Per Wohnmobil nach Indien Ostwärts, ho!
Reise-Abenteuer: Von Deutschland nach Indien im Wohnmobil
Wahrscheinlich wären sie gar nicht erst aufgebrochen, hätten sie sich vorher gekannt. Vielleicht hätten sie auf die Tour verzichtet oder wären auf eigene Faust losgezogen. Aber nicht in der Gruppe, nicht mit diesen merkwürdigen Leuten.
Doch jetzt sind sie schon 20.000 Kilometer gemeinsam unterwegs, seit fünf Monaten. Siebzehn Menschen in zwölf Wohnmobilen, die meisten aus Deutschland, ein britisches Paar ist auch dabei, Schweizer und Dänen, außerdem der Amerikaner Larry Hoffman, der seit zehn Jahren um die Welt fährt. Auf seiner Visitenkarte steht "Around the World by Motorhome" statt einer Adresse.
Man ist nicht warm geworden miteinander in dieser Zeit. Wie auf einer Klassenfahrt haben sich Grüppchen gebildet, es gab Streitereien. Dazu zehrten Visaprobleme, ewige Wartereien an den Grenzen und Schlaglöcher so groß wie deutsche Gartenteiche an den Nerven. Noch sechs Wochen müssen sie es aushalten, dann endet die gemeinsame Tour, in der Türkei trennen sich die Wege.
Die Sonne brennt auf die Dächer der Wohnmobile, es ist heiß in den Autos. Diese Einzimmerwohnungen auf Rädern sind für den Urlaub am Gardasee oder in Cuxhaven gebaut, nicht für Touren über Schotterpisten nach Indien. Die meisten haben nicht einmal eine Klimaanlage.
Der pakistanische Grenzbeamte öffnet das Gittertor mit der grünen Flagge und dem weißen Halbmond und Stern. Er salutiert, die Rentner beachten ihn nicht. Ein Wohnmobil nach dem anderen überquert die indisch-pakistanische Grenze, fährt durch das Tor, umschlängelt ein paar Hindernisse aus Betonklötzen und Stacheldraht. Die Fahrer lächeln glücklich, endlich haben sie es geschafft, sie sind auf dem Rückweg, von Indien nach Witten und Marl und Wiesbaden, von der großen, weiten Welt zurück in die Provinz.
Im Schritttempo über schlechte Straßen
Die Rentner halten direkt hinter dem Tor, sie müssen jetzt noch ein paar Zollformalitäten erledigen. "Pakistan ist für mich Land Nummer 85", erklärt Larry, der Kalifornier, und strahlt über das ganze Gesicht. Ein deutsches Paar verdreht die Augen. So ein Angeber! Der Amerikaner will als einziger sein Alter nicht verraten, seine Mitreisenden schätzen ihn auf Ende 70.
Die Formulare sind rasch ausgefüllt, nach nur einer Stunde darf die Gruppe weiterfahren. "Wir wollen bis nach Faisalabad, aber wir wissen nicht, ob wir das heute schaffen", sagt Peter Wallas, 69, der Reiseleiter. "Auf dem Hinweg waren die Straßen in Pakistan dermaßen schlecht, dass wir manchmal kaum schneller als Schritttempo fahren konnten." Aber auch unter besseren Bedingungen käme man nicht so schnell voran. "Zusammen sind wir älter als 1200 Jahre", sagt er. "Wenn es dunkel wird, können manche nicht mehr gut fahren. Wegen der Altersblindheit."
Wallas ist ein kleiner, drahtiger Mann, den weißen Haarkranz hat er nach hinten gekämmt, und wenn er spricht, klingt das sehr bestimmt. Er sieht aus wie ein pensionierter General, tatsächlich war er Unteroffizier bei der Marine, mehr als 30 Jahre. Als er die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks gegründete Firma Perestroika-Tours kennenlernte, die sich zunächst auf Campingreisen nach Osteuropa spezialisiert hatte, stieg der Frühpensionär als Reiseleiter ein.
"Man kann mir nicht vorwerfen, dass ich keine Ahnung hätte von den Ländern und vom Organisieren", sagt er. "Die einzige Kritik, die ich gelegentlich zu hören bekomme, ist, dass ich autoritär sei und nicht mit mir diskutieren lasse." Er schweigt eine Minute, während er die Kolonne aus Lahore herausführt. Dann rechtfertigt er sich: "Bei einer so großen Gruppe und einer solch extremen Tour geht es nicht anders."
Plötzlich sind zwei Wohnmobile weg
Als die Karawane der Alten auf die Autobahn von Lahore nach Faisalabad biegt, sind plötzlich die zwei hinteren Wohnmobile verschwunden. "Kristen, wo bist du?", fragt Wallas mit ruhiger Stimme in sein Funkgerät. Niemand meldet sich. Auch Larry mit seinem Motorhome fehlt. Wallas ist unzufrieden. Kaum in Pakistan, sind Verluste zu melden.
Kristen Laursen, 57, ist der einzige Berufstätige in dieser Truppe. Er kann sich die sechsmonatige Reise nur erlauben, weil er selbständiger Wohnmobilhändler ist. Die Reise ist quasi eine Testfahrt für ihn. Er ist mit einem silbernen Ungetüm unterwegs, einem zum Expeditionsfahrzeug umgebauten Lastwagen. Auf "ein paar hunderttausend Euro" schätzen seine Mitreisenden den Wert, aber sie wissen nicht, wie der Kasten von innen aussieht, bisher durfte niemand einen Blick hineinwerfen. Die meisten finden Laursen deshalb "ein bisschen arrogant".
