Patagonien Landschaft wie Tango
Wie riesige schwarze Finger fahren die langen Schatten über die Estancia Huyliche. Sie tasten über die Terrasse und grapschen nach den leuchtenden Dahlien. Lang und schmal sind denn auch die Bäume, denen der milde Abend dieses Schauspiel verdankt. Die ersten Farmer der Estancia pflanzten Pappeln - wie überall in Patagonien, wo vor allem eins zählt: sich vor dem Wind zu schützen, der einem die Zähne aus dem Gesicht bläst, wie man hier sagt, und das Wellblech von der Hütte reißt; der mit 200 Sachen den Steppengräsern graugrüne Dauerwellen legt und die Vögel rückwärts fliegen lässt.
Patagonien ist die Heimat der Winde, doch auf die Pappeln ist immer Verlass. In Reih und Glied stehen sie nun auch um dieses Gehöft zusammen. Eine stramme grüne Armee, die das Rauschen der Blätter verschwörerisch gegen die Launen des wilden patagonischen Himmels erhebt.
Lockerer geben sich die Arbeiter der Farm, die am Rand des Gartens das rostige Gerippe einer Hollywoodschaukel reiten. Die Glut der Kippen windgeschützt in den hohlen Händen, mit den Stiefeln fest am Boden. Drei Hunde sehen ihnen gähnend zu. Der blecherne Wetterhahn über dem Lattenzaun dreht lässig quietschend den Kopf hin und her, blickt abwechselnd aufs satte Lila des Lago Argentino hinunter, dann auf die malerische Abendröte des vom Sommer erhitzten Landes. Staub, Stachelwerk, knochenfarbene Sträucher und weit dahinter die majestätische Kette der Anden als saubere, weiße Zudecke am Horizont.
Die Männer vor meiner Veranda haben dafür keinen Blick übrig. Stattdessen wird diskutiert, über den Ausverkauf der Heimat etwa. "Fünf Estancias haben sich allein die Benettons unter den Nagel gerissen", weiß ein Typ mit breiten Hosenbeinen.
Der Coup garantiert den Italienern die weichsten Merino-Vliese der Welt. 100 mal 40 Kilometer misst allein La Coronel, die größte ihrer Farmen, die aus dem alten Patagonien ein Stück "United Wool of Benetton" macht. "Und dann noch die Gringos aus Hollywood", presst ein anderer Kerl zwischen den rauen Lippen hervor. Sylvester Stallone und Michael Douglas reiten an den eigenen Estancias vor. "Schuld ist der Niedergang der Schafwirtschaft", mault ein anderer und alle nicken. Die Überweidung, der Verfall der Wollpreise, der Ausbruch des Hudson-Vulkans, das waren mehrere Katastrophen zu viel. Für Hunderte Gehöfte bedeuten sie das endgültige Aus.
Drehscheibe aller Patagonien-Trips
Nur wenige Pferdeminuten unterhalb der weiß lackierten Zäune des lauschigen Gehöfts mit seinem Eisenofen und Kurbeltelefon erstreckt sich El Calafate, eines der touristischen Zentren Patagoniens und Pforte zum Nationalpark Los Glaciares. Blitzblau leuchtet das eisige Wasser des Lago Argentino tagsüber herauf. Unter den Bäumen der schattigen Alleen, in den Cafés und Cervecerías tummeln sich Trekker aus aller Welt. Die Stadt gilt als Drehscheibe aller Patagonien-Trips. Doch es lohnt sich auch, nur auf einen Drink vorbeizukommen, vor allem, wenn dieser so serviert wird, wie Bernardo das tut. Mit Eis, das er in kleinen Brocken aus dem Moreno-Gletscher kratzt, und auf einem soliden Eisblock als improvisiertem Partytisch. "Whisky on the glacier rocks" ist der malzige Abschiedsgag, den der Guide seinen Gästen serviert - gemeinsam mit einer kleinen Show in Sachen Eisklettern.
