Philippinen Stufen zum Himmel
Die zehnjährige Wylene Hippoa trägt ihr Schwesterchen Nancy im Wickeltuch und stützt liebevoll das Köpfchen des zwei Monate jungen Babys. Nach der Schule hilft das Mädchen ihrer Mutter Elizabeth in deren Souvenirshop "Hanging House". Es steht am Rande eines steilen Abhangs unweit der Kleinstadt Banaue im Norden der philippinischen Hauptinsel Luzon und offeriert Gesticktes, Geschnitztes und Getränke. Daneben lädt eine ebenfalls hölzerne Aussichtsplattform auf Pfeilern mit einer Bank zum Verweilen ein. Vor dem Laden stehen zwei große geschnitzte Skulpturen. Wäsche flattert auf einer Leine im Wind.
Das Knattern eines Tricycle durchbricht die Stille der Bergwelt. Der Fahrer stoppt auf dem Holperweg direkt vor dem Ladenhäuschen. Ein Urlauberpaar aus Kanada zwängt sich aus dem kleinen überdachten Seitenwagen des Mopedtaxis. Die Beiden sind überwältigt. Der Blick ist spektakulär: Auf der Holzbank über dem Hang das anmutige Geschwisterpaar und weit unten im Tal das Dörfchen Dalican, umgeben von sattgrünen Reisfeldern, die sich als kurvige Terrassen ihren Weg am Hang nach oben bahnen. Dazwischen ein paar silberne und grünbraune Dächer, hochgereckte Palmen und in der Sonne glitzernde Teiche zur Bewässerung.
Zu sehen sind Meisterwerke historischer Bauernarchitektur, wohin das Auge reicht. Ein Teil dieser Anlagen in und um Banaue steht auf der Welterbeliste und unter dem Schutz der Unesco. Die ältesten Terrassen sollen 2000 bis 3000 Jahre alt sein, geschaffen von den Ifugao, die zum Bergvolk der Igorot gehören. In harter Handarbeit rangen sie die Felder auch extrem steilen Hängen ab. Über Generationen schufen die Bauern so Terrassen-Kunstwerke, die an Pyramiden, Amphitheater und Quader erinnern.
Spanier vermuteten Relikte eines verschwundenen Volkes
Auch heute noch wird Quellwasser durch ein System von Gräben und Bambusrohren gepumpt und die Stützmauer aus Naturstein gebaut. Neben dem Reis züchten die Bauern auch Fische - in den künstlichen Wasserspeichern und auf überschwemmten Feldern. Als die Spanier im 16. Jahrhundert in das Gebirge nach Luzon kamen, glaubten sie, ein hochentwickeltes, verschwundenes Volk hätte diese "Stufen zum Himmel" errichtet. Die Forschung ergab, dass es aber das heute hier noch ansässige Bergbauernvolk war.
Jetzt stoppt ein Jeepney vor dem Lädchen. In diesem Gefährt ist die Schlamm- und Geröllpiste eher zu ertragen als im Tricycle. Ein Schlagloch lässt zwei Kohlköpfe aus dem Korb einer Bäuerin fallen. Zwei Schulkinder lachen. Ein Jeepney, das ist das robuste Nationalvehikel, bunt bemalt, ob mit Jesusbild, Drachenfigur oder Schmetterling. Zwölf bis 20 Insassen zwängen sich in die diversen verlängerten Nachbauvariationen der US-Militärjeeps aus den vierziger Jahren. Voll ist das Auto erst, wenn kein Kohlkopf mehr reinpasst.
Schon wieder eine spektakuläre Aussicht nach unten: Zwei Dutzend Häuschen mit Blech- und Faserdächern und ein Kirchlein stehen fast kreisrund aneinander gedrängt, dicht umwachsen von riesigen, sattgrünen Reisterrassen. Der Weiler wirkt wie das berühmte kleine gallische Dorf von Asterix und Obelix, das nun standhaft bleiben muss, um nicht überwuchert zu werden. Eine halbstündige Klettertour ins Tal führt von hier nach Bangaan. Das Dorf und seine Felder sind offizieller Teil des Reisterrassen-Welterbes. An einem Drahtseil gleitet vom Berg ein Behälter mit Felssteinen nach unten an den Dorfrand.
"Die Unesco unterstützt den Erhalt der Felder und Mäuerchen ein wenig", erzählt Leticia Palayon. Sie hat in Bangaan ein kleines Restaurant und verkauft die Schnitzereien ihres Mannes. 24 Familien wohnen hier. "Pro Familie etwa zehn Leute, das macht 240 Einwohner", rechnet die die 36-Jährige vor, die wie die meisten Einheimischen auch Englisch spricht. Die Arbeit auf den Feldern und das Leben hier seien hart. "Wir haben nur eine Ernte im Jahr. Viele junge Leute ziehen weg in die Stadt." Auch die Weltorganisation sorgt sich, dass viele Familien den traditionellen Reisanbau vernachlässigen.
