Ramlat-al-Wahiba Die Modellwüste
Sand, überall Sand. Sand in rot, gelb und weiß. Sand bis zum Horizont. Fein und mobil kriecht er in Kleider- und Hautfalten, der Sand der Wahiba-Wüste im Osten des Sultanats Oman, in der Region Sharqiyah. Zwei Stunden Fahrt von der Hauptstadt Maskat liegt Al-Mintirib, das nördliche Eingangstor zu den Wahibas. Das Dorf besitzt einen alten Kern, den typischen arabischen Souk, ein Fort und bewirtschaftete Gärten.
Besonders Mittwochs herrscht hier geschäftiges Treiben, denn der Ort dient den Beduinen, die im Inneren den Sandmeers leben, als Versorgungszentrum. Es ist nicht ungewöhnlich, neben einem Pick-up voller verschleierter Frauen zu stehen und einen freundlichen Gruß oder ein paar Süßigkeiten auszutauschen. Nicht alle Beduinen jedoch begegnen den Fremden mit Herzlichkeit, eine Tatsache, die Touristen oft selbst verschulden, wenn sie in Shorts und ärmellosen Tops die Wüste erobern wollen. Die Bewohner der Wahibas sind stolz und kompromisslos, wenn es um die Achtung ihrer Traditionen geht.
Hinter dem Dorf beginnt das Abenteuer, denn hier endet die Teerstraße, hier geht es hinein in die bis zu 200 Meter hohen Dünen, die sich in Nord-Süd-Richtung erstrecken. Bis zum Ölboom war das traditionelle Fortbewegungsmittel für die Beduinen das Kamel, heute reisen nur noch Touristen auf den Wüstenschiffen.
Spöttische Gelassenheit
Die Omanis haben ihre Tiere längst gegen Pick-up-Trucks mit Allradantrieb getauscht. Sie beherrschen ihre Gefährte im Schlaf und beobachten die oft hilflosen Fahrversuche westlicher Abenteurer mit spöttischer Gelassenheit. Trotz ihrer Überschaubarkeit sind die Wahibas kein einfaches Terrain. Das Fahren im weichen Sand erfordert Gefühl und Erfahrung, denn die Konsistenz des Untergrunds hängt stark von der Tages- und Jahreszeit ab.
Besonders im Süden, wo die Dünen sichelförmig wandern, oft bis zu zehn Meter im Jahr, ist die Orientierung schwierig. Eine kleine Unachtsamkeit, ein bisschen zu viel Gas, und schon sitzt der Wagen fest und noch mehr Sand in allen Poren des verschwitzen Körpers. Zum Glück bieten viele Reiseveranstalter organisierte Touren mit einheimischen Führern und Fahrern an, auf denen man gefahrlos die Besonderheiten dieses Landstrichs erkunden kann.
Erstaunliche Pflanzen- und Tiervielfalt
Und zu erkunden gibt es viel. Die Wahibas weisen geologische und biologische Besonderheiten auf, die weltweit einmalig sind. Das erkannte auch die altehrwürdige britische Royal Geographical Society, die dort in den achtziger Jahren mit Unterstützung der omanischen Regierung ein mehrjähriges umfangreiches Forschungsprojekt durchführte. Die über 50 Wissenschaftler, die an der Untersuchung beteiligt waren, fanden eine erstaunliche Pflanzen- und Tiervielfalt, die sich auf Grund der Nähe zum Meer und dem dadurch bedingten erhöhten Feuchtigkeitshaushalt entwickeln konnte.
Der üppige Morgentau ist das Lebenselixier für über 16.000 wirbellose Tier- und hundert Vogelarten sowie Füchse, Wölfe, Wildkatzen und Mungos. Eine botanische Besonderheit ist der ausgedehnte Wald aus Ghaf-Bäumen an den östlichen und westlichen Rändern der Wahibas, der Schutz vor den extremen Sommertemperaturen bietet und darum als beliebter Aufenthaltsort für die normadenhaft lebenden Beduinen und ihre Tierherden gilt.
Bizarre Formen aus dem gelben Sand
Neben der einzigartigen Flora und Fauna bergen die Wahiba Sands eine geologische Sensation. Sie verfügen über das weltweit größte zusammenhängende Areal von versteinerten Sanddünen, den so genannten Aeolianiten. An manchen Stellen treten sie in bizarren Formen aus dem gelben Sand, dann wieder fallen sie Hunderte von Metern steil ins Meer ab und leuchten in der Abendsonne wie steinernes Gold. Eine Fahrt entlang dieses einmaligen Naturschauspiels gehört zu dem beeindruckendsten Erlebnissen in den Wahibas.
Vorbei an einfachen Fischerdörfern geht es dann am Strand entlang zurück Richtung Zivilisation. Die erste feste Siedlung, das kleine Nest Khuwaymah, hat etwas von einer Westernstadt. Träge und verschlafen liegt es in der flirrenden Mittagshitze. Die breite Hauptstraße aus festgefahrenem Sand wird von kleinen Lebensmittelläden, archaischen Tankstellen und schmierölschwarzen Autowerkstätten gesäumt. Hier hat man alle Zeit der Welt, um den Reifendruck wieder auf Normalmaß zu pumpen, einen kühlen Softdrink zu schlürfen und ein Schwätzchen zu halten.
Von Khuwaymah führt eine Schotterpiste zu dem aufstrebenden Fischerstädtchen nach Al-Ashkhara, wo die Teerstraße nach Maskat beginnt. Hier ist es endgültig vorbei, das Abenteuer Wahiba-Wüste. Nicht vorbei ist es allerdings mit dem Sand. Rot, gelb und weiß rieselt er auch noch Wochen später leise aus Kleidern und Taschen.