Aufsehen erregen wie mit einem Ufo-Geschwader
Reise-Abenteuer: Von Deutschland nach Indien im Wohnmobil
Laursen und Larry Hoffman haben die Abzweigung nach Faisalabad verpasst. Der Funkkontakt zur Karawane ist abgebrochen, per Handy dirigiert Wallas die beiden jetzt zum nächsten Treffpunkt. Dann nimmt er sein Funkgerät und sagt: "Ich appelliere an alle, genau auf das zu hören, was die Reiseleitung sagt!" Ein paar Minuten später tauchen die beiden vermissten Mobile wieder am Straßenrand auf.
Mit 60 km/h juckelt der Tross über die pakistanische Autobahn. Sie überholen Eselskarren, Radfahrer, Fußgänger und Motorrikschas. Ein Hirte treibt eine Herde Wasserbüffel über die sechsspurige Straße. In den Wagen, die sie überholen, starren die Leute mit offenen Mündern, manche winken, andere lachen. Ein Ufo-Geschwader würde kaum mehr Aufsehen erregen.
Rolf Germeroth aus Witten, 68, ist zufrieden. "Ich hätte niemals gedacht, dass es in Pakistan so gute Straßen gibt wie diese Autobahn. Die könnte ja auch in Deutschland sein."
Begräbnis am Strand von Goa
Die Germeroths - er Fotografenmeister, sie Fotolaborantin - wollten eigentlich nach Iran. Dann entdeckten sie das Angebot der geführten Tour nach Indien und Nepal. "Da lag Iran ja auf der Strecke." Vor allem Isfahan habe ihnen besonders gefallen, schwärmt Monika Germeroth.
Ein Jahr lang hat Rolf Germeroth sich auf die Reise vorbereitet, die für ein Paar knapp 20.000 Euro kostet. Er besorgte Kartenmaterial der gesamten Strecke, wälzte Reisebücher, druckte Informationen über Städte und Religionen aus dem Internet aus. Vier dicke Ordner stehen nun in seinem Wohnmobil, das gerade benötigte Material liegt griffbereit auf dem Tisch.
Doch trotz akribischer Vorbereitung ist für ihn während der Reise einiges schief gelaufen: Auf dem Hinweg brach er sich beim Gassigehen mit Rani, einem Chow-Chow, in Bahawalpur den Arm und musste noch in Pakistan operiert werden. In Indien starb dann der Hund, die Hitze war zu viel für das Tier. "Sie war unser Mädchen", sagt Germeroth und zeigt auf ein Hundebild, das an der Windschutzscheibe klebt. Man merkt dem Paar an, dass es diesen Verlust noch nicht verwunden hat.
Der Tod stellte sie vor ein Problem: Wohin mit dem Hund? Man buddelte am Strand von Goa ein eineinhalb Meter tiefes Loch, dort wurde er begraben. Peter Wallas hielt mit seinem GPS-Gerät die genaue Stelle fest. "Damit man zu Hause erzählen kann, wo Mausi begraben liegt", sagt er und bemüht sich um einen angemessen ernsten Ton.
Mit Polizeieskorte durch Pakistan
In der deutschen Botschaft in Islamabad schlugen manche die Hände über dem Kopf zusammen, als sie von den Plänen der ungewöhnlichen Senioren-Reisegruppe erfuhren. In Teilen Pakistans führt die Armee schließlich einen Krieg gegen die Taliban, immer wieder kommt es zu Anschlägen.
Ob sie je Angst gehabt hätten? "Nö", sagt Kurt Herrmann, 68. Auch seine Frau Regina, 64, schüttelt den Kopf. "Höchstens, als wir auf dem Hinweg, kurz nach der Einreise nach Pakistan, Schießereien hörten." Das war ausgerechnet an Heiligabend, nahe der Taliban-Hochburg Quetta. Statt auf dem gebuchten Hotelparkplatz verbrachten sie die Nacht dann hinter der halbwegs sicheren Mauer einer Mädchenschule.
Omar Durrani, ein umtriebiger Reisebürobesitzer aus Islamabad, der die Tour innerhalb Pakistans organisiert hat, wiegelt ab. "Angst muss hier niemand haben." Aber zur Sicherheit bestellte er nach dem Zwischenfall doch lieber eine Polizeieskorte für die Durchreise: je einen Pick-up mit bewaffneten Beamten vorne und hinten.
"Wir wurden selbst bei Besuchen auf den Märkten von unseren Aufpassern begleitet", sagt Herrmann. "Schrecklich", sagt seine Frau. An die Bewaffneten hätten sie sich nicht gewöhnen können. Auch jetzt, auf dem Rückweg, wird die Karawane eskortiert. Die Polizisten sind sichtlich amüsiert über die Kolonne der weißen und silbernen Kästen. Sie winken und freuen sich über ihre Aufgabe. "So etwas sieht man ja sehr selten", sagt einer.
Neun Tage bis Iran
Es ist spät geworden, der Tross erreicht Faisalabad bei Dunkelheit. Die erste Nacht wollen die Camper auf dem Parkplatz eines Luxushotels verbringen, der pakistanische Reiseveranstalter hat einen Grillabend für sie organisiert. Doch das Hotel macht Probleme, aus Sicherheitsgründen wolle man nicht, dass die Leute in ihren Wohnmobilen übernachten. Sie sollen bitteschön Zimmer mieten.
Ihre erste Nacht auf dem Rückweg nach Deutschland verbringen die Reisenden also in Hotelbetten. Sie wollen am nächsten Morgen früh aufbrechen, in spätestens neun Tagen wollen sie in Iran sein. Dort sind die Straßen besser als in Indien, dort ist es sicherer als in Pakistan.
"Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so empfinden würde", sagt Regina Herrmann, "aber ich freue mich richtig auf Iran."