Reisehorror Das amerikanische Fahrrad
Den Sommer 1999 verbrachten mein damals achtjähriger Sohn Max und ich auf Einladung der Kierkegaard Library am St. Olaf College in Northfield, Minnesota. Damit der Junge sich nicht langweilte, ging er zur dortigen außerschulischen Kinderbetreuung und brauchte dringend ein Fahrrad. Diesen Wunsch konnte ich ihm nicht abschlagen, also wurde ein Trekking-Bike gekauft. Dabei wollten wir in New York noch eine dreiwöchige Zwischenstation machen. Und dort war ein Fahrrad überflüssig. Aber dies war ebenso wenig ein zündendes Argument, wie, dass man in Deutschland ebenfalls Trekking-Bikes erwerben könne. Denn es sollte partout ein amerikanisches Bike sein. Damit waren die späteren Ereignisse bereits determiniert. Denn das amerikanische Fahrrad musste mit nach Hause.
Aber es konnte nicht mit nach New York, sondern sollte am Flughafen in Minneapolis auf uns warten und mit uns nach Deutschland zurückfliegen, was auch problemlos möglich war. Die Fluggesellschaft war bereit, das Rad kostenlos als Gepäckstück zu befördern. Am Flughafen wurde es natürlich als Erstes ausgeladen und von seinem Besitzer sofort in die Abfertigungshalle geschoben. Als ich schließlich nach Entladen des Vans den Kofferkuli, beladen mit zwei Koffern, einem Rucksack und einem Laptop in die Halle schob, sah ich meinen Herrn Sohn die Fläche vor den Abfertigungsschaltern als Rennstrecke benutzen. Die lange Halle fuhr er, Fluggäste und Gepäck knapp umgehend, auf und ab, auf und ab.
20 Dollar und das amerikanische Fahrrad waren weg
Es war nur eine Frage der Zeit, bis es zu einer Kollision kommen würde. Doch irgendwann kam er strahlend an. Worauf ich das Fahrrad schnell zur Gepäckaufbewahrung brachte: 20 Dollar und das amerikanische Fahrrad waren weg. Diese 20 Dollar waren jedoch so ziemlich das letzte Bargeld, das ich bei mir trug. Macht nichts, dachte ich mir, auf dem JFK-Flughafen in New York gibt es bestimmt Geldautomaten.
In New York wollten wir uns ein Taxi nehmen. Dafür brauchte ich Geld. Im TWA-Terminal gab es einen Geldautomaten, aber der war defekt. Also zog ich mit Kind und Gepäck zum British-Airways-Terminal, wo es nach Auskunft des Flughafenpersonals weitere Geldautomaten geben sollte. Die gab es dann auch. Ich zückte meine Kreditkarte, schob sie in den vorgesehenen Schlitz, aber der Automat wollte mir kein Bares aushändigen.
So stand ich dann mit einem Kind, zwei Koffern, einem Rucksack und einem Laptop auf dem New Yorker JFK-Flughafen und hatte noch zehn Dollar in der Tasche. Nun lag die Wohnung, die wir für unseren New-York-Aufenthalt von der Schwiegermutter eines Freundes angemietet hatten, in Astoria. Astoria gehört zu Queens, und Queens liegt auf Long Island, also waren wir schon mal auf der richtigen Insel, so viel wusste ich. In der Nähe von Astoria liegt auch der Flughafen La Guardia, so viel wusste ich auch.
Ich kannte nichts und niemanden in dieser Stadt
Ich wusste ebenfalls, dass es keinen Sinn hat, sich von JFK oder La Guardia mit einem Kind, zwei Koffern, einem Rucksack und einem Laptop zu Fuß auf den Weg zu machen. Auch für einen Erwachsenen ohne Gepäck wäre ein Spaziergang quer durch Long Island nicht eine gerade ermutigende Vorstellung. Was tun? Unter der Telefonnummer, die ich für alle Fälle bekommen hatte, meldete sich niemand. Die New Yorker Freunde waren in der Schweiz. Ich kannte nichts und niemanden in dieser Stadt. Aber ich wusste, dass es Flughafen- Shuttles zwischen den verschiedenen New Yorker Flughäfen gibt. So eines musste man erwischen, denn von La Guardia ist es weniger weit nach Astoria als von JFK aus.