Der Platz dafür ist gut gewählt. Wir befinden uns auf der Zungenspitze eines der längsten Eisfelder der Welt. 30 Kilometer weit reicht der spektakuläre Moreno-Gletscher in das Gebirgsmassiv der Anden hinein, als 70 Meter hohe Steilküste fällt er nach vorn hin ab. Blau und hellgrün leuchten seine "Klippen" an dieser Stelle und die ganz enorme Spannung lässt die Eismassen dabei krachen und knurren wie den Magen eines Kolosses auf Diät. Wenn der Riese kalbt und hausgroße Blöcke in den Eiskanal stürzen, hört man dies noch viele Kilometer weiter. Vor Ort haben aber auch die stilleren Momente ihre Reize: Wer in Puerto Bajo de las Sombras auf das Boot zum "Minitrekking" steigt und am anderen Ufer des Eiswasserkanals die Steigeisen anlegt, kann wenig später in glitzernde Tunnels und Grotten eintauchen und dabei blaue Wunder erleben.
Land der Abenteuer
Wild und maßlos erstreckt sich Patagonien bis zum Horizont. Ein welliger, uferloser Ozean aus Gräsern und Wind, über den sich unablässig zerfetzte Zuckerwatte-Wolken schieben. Tankstellen werden zu Oasen und oft sind diese über 100 Kilometer voneinander entfernt. Gemächlich durchziehen hier und da türkisgrüne Flüsse das Land, begleitet vom hellen Grün der ufernahen Weiden. Doch zumeist dominiert Spröderes: die langen Staubfahnen, welche die wenigen Fahrzeuge wie Schleier hinter sich herziehen. Wasser ist rar in dieser Gegend, das kostbarste Geschenk mitunter. Darauf verweisen die zahllosen Plastikflaschen, die sich in dicken Trauben um die Bilder der Schutzheiligen Difunta Correa drängen - Gaben von Patagoniens rauen Truckern, die so die glückliche Heimreise erbitten.
Patagonien ist ein Land, das noch heute sieben Meilen gegen den Wind nach Abenteuer riecht. Die Geschichte der Revolverhelden Butch Cassidy und Sundance Kid, die einst von Ohio bis ins südliche Patagonien ritten, nur um im Kaff Río Gallegos die Bank auszurauben, passt bestens hierher. Wer vor der Asado-Glut die Lammrippen brutzeln sieht und den Rauch bis zum nächsten Tag in den Haaren trägt, versteht das. Doch auch ein zärtliches, offenes Land liegt hier unter der Weite des Himmels. An der einsamen Raststätte zwischen El Calafate und Fitz Roy, am Lago Viedma, päppelt ein Alter sein flauschiges Baby-Guanaco per Fläschchen auf. Guanaquito nennt er es, "kleines Guanaco".
An seinen spitzen Felsnadeln erkennt man den nächsten Superstar Patagoniens schon von weitem: Die vereisten Granitzinnen des Fitz-Roy-Massivs, Olymp aller Freeclimber, die schärfsten Fangzähne der patagonischen Anden ragen da auf. Beim Lago Viedma kreuzen sich die Wege. Ein Abzweiger führt an die einsam gelegene Estancia Helsingfors, ein Musterexil skandinavischer Pioniere. Nördlich des Gletschersees führt die Piste nach El Chaltén, Argentiniens jüngster Stadt.
Erst 1985 wurde der Ort am Fuß des Fitz Roy eilig zusammengezimmert, bevor sich Chile die Gegend unter den Nagel reißen konnte. Der Verlauf der Staatsgrenze ist traditionell umstritten. Leichter lassen sich da die Wanderziele der Trekker-Hochburg definieren. Laguna de los Tres heißt die populärste von ihnen, im Andenken an drei Franzosen, denen 1952 die Erstbesteigung gelang. Still spiegelt sich die ultimative Kletterwand im Wasser des Bergsees. Hielo Sur, das Südkontinentale Eisfeld, streckt der Szenerie seine weiße Gletscherzunge entgegen.
Torres del Paine - Whirlpool mit Eispilzen
Pastellgrünes Schmelzwasser, dramatische Bergkulissen und treibende Eisblöcke dominieren auch jenseits der chilenisch-argentinischen Grenze, unmittelbar südlich des Perito-Moreno-Gletschers. Und als Draufgabe gibt's Herden von Guanacos, die sich im feuchteren Klima des Torres-del-Paine-Nationalparks anscheinend besonders wohl fühlen. Dazu Nandus, Magellangänse, Flamingos und die übrige Paines-Ur-Natur. Kenner zählen den wildromantischen Naturpark zu den schönsten Flecken des amerikanischen Doppelkontinents.
