Rajasthan: Feuerwerk für die Sinne - DER SPIEGEL
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Rajasthan Feuerwerk für die Sinne

Stolze Festungen, mittelalterliche Städte und farbenfrohe Feste – kein anderer indischer Bundesstaat hat sein geschichtliches Erbe und seine kulturelle Vielfalt bis heute so unverfälscht erhalten wie Rajasthan. Das gilt vor allem für Ziele abseits der üblichen Touristenroute.
Von Bärbel Schwertfeger
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist schon dunkel, als der Wagen in die Allee zum Brijraj Bhawan Palace einbiegt. Ein Angestellter führt die Gäste durch den Garten zu ihrem Zimmer, das mit seinem historischem Mobiliar und dem großen Marmorbad an vergangene Zeiten erinnert. Einst wohnte hier Prominenz aus aller Welt. Königin Mary von England verbrachte hier Weihnachten, Indira Gandhi kam zum Tee. Seit 1964 dient ein Teil der einstigen britischen Residenz als Hotel, im anderen Teil wohnt der Maharao von Kota, wie der Maharadscha in der südlichen Region Rajasthans genannt wird.

Nirgends lässt sich besser auf den Spuren der Maharadschas wandeln als in Rajasthan. Über tausend Jahre hat das Kriegervolk der Rajputen mit ihrer weit verzweigten Adelshierarchie diesen Teil Indiens beherrscht. Die Hindus waren die Einzigen, die den Angriffen der islamischen Moguln trotzten. Ihre Tapferkeit war legendär und ihren Stolz haben sie bis heute nicht verloren. Viele ihrer märchenhaften Paläste und Festungen haben die einstigen Herrscher zu Hotels umgewandelt. Nicht jedes davon hat den Standard eines Luxushotels, aber alle haben ihren eigenen Charakter.

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Rajasthan: Feuerwerk der Sinne

Foto: Bärbel Schwertfeger

Im Brijraj Bhawan Palace sind die Wände des Esszimmers mit Jagdtrophäen geschmückt, und die Gäste speisen unter den Augen von Tigern, Leoparden und Bären. "Die hat alle der Maharao geschossen", erklärt Schwiegertochter Kalpana Devi. Ihr Mann hat in den USA studiert, für die Deutsche Bank in Delhi gearbeitet. Doch nun ist Ijyaraj Singh zurück nach Kota gekommen, um seinem 70-jährigen Vater Brijraj Singh bei seinen zahlreichen sozialen Verpflichtungen zu helfen. Wie viele der ehemaligen Fürsten kümmert auch er sich um das kulturelle Erbe seiner Familie, und seine berühmte Sammlung von Miniaturmalereien war schon auf Ausstellungen in Zürich und New York zu sehen.

Pfeile gegen den Dämon

Eine besondere Aufgabe erwartet den künftigen Maharao am nächsten Tag. Beim Abschluss des zehntägigen Dussehra-Festes hat er die Aufgabe, den Dämonenkönig Ravana zu töten, der neben seinem Bruder Kumbhkarna und seinem Sohn Meghnad in Gestalt einer zehn Meter hohen Figur auf dem Festplatz aufgestellt ist. Das Hindu-Fest, das den Sieg des Guten über das Böse symbolisiert, wird in Kota besonders groß gefeiert.

Doch zuvor hat Maharao Brijraj Singh Adlige und Würdenträger zu einem Empfang vor dem Stadtpalast geladen. Nach und nach treffen die Männer mit ihren farbenprächtigen und kunstvoll gewickelten Turbanen ein. Man begrüßt sich und plaudert. Diener reichen Gläser mit Cola.

Dann formiert sich die Prozession mit bunt geschmückten Reitern und Musikern und dem Maharao und seinem Sohn in einem Jeep. Langsam bewegt sich der Zug den Hang hinunter durchs Palasttor auf die Straße und reiht sich ein in die Parade bunter Wagen, auf den denen grell geschminkte Frauen und Männer die Legende von Rama und Ravana nachstellen. Vorbei an dicht gedrängten Zuschauern geht bis zum Festplatz. Soldaten halten den Weg frei und schirmen die Menschenmassen ab. Auch die wenigen Touristen stehen unter ihrem Schutz. Am Fuß der bunt bemalten und mit Knallkörpern präparierten Pappmaschee-Figuren stoppt der Zug. Ijyaraj Singh springt aus dem Jeep und schießt einen Pfeil auf den Dämon ab. Ohrenbetäubende Explosionen erschüttern die Luft, Flammen lodern auf und die Figuren zerfallen langsam zu Asche.