Dem Herrn Sohn hatte ich zwischenzeitlich mitgeteilt, dass ich für eine Taxifahrt nicht genügend Geld hatte. In meine Überlegungen platzte er mit der Nachricht, er habe noch welches in einer Plastikbox in seinem Koffer. Also kramten wir unter den ungläubigen Blicken einiger Passanten in seinem Koffer, fanden in Scheinen und Münzen 18 Dollar, so dass sich unsere Barschaft auf insgesamt 28 Dollar belief. Das reichte zwar immer noch nicht für ein Taxi, zumindest aber für eine Shuttlefahrt. Ein Rest müsste dann noch übrig sein. Wir nahmen das nächste Shuttle in Richtung La Guardia.
Der Fahrer war ein Englisch radebrechender Maghrebiner, der mir die Vorzüge New Yorks erklärte, indem er sich ständig zu mir umdrehte, nur eine Hand am Lenkrad behielt, damit er die andere zum Unterstreichen seiner Ansichten verwenden konnte. Als der Shuttle uns an der Abflughalle von La Guardia abgesetzt hatte, waren wir um 15 Dollar ärmer. So weit, so gut. Nur waren wir immer noch weit von unserem Ziel entfernt.
Nun standen wir inmitten der hektischen Fluggäste, und ich hielt Ausschau nach einem Taxifahrer, der ein gutes Herz hatte, was laut verschiedener Auskünfte bei New Yorker Taxifahrern nicht vorkommen soll. Aber diese Auskünfte waren alle falsch. Tatsächlich fand sich ein netter Italiener bereit, uns für zehn Dollar zu unserer Adresse in Astoria zu fahren.
Mein Sohn rief immer fort: "Ich kann das, ich kann das"
Als wir von New York aus die Heimreise antraten, machte sich das Fahrrad wieder bemerkbar. Es lauerte hinterhältig in Minneapolis und wartete auf seinen Flug in die alte Welt. Um meinen Sohn an weiteren Radrennerfahrungen in Abflughallen zu hindern, checkte ich es sofort nach unserer Ankunft in Minneapolis zusammen mit dem anderen Gepäck ein. Wir flogen in die kurze Polarnacht und landeten nach einem Zwischenstopp in Amsterdam. Wir holten unser Gepäck vom Band, jemand schob uns das amerikanische Fahrrad zu und drückte es mir in die Hand. Jetzt stand ich wieder auf einem Flughafen, mit einem Kind, zwei Koffern, einem Rucksack, einem Laptop und einem Fahrrad, ohne Fahrplan und ohne Fahrkarten. Das amerikanische Fahrrad reizte abermals zum Fahren. Mein Sohn rief immer fort: "Ich kann das, ich kann das." "Du bleibst hier," lautete dagegen der kategorische Imperativ seiner Mutter. Aber Rad und Radler bildeten einen nicht einfach zu überzeugenden Block des Widerstands.
Auf einer Strecke von ungefähr 400 Kilometern zwischen Amsterdam und unserem Heimatort mussten wir dreimal umsteigen. Der erste Zug war völlig überfüllt, und ich lagerte das Gepäck in dem ebenfalls vollen Raum zwischen zwei Waggons, das amerikanische Fahrrad oben drauf, ganz oben saß sein Besitzer. Überraschenderweise klappte das Umsteigen jedes Mal recht gut, zumal mein Sohn den Wunsch aufgegeben hatte, auf den Bahnsteigen neuerliche Runden zu drehen. