"Queen Elizabeth 2": Stilvoller Seelenverkäufer - DER SPIEGEL
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"Queen Elizabeth 2" Stilvoller Seelenverkäufer

Sie ist der letzte Oceanliner, der regelmäßig den weiten Weg von der alten in die neue Welt quer über den Atlantik unternimmt: Die luxuriöse "Queen Elizabeth 2" ist seit 34 Jahren auf Tour. Ihre Tage im Pendeldienst sind gezählt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Die Bezeichnung "Kreuzfahrtschiff" gilt ihr gegenüber schon fast als Majestätsbeleidigung - denn das Fahren auf den Ozeanen nach dem Motto "Heute hier, morgen dort" ist eigentlich nicht ihre Sache. Die "Queen Elizabeth 2" - kurz "QE2" - ist vielmehr eine Art Luxusfähre aus einer längst vergangenen Epoche. Wer heute am Pier der Cunard-Reederei in Southampton in England für die Atlantiküberquerung nach New York eincheckt, will nicht möglichst schnell vom "alten Europa" in die "neue Welt": Es sind das Reisen an sich, die Weite des Atlantiks und der Luxus des Schiffes, die die sechstägige Passage bestimmen.

Dass es sich die bis zu 1700 Passagiere - umsorgt von rund tausend Bediensteten - in den Bars und Restaurants an Bord gut gehen lassen, belegen die Statistiken von Cunard: Durchschnittlich 600 Flaschen Gin werden in den Weiten des Nordatlantiks geleert, ebenso 240 Flaschen Rum, 129 Flaschen Wodka sowie 120 Flaschen Portwein und 25.720 Dosen Fruchtsaft.

Ruhe - und dem eigenen Geldbeutel entsprechenden Luxus - finden die Reisenden in den rund tausend Kabinen des Drei-Klassen-Schiffes. Die "Grill-Class" mit ihren 13 Fünf-Sterne-Suiten wird dabei höchsten Ansprüchen gerecht. Doch auch die Passagiere der beiden weiteren Klassen brauchen bei mindestens drei Sternen nicht auf klassische Eleganz und zuvorkommenden Service verzichten.

Als das in Glasgow in Schottland gebaute Passagierschiff am 2. Mai 1969 zu seiner Jungfernfahrt auslief, stand allerdings schon fest, dass ein so großer Oceanliner mit dem Transatlantikdienst allein in Zukunft nicht mehr finanziell über Wasser gehalten werden konnte - die Konkurrenz durch das Flugzeug war bereits zu groß geworden.

Um auch Kreuzfahrten anbieten und das Schiff durch den Panama- und den Suezkanal schleusen zu können, geriet die "QE2" kleiner als geplant und auch kleiner als ihre 1940 fertig gestellte Vorgängerin "Queen Elizabeth", die bis zum Herbst 1968 für Cunard unterwegs war. Mit gut 293 Metern Länge, 32 Metern Breite und rund 70.000 Bruttoregistertonnen lag der Neubau in allen Abmessungen hinter der "Queen Elizabeth" zurück.

Kompromisslos wurde bei der "QE2" jedoch in den Antrieb investiert: Die beiden 1986 bei der Lloyd Werft in Bremerhaven eingebauten, jeweils 440 Tonnen schweren und mit einem Durchmesser von neun Metern größten je in ein Schiff eingebauten Motoren leisten 130.000 PS. Wenn die zwei Schiffsschrauben mit Höchstgeschwindigkeit das Wasser quirlen, beschleunigen sie den Koloss auf 32,5 Knoten - das sind 60 Kilometer pro Stunde - und machen ihn damit zum schnellsten Schiff der weltweiten Handelsflotte.

Seit 1975 bricht die "QE2" in jedem Jahr von Januar bis zum April zu einer Reise rund um die Welt auf. Am 5. Januar 2003 startete das Schiff von New York aus zu seiner 21. Weltumrundung. Danach wird es zum letzten Mal den Transatlantik-Liniendienst aufnehmen und im Lauf des Jahres auch Kapstadt, Bermuda, die norwegischen Fjorde sowie Häfen im Mittelmeer und in der Karibik anlaufen. Seit 1997 ist die Zahl der jährlichen Atlantik-Überquerungen von 24 auf 18 verringert worden, die Anzahl der Kreuzfahrttage stieg dafür von 120 auf 148.

Nur einmal war der jährliche Rhythmus des Schiffes unterbrochen: 1982 wurde die "QE2" im Falklandkrieg als Truppentransporter für die königliche Marine verpflichtet. Nachdem eine Landeplattform für Hubschrauber und eine moderne Fernmeldeanlage eingebaut wurden, machte sich die 5. Infanteriebrigade des britischen Heeres mit dem Oceanliner auf nach Südgeorgien im Südatlantik. Nachdem die Soldaten dort abgesetzt worden waren, kehrte das Schiff dem Kriegsgebiet so schnell es ging wieder den Rücken - der britische Geheimdienst hatte erfahren, dass die argentinische Luftaufklärung versuchte, die Position der "QE2" ausfindig zu machen - mehr Aufregung hatte die "alte Dame" der britischen Seefahrt nie wieder.

Um die Tradition der Cunard-Liner fortführen zu können, hat die Reederei rechtzeitig für einen Neubau gesorgt: Im Januar 2004 soll die "Queen Mary 2" - "QM2" genannt - die "Queen Elizabeth 2" als Flaggschiff ablösen. Mit Platz für 2660 Passagiere wird der 150.000-Bruttoregistertonnen-Riese zum Preis von 780 Millionen Dollar das größte, höchste, längste und breiteste Passagierschiff, das je gebaut wurde: Es ist 345 Meter lang, 41 Meter breit und 72 Meter hoch. Am Sonntag, 25. April 2004, sollen die beiden Königinnen-Schiffe gemeinsam in New York ablegen, um zusammen den Nordatlantik zu überqueren, die "QM2" wird dann den Transatlantikdienst übernehmen und die "QE2" wird einer ruhigeren Zeit als ausschließliches Kreuzfahrtschiff entgegensehen.

Auch die "QM2" hat eine Vorgängerin mit großem Namen: die "Queen Mary", die ebenfalls bis 1968 für Cunard im Liniendienst über den Großen Teich fuhr und heute als Touristenattraktion und Hotelschiff in Long Beach in Kalifornien am Pier liegt.

Von Arnd Petry, gms