Liebesszenen in Türkis

Bisher verirren sich nur wenige westliche Touristen nach Kota. Denn die Distrikthauptstadt im Süden Rajasthans liegt abseits der Standardroute. Hier ist noch wenig zu spüren von den negativen Auswirkungen des Tourismus. Keine Bettler, keine aufdringlichen Händler. Auch im 40 Kilometer nördlich gelegenen Bundi kann man noch unbehelligt durch die engen Gassen schlendern. Die mittelalterliche Kleinstadt fügt sich malerisch in ein schmales Tal des Arawalli-Gebirges und wird überragt von einer ausgedehnten Palastanlage. Über völlig abgewetzte Pflastersteine geht ein steiler Weg zum Ersten der insgesamt fünf Gebäudekomplexe.

Enge Stufen führen vom Innenhof zur einstigen Audienzhalle mit Marmorthron und zahlreichen weitläufigen Terrassen. Von hier bietet sich ein schöner Blick auf die Altstadt und den mit giftgrünen Algen überzogenen Teich Naval Sagar. Noch weiter den Berg hinauf lassen sich Wandmalereien aus dem 18. Jahrhundert bewundern. Die in Blau-, Türkis- und Grüntönen gehaltenen Werke zeigen religiöse Darstellungen und Liebesszenen. Unterhalb des Palastes liegt das 150 Jahre alte Haveli Braj Bhusanjee, das heute ein kleines Hotel ist. Mukesh Mehta führt den Besucher durch sein verschachteltes Reich. Kein Zimmer gleicht dem anderen, einige haben Fenster aus bunten Glas. Im Esszimmer erinnern alte Fotos an die Zeit als Mehtas Großvater, ein Nachfolger des ehemaligen Premierministers von Bundi, noch hier wohnte.

Von Bundi geht es weiter ins südwestlich gelegenene Chittorgarh. Die Straße ist eine Katastrophe mit Löchern so groß, dass sich darin leicht ein Schaf versenken ließe. Die Vegetation wird immer karger, die Gegend immer einsamer. Schon von weitem erkennt man die gewaltige Festungsanlage auf dem 180 Meter hohen schmalen Felsplateau. Wie kein anderer Platz ist sie mit der Geschichte der Rajputen verbunden, die hier vom 8. bis zum 16. Jahrhundert ihre Hauptstadt hatten. Chittorgarh war Schauplatz der Verteidigung des Hinduismus gegen den Islam. Dreimal wurde die Stadt von muslimischen Eroberern heimgesucht. Dreimal gab es das grausame Ritual des Jauhar, bei dem Frauen und Kinder sich auf vorbereiteten Scheiterhaufen verbrannten, während die Männer den Tod im Kampf suchten. Denn die Ehre war den Rajputen wichtiger als das Leben. Nach dem letzten Angriff verlegte der Herrscher im Jahr 1568 die Hauptstadt ins 65 Kilometer westlich gelegene Udaipur.

Verwirrendes Labyrinth

Heute führt eine vierspurige Autobahn dorthin. An schnelles Fahren ist dennoch nicht zu denken. Kamelkarren blockieren die Überholspur, Geisterfahrer sind völlig normal, und die allgegenwärtigen Kühe trotten in aller Ruhe zum Mittelstreifen, um die dort angepflanzten Blumen zu fressen.

Im Palast von Udaipur drängen sich die Touristengruppen. Schließlich gehört die Stadt wegen ihrer malerischen Lage am Lake Pichola zum Pflichtprogramm jeder Rajasthan-Reise. Über 400 Jahre wurde an dem größten Palastkomplex Indiens gebaut. Heute sind hier ein Museum, zwei Luxushotels sowie die Privatresidenz des 76. Maharana untergebracht. Der angesehenste aller Maharadschas gehört zur ältesten noch überlebenden Dynastie Indiens. Der öffentliche Teil des Palastes ist ein verwirrendes Labyrinth mit unzähligen Fluren, Galerien, Treppen und Innenhöfen auf mehreren Ebenen, in dem sich der Glanz und die Dekadenz der Maharadschas widerspiegeln. Gemälde erzählen Geschichten von Tigerjagden, Elefantenkämpfen und dem Müßiggang der Herrscher beim Fischen, Schachspielen oder Flirt mit schönen Frauen in den Lustschlössern auf den beiden Inseln Jag Mandir und Jag Niwas.

Die Schlösser gehören auch heute noch dem Maharana. Seit 1963 ist der Sommerpalast auf Jag Niwas ein Hotel. 1971 übernahm die Taj-Hotelgruppe das Management und baute das Juwel rajputisch-mogulischer Architektur zum Luxushotel um. Noch immer verzaubert der Palast aus weißem Marmor und Sandstein mit seinen lauschigen Innenhöfen und unzähligen Terrassen, Türmen und Erkern den Besucher. In den Suiten kann sich der Gast noch heute wie ein Maharadscha fühlen. Wer das nötige Kleingeld hat, kann sein Haupt sogar aufs komfortable Marmorbett im einstigen Audienzsaal betten. Dabei ist der 80 Quadratmeter große Saal mit seinen goldumrandeten Spiegeln, seinen wertvollen Deckenmalereien und der mit kunstvoll geschnitzten Marmorbögen dekorierten Fensterfront zum Schlafen eigentlich viel zu schade.