tal. Es ist heiß trotz der Höhe und die Luft flimmert. Das gewaltige Braldu-Tal liegt ausgebreitet vor uns. Weit unten sieht man schon die grüne Blumenwiese von Chikar, die erste Oase im Braldu-Tal. Über die Oasen Ghoskun, Lobkomush und Targ-Dur gelangen wir in vier Tagen nach Furzin-i-dasht. Diese Oase markiert den nördlichsten Punkt des Shimshal-Territoriums. Hier fließt der Braldu- in den Muztagh-Fluss. Ein Monolith 1964 errichtet markiert die Grenze zu China. Ich bin der erste Tourist an diesem Grenzstein.
Ketten namenloser Gipfel
Um in das Muztagh-Tal zu gelangen, müssen wir über den Chindrikin-Wajeen. Ein steiler Pass, für den wir zwei Tage benötigen. Mein GPS zeigt 5155 Meter auf dem höchsten Punkt. Der Rundumblick ist einzigartig. Drei Gipfel in unmittelbarer Nähe sind über 6000 Meter hoch. Den mittleren taufe ich Lina Peak, nach dem Namen meiner Tochter. Wem ist es schon gegönnt, namenlose Gipfel zu finden. Hier im Muztagh-Tal gibt es Dutzende.
Im Süden und Osten reihen sich Gipfel an Gipfel, manche höher als 7000 Meter. Eine Karte gibt es nicht über dieses Gebiet, ein weißer Fleck. Nach Osten zieht sich das gewaltige Muztagh-Tal. Ich schichte auf N 36°2442,5 / EO 76°0103,5 in 5155 Meter Höhe einen Steinmann und nenne diesen Vermessungspunkt Meikels Point.
Sieben Tage kämpfen wir uns das Muztagh-Tal entlang, wobei die größte Schwierigkeit darin besteht, immer wieder in die steilen Geröllflanken des Tales auszuweichen, da das Flussbett durch den tiefen, reißenden Gletscherfluss unpassierbar ist. Zum Teil müssen wir dabei 200 Meter hohe Geröllflanken mit Fixseilen versichern. Mehrmals denke ich ans Umkehren. Doch Dank der Zähigkeit und Beharrlichkeit insbesondere von Alif und Mehman Khan finden wir immer wieder ein Schlupfloch und kommen weiter nach Osten.
Einmalige Aussicht auf den K2
Gegen Nachmittag des 26. Juli erreichen wir durch die Wüste des Muztagh-Tals die Oase Kajul-Retsch in einer Höhe von 3631 Metern. Früh brechen wir am 27. Juli auf. Erneut müssen wir den braunen Fluten des Muztagh in die steile Flanke ausweichen. Wieder finden wir einen Durchschlupf in einer Höhe von 4112 Metern. Wir taufen den Wegpunkt Ali-Mehman-Pass. Durch das heiße und sandige Muztagh-Flussbett geht es weiter nach Osten bis zu einer Stelle, an der rechts aus einem breiten Seitental ein wilder Gletscherfluss hinunterschießt. Im Süden steht ein breites Bergmassiv mit zwei sehr schönen Gipfeln. Doch am Horizont im Osten zeigt sich eine weitere gewaltige Bergflanke über dem Muztagh-Tal.
Ein Freudenschrei: Das muss er sein, der K2 oder Chogori, wie ihn die Einheimischen nennen. Es ist die Nordwestflanke des zweithöchsten Berges der Erde. Bisher war es nur wenigen gegönnt, den K2 aus dieser Perspektive zu sehen. Links daneben der 6640 Meter hohe Shipton Peak und noch weiter links der 7550 Meter hohe Skyang Kangri (Staircase).
Das Muztagh-Tal wird noch breiter. Auf der gegenüberliegenden Talseite zweigt nach links das Shaksgam-Tal nach China ab. In einem Tag könnten wir von hier zum Basislager der Nordwand des K2 gehen. Wir bleiben aber auf der pakistanischen Seite und folgen dem Muztagh-Tal weiter nach Süden. Am 28. Juli erreichen wir den Skamri-Gletscher, er speist zusammen mit dem von Westen kommenden Wesm-Gletscher den Muztagh-Fluss. Auf 4625 Meter Höhe errichten wir das Muztagh-Gate-Peak-Basislager. Am Morgen des 31. Juli brechen wir auf. Hinter einem Labyrinth von Eistürmen taucht im Nordwesten ein markanter Gipfel auf, der Muztagh-Tower. Und schließlich der Muztagh-Pass.
Am darauffolgenden Tag erreichen wir den Baltoro-Gletscher und schon am 4. August Askole. Meine Freunde aus Shimshal sind die Helden. Nun sind auch sie den Weg von Shimshal nach Askole gegangen, genau wie Shambek vor 98 Jahren.
Das Ministerium für Tourismus und der Alpine Club Pakistan bekamen einen ausführlichen Bericht über die Tour. Sämtliche Camps, Pässe und auch die "gefundenen" Gipfel wurden offiziell benannt. In Zukunft ist das Gebiet für Touristen geöffnet, allerdings als "restricted-area". Das bedeutet: Nur über eine pakistanische Agentur und mit einem staatlich lizenzierten Guide kann man eine solche Tour unternehmen.