Azoren: Jagd nach Moby Dick
Pottwal-Begegnung 30 Sekunden Glück
Einmal im Leben wollte er den Pottwal sehen. Nicht auf Fotos, nicht vom Schiff aus, sondern Auge in Auge - das war Adrian Schönes Kindheitstraum, seit er einst Hermann Melvilles Klassiker "Moby Dick" verschlungen hat. Nun liegt der 24-Jährige fast bewegungslos auf den ruppigen Wellen des Atlantiks, rund vier Kilometer vor der Azoreninsel Pico. Er trägt eine Tauchermaske, einen Schnorchel, seinen Neoprenanzug, Flossen und eine Fotokamera, die fast den Wert eines Mittelklassewagens hat. Und er wartet.
Schöne wartet auf den Wal, den er kurze Zeit zuvor vom Boot aus gesehen hat. "Da bläst er!", hat Fernando gerufen, der einheimische Eigentümer des schnellen Schlauchbootes, das Touristen in die Nähe der Meeresgiganten bringt. Die grobe Richtung wurde dem Skipper vorher per Funk von Spähern durchgegeben, sogenannten Vigiere, die mit Ferngläsern an den Hängen des 2351 Meter hohen Vulkans Pico stehen und das Meer beobachten.
Nach der Sichtung muss bei Adrian Schöne alles schnell gehen: das Anziehen der Flossen, das Anlegen der Maske, der Einstieg ins 20 Grad kühle Wasser. Jetzt streift der Blick des 24-jährigen Bielefelders durch das schier grenzenlose Blau, in dem kein Meeresboden und keine Küstenlinie zu sehen ist. Einsam könnte man sich nun fühlen - wenn da dieser monströse Schatten nicht wäre.
Es ist ein Berg aus Fleisch, Fett und Knochen, der sich da auf Schöne zuschiebt: eine gut zehn Meter lange Walkuh, an deren Seite ein Baby im XXL-Format schwimmt. Erst schirmt die Mutter ihr vier Meter langes Kalb noch vor dem ungewohnten Wesen im Neoprenanzug ab, dann drängelt sich der Nachwuchs vorbei und Schönes Kamera schießt Bild um Bild: Dies ist der Moment, den er herbeigesehnt hat, er könnte jetzt schreien vor Glück.
"Wie ein Film in Zeitlupe"
Nun mag es Menschen geben, für die eine Begegnung mit dem größten Zahnwal der Welt nichts Erstrebenswertes darstellt - gerade dann, wenn man auf die Sicherheit eines stählernen Schiffes verzichtet und sich ungeschützt in dessen Element begibt. Für ein Tier, welches sonst in Tiefen bis zu 3000 Metern auf die Jagd nach Riesenkalmaren geht, stellen 70 Kilogramm Bielefelder keine sonderliche Herausforderung dar. Wenn Schöne in diesem Moment jedoch vor irgendetwas Angst hat, dann davor, dass Wal und Kalb einfach wieder in der Tiefe verschwinden könnten. Bis zu 80 Minuten lang können die Giganten abtauchen, wo sie dann wieder hochkommen, ist ungewiss - ein Alptraum für den ambitionierten Fotografen .
Doch die beiden Pottwale bleiben. Wenigstens für 30 Sekunden. Fast schon ängstlich wirkt die Waldame auf den Fotografen, von Aggressivität keine Spur: Romantiker könnten dieses Verhalten auch schüchtern nennen. Viel zu schnell ist sie dann wieder weg, das Baby im Schlepptau, und Schöne atmet durch. "In dem Moment ist man viel zu perplex, um überhaupt richtig zu verstehen, was man da gerade erlebt hat. Das Ganze war irgendwie surreal, wie ein Film, der in Zeitlupe abgespielt wird." Die pure Freude kommt erst hoch, als der Fotograf wieder das Schlauchboot erreicht: Er schreit, er klatscht den Skipper ab, er hat seinen Traum erlebt.