Donnernd stürzt das Wasser des Salto Grande in den Lago Pehoe. An dieser Seite der Anden ist Trockenheit kein Thema, dafür sorgen die dunkelgrau geblähten Pazifikwolken zu jeder Zeit. Doch perfekt ist die unwirtliche Gegend auch so. Mehr noch: Sie ist einzigartig. Ein halbes Dutzend Seen drängen sich vor schroffer Gebirgskulisse. Pie-nee, so tauften die Indianer die Gewässer - "hellblau". Reines Understatement! Das Pastell des Pehoe-Sees schlägt alles und ähnlich spektakulär kommen die treibenden Eisblöcke im nahen Lago Grey daher.
Die Berge stehen dem um nichts nach. Der Cerro Paine Grande wartet etwa mit den Hongos de hielo auf - Eispilzen, die in der Kälte und Feuchtigkeit der subpolaren Zone auf dem Gipfel anfrieren. Ja, selbst zweifarbige Berge kann man sehen: Die Cuernos (=Hörner) del Paine lassen Schichten hellen Granits und schwarzen Schiefers malerisch nach oben stehen. Kein Wunder, dass mit dem "Explora en Patagonia" eines der ersten Designhotels Chiles in die Landschaft gesetzt wurde - allein der Blick vom Open-Air-Whirlpool ist die Dollars wert.
Acht Tage dauert der Paines-Rundweg um die Seen und Gipfel. Wo die Böden trockener werden, duften Romerillo-Stauden nach frischem Rosmarin und Fuchsien leuchten auf Schritt und Tritt. Doch man kann sich auch mal einfach nur treiben lassen - im Idealfall den Río Serrano hinunter, der beim Serrano-Gletscher schließlich in den "Fjord der letzten Hoffnung" einmündet. Seno Última Esperanza - der Name ist bis heute Programm. Hoffnungslos war die Besiedelung der meisten Regionen des südlichen chilenischen Fjordgebiets. Davon zeugen verlassene Außenposten und abgewrackte Schiffe.
Feuerland: Landschaft wie Tango
Landschaft wie Tango
Es gibt passende Musik für das Ende der Welt. Am Stadtrand von Ushuaia füllt Carlos gerade den Schlitz des Auto-Recorders. "Im Herbst muss es Astor Piazzolla sein, der Tango-Magier." Piazzolla ist zwar kein Feuerländer, aber waschechter Argentinier. Irgendwie passt im Moment alles herrlich zusammen: der Typ, der mich auf seiner Pritsche nach Lapataia mitnimmt, ans Ende der Panamericana, die hier als schmale Ruta 3 im Boden versickert; das wütende Wetter; der fulminante Piazzolla. Aufgewühlt wie die See wirbelt er seine Quinten und Terzen herum. Schräg kniet sich das Akkordeon ins Klanggetöse hinein, macht es den gegen den Boden geduckten Bäumen gleich. Sachte schwingt der Wagen im Wind und vor der Scheibe tanzt der Himmel mit Piazzolla den Tango vom Ende der Welt: Dunkelgraue Wolkenfetzen jagen dahin. Die aufgeraute See des Canal Beagle als silbrig glänzendes Parkett.
Dann passiert das Wetterwunder: Die Sonne bricht durch und flutet die bleigrauen Töne hinweg. Stärker als in jeder Wüste kommt sie einem vor, ein Triumph des südlichen Lichts, der die Szenerie nur für kurze Zeit verwandelt, aber dafür mit Dramatik nicht geizt. Schneeweiß baden die Spitzen der Darwin-Kordilleren im Licht. Draußen am Beagle-Kanal umschippern Touristen gerade Argentiniens südlichsten Leuchtturm, ein rotweiß gestreiftes Ausrufezeichen im Dialog der Elemente. Freundliche Seebären und Kormorankolonien bekommt man zu sehen.