Touristen kommen nicht viele, sie bringen ein kleines Zubrot. An diesem Tag bleiben die drei Holzhütten am Straßenrand mit ihrem Schmuck und Schnitzwerk ohne Kundschaft. Die Frauen grüßen freundlich, wirken aber ein wenig enttäuscht.
Fotos gegen Trinkgeld
Lebhafter ist es in Banaue, der Stadt im Reisfeld, obwohl auch hier die Besucherschar überschaubar bleibt. Hier gibt es Internet, Restaurants, Gästehäuser, Hotels und ein Touristenbüro. Die Preise sind wie überall im Lande für deutsche Verhältnisse bescheiden. Im lang gestreckten Städtchen mit steiler Straßenführung warten an drei Aussichtsplattformen ein paar ältere Frauen in traditioneller Kleidung. Den Kopf ziert ein meist rot gemusterter gestrickter Wickel mit Federschmuck. "Wir freuen uns über ein kleines Trinkgeld, wenn wir fotografiert werden", sagt Buhan Puhyan.
Die 74-Jährige fühlt sich heute nicht wohl, ist im schlichten Haus geblieben, wo sie mit ihrer Tochter und drei Enkelinnen wohnt. Sie freut sich über den Besuch des Tricycle-Fahrers und des Touristen aus Berlin und verkauft eine Flasche selbst gemachten Reiswein.
Dann fängt das runzelige Gesicht an zu strahlen. Die Frau blickt freudig auf ihr Foto, das die Nord-Luzon-Broschüre des philippinischen Verkehrsamtes schmückt. Dann zeigt sie das Heftchen, das ihr der Gast schenkt, stolz ihrer Familie. "Ich wusste gar nichts von dem Foto", sagt die Frau.
Auch für Banaue gilt: Die Landwirtschaft ist knochenharte Arbeit, die viele junge Leute nicht mehr mögen. Sie wollen weg in eine Großstadt. Vor allem Manila lockt Jugendliche, die von attraktiven Jobs und Discos träumen. Doch auch die Bilder von tiefster Metropolenarmut, Baracken, Müll und Slums kennen die Bergfamilien, von denen viele heute einen Fernseher haben. "Wir sind arm, müssen aber nicht hungern", sagt Buhan Puhyan. Hier auf dem Lande haben alle ein Dach über dem Kopf, viele besitzen Hühner, Bananen, Schweine. In Manila bleibt Neuankömmlingen ohne Ausbildung oft nur die Hütte aus Plastikplanen.
Fast drei Jeepney- und Fußstunden von Banaue entfernt reichen die Reisterrassen von Batad viele hundert Meter die Hänge hinauf. Mäuerchen mit oben fest gestoßenem Erdreich stützen hier die Terrassen-Architektur. Ort und Umgebung bieten vielerorts noch ursprüngliches Leben, aber auch kleine Gaststätten und Herbergen. Für echte Reisterrassen-Fans ist Batad das absolute Highlight.
Gelassenheit und Sitzfleisch
Wer in die Banaue-Region und dann wieder in den Süden von Luzon nach Manila will, braucht Zeit, Gelassenheit und Sitzfleisch. Vier Stunden dauert die Rückfahrt durch die Cordilleras von Banaue über Bontoc in die große Bergstadt Baguio. Der Reigen landschaftlicher Wunder ist noch lange nicht vorbei. An den Hängen und im Tal verschwinden Wolken und Nebelschwaden.
Die Sicht wird frei auf einen nahen, reißenden Fluss. Über eine schaukelnde Hängebrücke spazieren drei Schülerinnen in grün-weißer Uniform. Unzählige, teils winzige Agrarterrassen schmiegen sich an die Berge. Das satteste Grün haben auch hier die Reisfelder. Flächen mit blassgrünen Punkten sind Kohlterrassen. Auch Mais, Zwiebeln, Bohnen werden so mühevoll angebaut. Weiße Tupfer entpuppen sich als Lilien. Hier zwischen 800 und 1500 Metern Höhe gedeiht alles prächtig. Zum Panorama gehören auch Nebelwald, Pinienhaine, Riesenfarne und Bananenstauden.
Der Norden Luzons bietet noch weitere Attraktionen: Sagada lockt mit Wasserfällen, Höhlen-Grabstätten und hängenden Särgen. Das historische Vigan, ebenfalls Weltkulturerbe, wird vor allem wegen seiner wertvollen Kolonialarchitektur aus spanischen Zeiten besucht.
Der Fahrer des kompakten Busses mit hohem Achsenstand und engen Sitzen, die für kleine Filipinos gemacht sind, hupt seine Passagiere zusammen. Die Serpentinenstraße ist wieder frei. Nach heftigem Regen und Erdrutsch hat ein schweres Räumfahrzeug gerade Geröll, Erde und entwurzelte Bäume an den Rand geschoben. Mächtige Brocken purzelten da ins Tal. Neben drei Japanern und zwei Deutschen klettern auch Bauern, Marktfrauen und Schulkinder in das robuste Vehikel. Für die Touristen war der Zwangsstopp eine spektakuläre Fotopause, für die gelassenen und freundlichen Bergbewohner ist das Alltag.