Whale Watching, also das Beobachten der Wale vom Boot aus, gehört zu den wichtigsten Einnahmequellen der zu Portugal zählenden Azoren. In der Hochsaison starten von den neun größeren Inseln aus täglich Touren, die ganze Touristenscharen - bewaffnet mit Fernglas und Fotokamera - zu den Giganten der Meere bringen. Rund 100 Euro kostet so ein Trip, buchbar fast an jeder Ecke. Wer dagegen zu den Pottwalen ins Wasser möchte, muss dies schon begründen: Als Forscher, als Journalist, als Fotograf.
Die hierfür notwendige Sondergenehmigung wird von den portugiesischen Behörden nicht leichtfertig vergeben, und sie macht nur Sinn für Schnorchler. Denn als Gerätetaucher wäre man viel zu schwerfällig. Auch würde man die Kommandos vom Boot nicht hören, die einem sagen, in welcher Richtung das Tier sich gerade bewegt. Und selbst wenn: Zu stark würden sich die Säugetiere von den Geräuschen der ausgestoßenen Atemluft gestört fühlen, als dass sie einen auf Tuchfühlung an sich heranließen.
Wilder Ritt ins Großfischparadies
Wer vor den Azoren tauchen gehen möchte, muss sich andere Plätze suchen. Attraktive Alternativen gibt es genug: Die rund 1400 Kilometer vor der portugiesischen und 2800 Kilometer vor der neufundländischen Küste liegende einsame Inselgruppe wirkt wie ein Magnet auf Großfische aller Art. Hier, wo das europäische Wetter bestimmt wird und alle vier Jahreszeiten häufig an einem einzigen Tag aufeinanderprallen, tummeln sich Blauhaie und Mantas unter der Wasseroberfläche, gibt es Thunfische und riesige Fischschwärme.
Einer der besten Spots nennt sich "Princess Alice Banks", und zweieinhalb Stunden brauchen die Speedboote dorthin - sofern der eigene Rücken die lange Anfahrt mitmacht, denn 42 Seemeilen geht es über die störrische See, auf und ab, jede Welle ein Schlag auf die Bandscheibe. Am Ziel erhebt sich eine Felsnadel aus großen Tiefen, um dann 38 Meter unter der Wasseroberfläche zu enden. Weltweit gibt es nur eine Handvoll Tauchspots, die mit den "Banks" konkurrieren können: Riesige Schwärme von Bonitas, Bernsteinmakrelen und Thunfischen ziehen umher, zwischen ihnen ein Orchester von mehreren Mobulas - mit bis zu fünf Metern Spannweite nach den Mantas die größte aller Rochenarten.
Bei so viel Beute sind auch die Jäger nicht weit. Insbesondere in den Monaten Juli und August kommt es bei Princess Alice immer wieder zu Begegnungen mit Mako- und Blauhaien - zwei der elegantesten Arten überhaupt, die jedoch für den Menschen auch zu den potentiell gefährlichen zählen.
Vom Hassobjekt zum lebenden Fabelwesen
"Die rauen Ausfahrten, das relativ kalte Wasser und die anspruchsvollen Bedingungen verhindern wohl, dass die Azoren ein Massenziel für Gelegenheitstaucher werden", glaubt Schöne. Und irgendwie schwingt in seiner Aussage ein "Zum Glück!" mit: Weltweit würden schon zu viele ehemals attraktive Destinationen unter dem immer größer werdenden Ansturm von Urlaubstauchern leiden, denen häufig die elementarsten Grundfertigkeiten fehlen und die dann nach Jahren nur noch eine Schneise der Verwüstung zurücklassen.
Drei Tage später steht der Fotograf wieder im Flughafen von Faial, in zwei Stunden soll sein Rückflug starten. In seinem Gepäck hat er seine frischen Erinnerungen an eine Begegnung, die er wohl sein Leben lang nicht vergessen wird. Für Kapitän Ahab aus "Moby Dick" war der Pottwal noch Hassobjekt und Antriebsfeder, ein Gleichnis für den Kampf eines Menschen gegen seine Obsession. Heute sind Wale für viele Beobachter so etwas wie lebende Fabeltiere geworden, deren Eigenschaften vermenschlicht werden und die ein fast schon mystischer Hauch umweht.
Zumindest solange, bis Schöne in einem Flughafenbistro wieder mit der Realität konfrontiert wird: gibt es dort, das Kilo für vier Euro.