Albatrosse, dottergelbe Flechten auf schwarzen Klippen und waagerecht fliegende Gischt. Sieben Grad hat das Wasser, kaum zu glauben, dass die Yahgan-Indianer darin einst nach Muscheln tauchten. Verheerend war für sie nur die Kälte der Europäer, die es vor rund 100 Jahren hierher verschlug. Seitdem gehen an Südamerikas Zehenspitze nur mehr die Anden baden. Tierra del Fuego - Feuerland. Kalt und grau. Magische Chiffre für das Ende der Welt.
An Zutaten für spektakuläre Wanderungen fehlt es nicht. Bäume mit dichten grünen Bärten summieren sich bei Lapataia zum Parque Nacional Tierra del Fuego, dem ältesten Küstenpark Argentiniens. Dichte Moos-Teppiche und Sümpfe in schmutziggelber Farbe überziehen die Böden, daneben türmen sich die knorrigen Bauprojekte von Biberkolonien. Und wenn sich der kurze Sommer dem Ende zuneigt, beginnt der Lenga-Wald zu brennen.
Verbannte, Verbrecher, russische Anarchisten
Blaue Hügel mit rotbraunen Wäldern schieben sich zwischen Gletscher und Meer. Zivilisation bleibt Ausnahmezustand. Der südlichste Golfplatz der Welt drängt neuerdings westlich von Ushuaia ins Bild und ganz in der Nähe schnauft die Lok des "Tren del Fin del Mundo" zwischen 20 Meter hohen Lenga-Bäumen. 1910 von Gefängnisinsassen gebaut, transportierte der Zug anfangs Bauholz und Kalk, Verbannte, Verbrecher und russische Anarchisten. Ein Teil der Geschichte Feuerlands und dessen düsterer Ausstrahlung. Als Insel der Verdammten gilt der Archipel von jeher, als absoluter Grenzfall für menschliche Belastbarkeit.
Als Weltumsegler Ferdinand Magellan 1520 ganz im Norden der Hauptinsel Isla Grande durchs Labyrinth der Fjorde und Riffe navigierte, meuterten selbst hartgesottenste Matrosen. Und Charles Darwin, an Bord des britischen Marinekahns "Beagle", zeigte sich angesichts der "erbärmlichen Ureinwohner" regelrecht geschockt. Doch kein Wunder, dass Feuerlands Indianer lieber nackt gingen, als sich ein Leben lang um das Trocknen der Wäsche zu kümmern. Die Feuer, die sie rund um die Uhr in ihren Booten unterhielten, wärmten besser - und verliehen dem Archipel seinen Namen.
Wer heute Ushuaias Avenida San Martín hinunterschlendert, kann von der Verdammnis nur mehr wenig spüren. Die größte Stadt der argentinischen Tierra del Fuego erlebt dieser Tage einen wahren Boom. Das berüchtigte Militärgefängnis am Ende der Welt hat sich schon vor Jahren in ein Museum verwandelt. Ushuaia setzt heute lieber auf Pubs und die Verhaftung der Langeweile: Bars mit grün getünchten Fensterläden und Bier aus aller Welt, hübsch lackierte Plastik-Pinguine am Straßenrand mit mehrsprachigen Speisekarten in der Flosse, aufgekratzte Stimmung, wohin man blickt. Fin del Mundo? Das findet sich in Ushuaias Shops längst als strategische Aufschrift an Damenslips wieder und auf der Verpackung von feuerländischer Konfitüre.
Bunt gemischt ist das Publikum, das in Kneipen wie dem "Volver" den Königskrabben an den roten Panzer rückt. Yachties aus aller Welt genießen nun die feine Delikatesse. Kap-Hoorn-Umsegler, Antarktis-Veteranen und solche, die es erst noch werden wollen, legen ihre besten Windstärke-Storys wie Trümpfe auf den ungehobelten Tisch.
Valdés-Halbinsel - Sommerfrische für Riesen
Kehrt man Ushuaias Yachthafen den Rücken, so holt einen nach wenigen Minuten das wahre Feuerland ein - ein Stück einsamer Erde, so groß wie Irland. Die bunten Holzhäuser verwandeln sich flugs in schlichte Fischerhütten, mit Steildächern bis zum Boden. Der abenteuerliche Landweg hinauf nach Patagonien wird so auch zu einem authentischen Kapitel fortgesetzter Pioniergeschichte: Verkrüppeltes Gehölz in gespenstischen Nebelschwaden und einsam gelegene Höfe zählen zu den Highlights des spannenden Trips.
