Burma: Rangun aus der Regimekritiker-Perspektive
Ex-Häftling als Burma-Reiseführer Taxifahrt zum Höllenknast
Shell lacht nicht oft, und wenn, dann möglichst mit geschlossenem Mund. Dabei können sich seine Zähne sehen lassen. Sie sind groß und weiß, anders als bei vielen seiner burmesischen Landsleute, deren Gebiss vom Betelnusskauen rötlich-schwarz verfärbt ist. Trotzdem versteckt Shell seine Zähne lieber, vielleicht, weil sie künstlich sind. Seine echten wurden ihm von Gefängniswärtern ausgeschlagen.
Dreimal saß Shell ein, insgesamt verbrachte er 14 Jahre seines Lebens hinter Gittern. Sein Vergehen: Er lehnte sich gegen die burmesische Regierung auf und kämpfte gemeinsam mit Hunderttausenden anderen gegen Korruption und Willkür staatlicher Würdenträger. Anfang 2012 kam er im Zuge einer Amnestie frei.
Seither arbeitet Shell, der eigentlich Aung Thein Lwin heißt, in der burmesischen Großstadt Rangun als Taxifahrer. Seinen Kunden, meist Touristen, bietet er ungewöhnliche Fahrten an: Er bringt sie an Orte, die in seinem Leben eine wichtige Rolle spielten und erzählt, was er dort erlebt hat.
"Viele Touristen wissen zwar, dass wir eine bewegte Vergangenheit haben und dass es Aufstände gegen die Regierung gab. Aber die meisten haben keine Vorstellung davon, was wirklich passiert ist." Das will Shell ändern. Gemeinsam mit zwei anderen ehemaligen politischen Gefangenen gründete er 2012 das Unternehmen Golden Harp Taxi , das ab 50 US-Dollar Tagestouren in die Vergangenheit seiner Fahrer anbietet.
Nebenbei lösen die Gründer damit ein existenzielles Problem: Kaum jemand will Ex-Häftlinge einstellen, von denen viele zudem keinen Beruf gelernt haben. "Deshalb haben wir uns unsere Jobs selbst geschaffen", sagt Shell.
"Das war eine harte Zeit"
Zur heutigen Tour empfängt der 44-Jährige seinen Fahrgast im traditionellen burmesischen Longyi-Rock und mit Piloten-Sonnenbrille. Auf der Rückbank seines Taxis sitzt seine Frau Mar Lwin. Sie übersetzt, denn Shell spricht nur ein paar Worte Englisch. Die beiden lernten sich 1992 kennen. Ihr Vater, ebenfalls ein ehemaliger politischer Gefangener, hatte zuvor gemeinsam mit Shell eingesessen.
Die erste Station ist die bekannteste Sehenswürdigkeit der Stadt: Die symbolträchtige Shwedagon-Pagode wurde 1988 zum Zentrum des Widerstands gegen die damalige Regierung. Unter den Demonstranten, die sich rund um die riesige goldene Stupa versammelten, war auch der damals 18-jährige Shell, der mit seiner Mutter und seinem Bruder nur ein paar Straßen entfernt wohnte. "Ich wusste, dass die Regierung in Geldwäsche-Geschäfte verwickelt war und wollte dagegen protestieren", erzählt Shell, der auf dem Marmorfußboden sitzt, die Beine zum Schneidersitz verschränkt.
Für Shell ist die Pagode ein Ort der Erinnerung. Damals hat er hier Reden gehalten und Demonstrationen in Rangun und Mandalay organisiert, der zweitgrößten Stadt des Landes. Ganz in der Nähe der Touristenattraktion wurde er das erste Mal festgenommen. "Das war eine harte Zeit."
Schläge, Schlafentzug, Hunger
Auf dem Weg zum Insein-Gefängnis, in dem Shell lange Zeit einsaß, geht plötzlich nichts mehr. Stau wegen einer Baustelle. Shell schlängelt seinen weißen Toyota Meter für Meter voran. Spurenmarkierungen sind egal, Hauptsache, er hupt kurz, bevor er sich vor ein anderes Auto drängelt. "Sich über Staus aufzuregen, nützt nichts. Das macht es nur schlimmer."
Als das Gefängnis in Sichtweite ist, fährt Shell weiter. Ob man hier nicht aussteigen darf, um Fotos zu machen? "Nein, das geht auf keinen Fall", sagt Shells Frau nervös. Auch anhalten will Shell nicht. "Das wird nicht so gern gesehen."
Von der Straße aus ist das Gefängnis kaum zu erkennen, wegen der hohen Bäume gleicht das Gelände eher einer Parkanlage. Doch die Anstalt trägt nicht umsonst den Beinamen "Burmas dunkelstes Höllenloch". Shell weiß das aus eigener, schmerzhafter Erfahrung. Er berichtet von Schlägen, Schlafentzug, perfiden Gewaltspielen der Wärter - und immer wieder Hunger.
Mit leiser, aber fester Stimme berichtet er, was ihm in Gefangenschaft widerfahren ist. Wer fragt, bekommt von ihm die schonungslose Wahrheit. Zum Beispiel, dass Essensgeruch ihm immer noch manchmal Kopfschmerzen bereitet, weil er in Gefangenschaft verdorbene Speisen essen musste, um nicht zu verhungern. Oder dass es Momente gab, in denen er sterben wollte.
Lieber in der Gegenwart leben
Wut oder Rachegefühle empfinde er jedoch nicht, auch nicht beim Anblick der uniformierten Wachen, die vor dem Haupteingang des Gefängnisses stehen. "Ich bin Buddhist und lebe lieber im Hier und Jetzt, statt mich über die Vergangenheit zu grämen."
Shell parkt sein Taxi vor einem unscheinbaren grauen Tor, das von zwei Flaggen und Schildern mit der Aufschrift NLD gesäumt wird. Es ist das Haus der Friedensikone Aung San Suu Kyi, die 2015 für ihre Partei Nationalliga für Demokratie als Präsidentschaftskandidatin antreten will.
Hier verbrachte sie den mehr als 15 Jahre dauernden Hausarrest, unter den die Militärregierung sie stellte. "Sie war und ist sehr wichtig für unser Land. Ich hoffe, dass sie Präsidentin wird", sagt Shell, während sich hinter ihm einige Touristen aus den USA vor dem Tor drängeln. Jeder will durch ein kleines Fenster im Tor einen Blick auf das Haus der legendären Politikerin werfen.
Zurück im Stadtzentrum hält Shell in der Straße, in der er 2007 die Demonstranten der Safran-Revolution filmte. Damals gingen abermals Tausende Mönche und Zivilisten auf die Straße, um gegen die regierende Militärjunta zu protestieren. Er erklärt, wo die Polizisten die Straße abriegelten, wie sie die Demonstranten zusammenpferchten und verprügelten.
Um festzuhalten, wie brutal der Staat gegen die Protestierenden vorging, machte Shell heimlich Videos und ließ sie einem oppositionellen Rundfunksender zukommen. Dabei wurde er beobachtet - und abermals festgenommen. Dieses Mal lautete die Strafe elf Jahre Haft, von denen er vier absaß. Dann kam die Amnestie.
Obwohl die burmesische Regierung seitdem Reformen eingeläutet und sich das Land für Touristen geöffnet hat, ist Shell sich nicht sicher, ob die Entwicklung von Dauer ist. "Wir sind auf einem guten Weg, aber wir müssen die neu gewonnene Freiheit hüten wie einen Schatz." Wer auch immer an die Macht kommen sollte, sagt er, den Mund werde er sich von niemandem verbieten lassen: "Ich habe vor nichts mehr Angst."