Rajasthan Farbenrausch in der Wüste
Neun Meter misst der rote Seidenschal, den der Mann mit dem imposanten Schnauzbart in geschickten Bewegungen zum Turban bindet. Ohren, Oberarme, Fuß- und Handgelenk der Frau sind mit schwerem Silberschmuck bedeckt. Auf ihrem Hemd blinkende Tausende Pailletten, kleine Spiegel, die böse Geister "zurückwerfen".
Die Rajasthani sind ein stolzes Volk, als Helden der Volksepen Ramayana und Mahabharata, gezeugt von Sonne und Mond, geboren im Feuer. Als Dämonen das Land bedrohten, gingen Brahmanen zum Berg Mount Abu und vollzogen den Feuerkult. Aus der Grube des heiligen Feuers "Agnikunda" entstiegen die Feuerclans, die 36 Kriegerfamilien der Rajputen.
Die "Königssöhne" (Raja=König, putra=Sohn) besiegten die Dämonen und legitimierten so ihren Herrschaftsanspruch in "Rajputana" für Jahrhunderte. Macht und Reichtum garantierte die geografische Lage: An den wichtigsten Handels- und Karawanenrouten nach China und Zentralasien gelegen, sorgten hohe Steuern und Zölle, Opium- und Waffenhandel für einträgliches Einkommen. Als mit der Unabhängigkeit der Indischen Union die 23 Fürstentümer zum Bundesstaat Rajasthan vereint wurden, erhielten die Radschas fürstliche Apanagen, Abfindungen und Privilegien.
Erst Indira Gandhi setzte in den siebziger Jahren einen Schlussstrich unter die staatlichen Subventionen. Legenden und Geschichten, Bilder wie aus Tausendundeiner Nacht: Rajasthan ist reich davon. Der Bundesstaat im Nordwesten ist das Exotischste, was Indien zu bieten hat. Selbst nachts schimmert die Hauptstadt wie eine Symphonie in Rosa: Jaipur, the Pink City . Inmitten einer beige-braunen Hügellandschaft hat Jai Singh II. im 18. Jahrhundert diese Stadt ganz aus rötlichem Sandstein erbaut: Tore, Mauern, Paläste. Der einflussreichste der Rajputen-Maharadschas muss von den Sternen besonders fasziniert gewesen sein: Fünf Observatorien baute er in seinem Reich. Fremd und bis heute futuristisch ist besonders sein Jantar Mantar. Berühmt ist Jaipur jedoch für eine Fassade: den "Palast der Winde".
Hinter dieser fünf Stockwerke hohen Wand, durchbrochen von Fenstern und Erkern, konnten die Damen des Königs das Volk beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Elf Kilometer außerhalb liegt die alte Residenz Amber. Genüsslich fressen Elefanten Zuckerrohr, während Besucher vorsichtig die Sitze in schwindelnder Höhe besteigen. Schaukelnd geht es die steile Treppenstraße zum majestätischen Fort Jaigarh hinauf. Der Palast ist ein einziger Sinnesrausch. Hier blinken Millionen Spiegel von der Decke, dort sind Wände und Säulen mit feinsten Intarsien aus weißem und schwarzen Marmor geschmückt.
Das wuchtigste, eindrucksvollste Fort steht in Jodphur. Vom Kanonenplatz der Festung Meherangarh öffnet sich der Blick auf lauter Kuben: ein Häusermeer bis an den Horizont. Die Fassaden kennen nur eine Farbe. Blau, blau und wieder blau - denn hier leben Brahmanen. Zehn Kilometer misst die 125 Meter hohe Mauer des Mehrangarh Fort. Acht wehrhafte Tore müssen passiert werden, erst dann zeigt der Maharadscha, wie er bis heute in seinem Palast voller Prunk und Pomp lebt. Selbst der Blick nach draußen ist verschönt: Die Fenster aus feinstem Gitterwerk ziert buntes Glas. Der komplette Stammbaum der Herrscher von Jodhpur ist im Jaswant Thada verewigt. Strahlend weiß erhebt sich das Mausoleum für den Maharadscha Jaswant Singh auf einem schwarzen Basaltfelsen - starke Kontraste, kombiniert mit dem schönsten Blick auf die Stadt.
Abends geht es zum Bahnhof. Träger bringen Decken und Kissen. Heißer Tee in Tonschalen macht die Runde. Dann beendet ein ohrenbetäubendes Pfeifen jegliches Treiben: Der Zug nach Jaisalmer fährt ein. Die Stadt in der Steinwüste, von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt, beflügelt die Fantasie.
Tausendundeine Nacht, nur noch eine Nacht entfernt. Wie Gold leuchtet die Siedlung aus hellem Sandstein in der Morgensonne: auf dem Tafelberg die Festung mit ihren 99 Bastionen, zu ihren Füßen die Häuser des alten Handelsplatzes. "Haveli" heißen die schönsten - die palastartigen - Herrenhäuser, mit deren Fassadenschmuck sich die reichen Kaufleute gegenseitig zu übertrumpfen versuchten.
Ganz im Gegensatz dazu steht das "Venedig des Osten", "die Perle Rajasthans", die "weiße Stadt": Udaipur. Idyllisch zwischen bewaldeten Hügel und drei tiefblauen Seen gelegen, ist die Stadt die Erfindung eines Herrschers. Sie wurde 1569 von Maharana Udai Singh gegründet. Filme wie "Der Tiger von Eschnapur" machten einen Bau besonders berühmt: den Lake Palace. Pavillons, Terrassen, Innenhöfe und hängende Gärten erheben sich mitten im aufgestauten Pichola-See. Der Wohnsitz auf dem Wasser ist heute ein Luxushotel.
Informationen:
Reiseziel
Mit 342.000 Quadratkilometern etwa so groß wie Deutschland, bildet Rajasthan flächenmäßig den zweitgrößten Bundesstaat der Indischen Union. Im Nordwesten des Subkontinents gelegen, teilt ihn ein Mittelgebirge in zwei sehr unterschiedliche Regionen. Nördlich der 700 Kilometer langen Aravelli-Kette erstrecken sich sandige Wüstendünen und trockene Dornbuschsteppe, südlich und südöstlich ermöglicht der regenbringende Sommer-Monsun Ackerbau mit Hirse, Mais, Weizen, Sesam und Erdnüssen.
Reisezeit
Mai und Juni sind die heißesten Monate in Rajasthan mit extrem hohen Temperaturen bis über 40 Grad Celsius. Im Juli und August zieht der Sommermonsun mit heftigen, aber zeitlich begrenzte Schauern über das Land. Im Winter sind besonders in der Wüste Nachtfröste möglich. Die Tagestemperaturen steigen dann auf milde 20 bis 25 Grad Celsius.
Unterkunft
Lake Palace Hotel, Udaipur
Wohnen wie ein Maharadscha: Der "Tiger von Eschnapur" machte den blütenweißen Palast im Pichola-See
weltberühmt, später flirtete Sean Connery als 007 mit einer Gespielin in dem
schwimmenden Palast.
Umaid Bhagwan Palast, Jodhpur
Das rötliche Sandsteinschloss mit der gewaltigen, 57 Meter hohen Kuppel, erst
im 20. Jahrhundert von einem britischen Architekten als größter privater
Wohnsitz der Welt erbaut, wird heute von der Welcome Group als Luxushotel
betrieben.
Luxuszug "Palace on Wheels"
Reisen wie einst die Maharadschas - acht Tage und sieben
Nächte in einem voll klimatisierten Luxuszug, neu erbaut im Stil der alten
Salonwagen. Abfahrt in Delhi.