Wer ihn zu Fuß unternimmt, kann entlang dem Lucas Bridges Trail von einer historischen Estancia zur nächsten wandern - und mit den Nachkommen der ersten Siedler Mate schlürfen. Je weiter nördlich man gelangt, desto mehr verwandelt sich das Land in ein Stück patagonischer Steppe. Wehende Gräser, offene Himmel und verloren in der Weite treibende Städtchen dominieren dann das Bild. Wie Río Grande, in dem etliche Meter große Beton-Forellen im Kreisverkehr nach den Wolken schnappen.
Das Meer, das einem im Süden als eisige Gischt um die Ohren fliegt, sieht 2.000 Kilometer weiter nördlich so aus, wie es sich für den Atlantik gehört: blitzblau, mit langen Wellen, auf denen lustig weiße Kämme segeln. Aber dennoch ist die Valdés-Halbinsel ein pures Stück Patagonien. "Pinguinería" steht auf den Schildern zu lesen, nicht "Pizzeria". Und das Brüllen am Strand stammt von den Südlichen Seeelefanten.
Weite Sandstrände verlaufen hier, oben prangt ein ochsenblutroter Leuchtturm - einst eine Schule für Leuchtturmwärter. Skeptisch glotzen die Seeelefanten-Kühe, sie räkeln die Flossen, wälzen sich etwas nervös über das quietschgrüne Meeresgemüse und prusten anschließend entspannt in schwarzen Steinpools. Dicht an dicht liegen die Klopse zwischen fossilen Austern herum. Die Kolonie am Fuß der Steilküste von Punta Delgada gehört zu den besten Plätzen, um ihnen ein wenig näher zu kommen.
"Die Seeelefanten-Bullen sind siebenmal schwerer als die Kühe", erzählt die Ökologin Victoria. "Von der langen Nase, die ihnen den Namen gab, gar nicht erst zu reden." Sie dient dazu, das Gebrüll zu verstärken, auf den Putz zu hauen. Das kann man einige Kilometer weiter auch bei den Seelöwen beobachten. Es ist Paarungszeit. Schüchtern drängen sich die Weibchen um einen zotteligen Helden. Dem Halbstarken rinnt das Blut vom Kampf bereits in dicken Bächen die Schwarte hinab.
Die schwarzen Seelöwen-Babys ertragen geduldig den vom Machtkampf hin- und herwogenden Harem. Doch die wirkliche Gefahr kommt draußen vom Meer, gleich hinter der rutschigen Uferplatte. Hungrige Killerwale werfen sich an Land, um einen der frisch geborenen Leckerbissen zu schnappen. Wer im September und Oktober kommt, kann per Schlauchboot den sanfteren Glattwalen beim Liebesspiel zusehen.
Zerzauste Magellan-Pinguine
Tadellos und im Frack stehen hingegen ganzjährig die Magellan-Pinguine herum. Im Februar allerdings, wenn sie Federn lassen, etwas zerzauster als sonst. Die Estancia San Lorenzo im Norden der Halbinsel zählt zu den besseren Plätzen, ihnen nahe zu kommen. Bei Punta Tombo findet sich gar die größte Pinguin-Kolonie Südamerikas. Der staubige Hafen von Puerto Madryn liegt am Weg und in den zerfurchten Canyons des Chubut-Tals eine der reichsten Saurier-Fundstätten der Welt.
Patagonien ist ein Land der Fossile, auch was die Knochen alter Europäer anbelangt. Wer hinter Trelew in den Dörfern Gaiman oder Dolavon eine Teepause macht, versteht das auf Anhieb. Rote Backsteinhäuser in flacher Muldenlage, noch mehr Pappeln und Wasserräder in plätschernden Kanälen erinnern an die Mühen der walisischen Pioniere, dem trockenen Land eine Existenz abzuringen. Offen liegt die Bibel in der Stube, Isaac auf Welsh. Eine Rothaarige serviert Tee, heiße Milch und Kekse. Gratis der gute Rat: Früchtekuchen einpacken, "my dear", und nicht vergessen, den Wagen voll zu tanken. Denn hinter Gaiman wohnt nur mehr der Wind.