Panamericana: Bis zum Ende der Welt - DER SPIEGEL
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Panamericana Bis zum Ende der Welt

Die längste Straße der Welt führt von Alaska nach Feuerland. Während sie in Nordamerika kaum gekennzeichnet ist, stellen sich in Südamerika Hindernisse politischer Natur in den Weg. Doch Wüste, Ozean und Pampa entschädigen für Unwegsamkeiten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Panamericana ist ein Mythos. Sie gilt als längste Straße der Welt. Streng genommen existiert sie jedoch nicht als zusammenhängende Strecke. Fest stehen nur die Endpunkte: Alaska im Norden, Feuerland im Süden. Der Weg ist nicht zweifelsfrei festgeschrieben, 48.000 Kilometer Schnellstraße werden zu der Panamericana gerechnet. In Nordamerika ist sie als solche allerdings nicht gekennzeichnet, weswegen unterschiedliche Interpretationen über den Verlauf der Route kursieren. So lässt sich auch die längste Strecke kaum genauer ausdrücken als mit "um die 20.000 Kilometer".

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Entlang der Panamericana: Zwischen Anden und Atacama

Foto: GMS

Die Idee von einer kontinentübergreifenden Schnellstraße entstand 1923 auf der 5. Internationalen Konferenz der Amerikanischen Staaten, 1936 wurde das Straßenbauwerk vertraglich besiegelt. Doch die Panamericana wird nur in Südamerika als solche eindeutig klassifiziert, entsprechend beschildert und damit quasi amtlich.

Doch ganz sicher kann sich der Reisende selbst dann nicht fühlen, wenn er erst auf dem südlichen Kontinent die Reise entlang der Panamericana beginnt. Jedoch aus einem anderen Grund: Die politischen Wirren in Ecuador sorgen teilweise für Ausnahmezustände, doch wer sich an den Rat örtlicher Reisebüros oder der Hotelrezeption hält, bestimmte Viertel oder Regionen meidet und Ausgangssperren beachtet, hat als Reisender wenig zu befürchten.

Die Lage im benachbarten Kolumbien gilt als derart explosiv, dass man touristische Besuche besser ganz unterlässt. In Peru sind die Elendsviertel am Stadtrand von Lima zu meiden. Generell empfiehlt es sich sowohl in Ecuador als auch in Peru, auf nächtliche Überlandfahrten mit dem Leihwagen zu verzichten. Tagsüber besteht dagegen in beiden Ländern kaum ein Risiko, in Gefahr zu geraten.

Von schreienden Affen bis schrillem Plastikramsch

In den Metropolen längs des Weges lässt sich der Durst nach Kunst und Kultur stillen. Ob Quito, Lima oder Santiago de Chile: Man wandelt in den alten Stadtkernen stets auf dem Erbe der kolonialen Vergangenheit. Opulente Architektur, Denkmäler, geräumige Piazzas oder Viertel, die von engen Gassen geprägt sind, zeugen von ihrem spanischen Ursprung. Auf den Märkten der Städte, kann man die Alltagskultur erleben: Von Fleisch, Käse, Obst und Gemüse über Kunst, ausgestopfte und lebende Äffchen oder Schlangen bis hin zu schrillem Plastikramsch gibt es wirklich alles.

Das bloße Springen von Stadt zu Stadt vermittelt nur wenig vom Charakter der Panamericana. Es sind die Strecken dazwischen, die ihre Faszination ausmachen. Von Quito aus führt der Weg häufig in engen Kurven zunächst noch an den baum- und strauchbestandenen Hängen der Anden entlang und schraubt sich auf Höhen von bis zu 3000 Metern. Die Straße folgt dann engen Tälern und wandert abwärts in Richtung Küste, die sie in Chiclayo, kurz hinter der peruanischen Grenze, erreicht. Es ist eine seltsame Welt, die sich hier auftut: Mit schaumgekröntem Haupt rollt rechter Hand die donnernde Brandung des pazifischen Ozeans heran auf lange, weiße Strände. Linkerhand aber dehnt sich die Wüste aus. Karstiges Gestein, Geröll und Sand. Immer wieder Sand, in allen Farben: Gelb, Ocker, Rot, Grau und Schwarz. Nur wenige Täler durchschneiden diese Ödnis mit ihrem satten Grün, den Bananenplantagen und Gemüsegärten, die aus den Wassern von meist halb versiegten Flussläufen gespeist werden.

Atacama-Wüste: Höhepunkt an bizarrer Einsamkeit

Wer sich auf die Monotonie der Wüste einlässt, wird von dieser kargen, lebensfeindlichen Welt auf sonderbare Art vereinnahmt. Die Wüste weckt, neben einem Ur-Instinkt der Bedrohung, auch eine Ahnung von Weite und Freiheit, ebenso wie das benachbarte Meer. Auf einer Strecke von über 3000 Kilometern reichen sich an den Küsten Perus und Chiles die beiden nur scheinbar so unterschiedlichen Elemente die Hand, und die Atacama-Wüste stellt dabei den Höhepunkt an bizarrer Einsamkeit dar.

Erst nördlich von Santiago entlässt die Wüste den Besucher aus ihrer heißen Hand. Die Panamericana führt nun durch hügelige Landschaften, die mit ihren Wiesen und Wäldern beinahe ans Allgäu erinnern, und streift die Weinbaugebiete des mittleren Chile. Kurz hinter Osorno aber knickt sie jäh nach Osten ab. Die Nationalparks Puyehue auf chilenischer und Nahuel auf argentinischer Seite malen ein Bilderbuchpanorama in den klaren Horizont: grandiose Berglandschaften mit dichten Wäldern, klaren Seen, stillen Bächen und donnernden Wasserfällen vor dem Hintergrund der scharf geschnittenen, schneebedeckten Gipfelketten der Hochanden.

Umso krasser fällt der Unterschied zu Patagonien aus, wo die Weiten der Pampas warten: ein scheinbar endloser Teppich aus büscheligem Gras, das sich in ewig wehenden Winden duckt und wiegt. So geht das bis zur Magellanstraße, die man entweder bei Punta Arenas oder südlich von Rio Gallegos quert. Auf Feuerland angekommen, werden auf dem Weg nach Ushuaia ein letztes Mal die Anden gestreift. Etwa zwölf Kilometer folgt man noch einer lehmigen Fahrspur hinein in den Nationalpark Tierra del Fuego mit seinen Laubwäldern, Seen und Mooren. Dann endet die Spur, man kommt zu Fuß über einen idyllischen Steig noch ein paar hundert Meter weit. Dort aber, wo das Land sich in felsigen Klippen und zahllosen Inselchen im Meer verliert, endet das große Abenteuer Panamericana. Dort liegt das Ende der Welt.

Von Matthias Huthmacher, gms