Puerto Rico Coqui, Colada und Coca-Cola
San Juan - Für Europa liegt Puerto Rico touristisch noch im Dornröschenschlaf. Obwohl der Tourismus hier gerade einen Aufschwung erlebt. Aber die meisten Urlauber kommen noch immer vom US-Festland. Die Mehrheit der Strand- und Stadthotels sind daher fest in der Hand großer US-Ketten, die genormte Zimmer, gehobene Preise und das Frühstück mit Eiern, Bacon, Pancake und Sirup auf Kalifornier und New Yorker abstimmen.
Die Insel, auf der Kolumbus 1493 landete, wurde schon nach Ende des Spanisch-Amerikanischen Krieges 1898 an die USA abgetreten. Die Insulaner sind zwar heute stolz auf ihren US-Pass, bevorzugen aber weiter ihren traditionellen Lebensstil. Kinder, Familie und Freizeit sind wichtiger als Überstunden. Zu Hause wird spanisch gesprochen, im Job oft auch englisch.
Europäer lernen die Insel meist im Verlauf einer Kreuzfahrt kennen. Dabei ist Puerto Rico reich gesegnet mit vielfältiger Natur, deren Schutz groß geschrieben wird. Der Regenwald El Yunque liegt beispielsweise nur gut eine Autostunde östlich der Hauptstadt San Juan. Zwischen Urwaldriesen erklingt ein schrilles, lang gezogenes "coquiiiii". Der Baumfrosch El Coqui gibt sich nicht mit einem "quak" zufrieden. "Das Tierchen ist etwa einen Kilometer entfernt", erzählt Führer José Morales den erstaunten Urlaubern. Dann zeigt er auf den kleinen Finger seiner Hand. "Gut halb so kurz wie dieser ist unser Coqui-Frosch." Zu sehen ist der Winzling wegen seiner guten Tarnung fast nie.
Ebenfalls kaum zu sehen ist der Amazonas vittata, der vom Aussterben bedrohte Puerto-Rico-Papagei. Noch zu Kolumbus' Zeiten sollen riesige Schwärme der farbenprächtigen Vögel fast den Himmel verfinstert haben. Jagd, Tests der US-Streitkräfte mit dem Entlaubungsmittel Agent Orange und Wirbelstürme hatten das Tier bis Ende der achtziger Jahre aber fast ausgerottet. Wissenschaftler fördern das Liebesleben und Eierlegen der scheuen Tiere daher heute. Mehr als 50 der grünen Vögel mit dem roten Kopfgefieder flattern inzwischen wieder in El Yunque.
Die wohl kleinste Orchidee der Welt
Die Wege zum Besucherzentrum ruhen auf hohen Trägern. Der Blick nach unten ist spektakulär: Hier ist der Dschungel gänzlich unberührt. Riesenfarne verschmelzen mit Luftwurzelbäumen, verschiedenen Palmenarten und anderen Urwaldpflanzen. Es glitzert und dampft vom letzten Regen. In der Nähe führen markierte Routen durch üppiges Grün, vorbei an kleinen Flüssen und rauschenden Wasserfällen. Mehr als 50 verschiedene Farne und 20 Orchideen-Arten wachsen hier. Der Führer bückt sich am unteren Teil eines riesigen, von Moos und Schmarotzern überwachsenen Stammes. Zwischen Daumen und Zeigefinger hält er vorsichtig einen Stengel mit winziger gelber Blüte: "Die wohl kleinste Orchidee der Welt, reif für das Guinness Buch der Rekorde."
Einen anderen Rekord bietet das riesige Areal des Rio-Camuy-Höhlenparks, der teils noch unerforscht ist: Es gilt als eines der größten Höhlensysteme der Welt. Die unterirdischen Grotten, von denen einige für Touristen zugänglich sind, hat der Camuy-Fluss vor über einer Million Jahren aus dem Fels gewaschen.
Mit Palmen gesäumte Strände machen die Küste nördlich von San Juan aus. "El Luquillo" beispielsweise ist groß, feinsandig, gepflegt und umweltfreundlich. "Er wird bald als einer der ersten Karibikstrände mit dem dem europäischen Öko-Label Blaue Flagge ausgezeichnet", versichert Jose M. Suárez, Chef der Puerto Rico Tourism Company. Regelmäßig wird die Wasserqualität getestet. Da viele der Hotels in San Juan direkt am Strand liegen, wird Playa Luquillo mehr von Einheimischen bevölkert. Bei Bars und Snackbuden am Wasser hat der Geldbeutel Schonzeit. Rum-Cocktails, Tacos, Empanadas und gegrilltes Hühnerbein kosten zwei bis drei US-Dollar.
El Morro und San Cristóbal
Die Insel mit ihren 3,6 Millionen Einwohnern bietet noch manch andere positive Preisüberraschung. So gibt es für einen halben Dollar eine einstündige unterhaltsame Stadtrundfahrt mit Linienbus und der ersten U-Bahn der Karibik - dank Klimaanlage sind die Fahrgäste meist eisgekühlt. Vom Flughafen geht es zunächst durch ärmere Viertel mit blätternden Fassaden und viel Wäsche auf dem Balkon, dann durch Banken- und Geschäftsviertel.
In Sancturce im Zentrum der 1,6 Millionen-Stadt San Juan ist dann Endstation der U-Bahn, die von Siemens gebaut wurde und auch noch im Frühjahr 2004 nur zur Probe fährt. Weiter fährt der Bus durch Condado, das Luxushotel-, Boutiquen- und Casino-Viertel, in die malerische Altstadt. Über historischen Häusern, Gassen mit Kopfsteinpflaster und dem Hafen mit Kreuzfahrtschiffen thronen die riesigen Festungen El Morro und San Cristóbal, die beide Weltkulturerbe sind.
Massive Gitter an den Fenstern und Balkonen der Wohnhäuser sollten den Schaulustigen in Puerto Rico nicht beunruhigen: Obwohl auch in hier die Kriminalität steigt und negative Schlagzeilen über Tote im Banden- und Drogenmilieu keine Seltenheit sind, ist die Metropole San Juan für Touristen nicht gefährlicher als zum Beispiel Washington oder Frankfurt am Main.
Heimat der Piña Colada
Gleich zwei Orte in San Juan schmücken sich damit, vor über 40 Jahren die heute weltberühmte Piña Colada - mit weißem Rum, Ananassaft, Kokoscreme und einem kleinen Schuss Sahne - erfunden zu haben: Im Restaurant "Barrachina" im Haus 104 in der Calle Fortaleza in der Altstadt war der frühere Barchef Ramón Portas erfolgreich, als er seine Angebetete mit einem tropisch-süßen, leicht alkoholischen Drink verzaubern wollte. Ein Schild am Eingang ist jetzt ein beliebtes Fotomotiv und erinnert an die süffige Kreation.
Wenige Kilometer weiter in Condado im "Caribe Hilton" ließ sich schon zuvor ein anderer für einen Cocktail dieser Art feiern: Ramón "Monchito" Marrero entzückte auch Gäste wie Charlton Heston und Elizabeth Taylor mit einem neuen leichten Drink, "der die exotischen Reize von Puerto Rico einfängt und keinen Kater zulässt".
Von Bernd Kubisch, gms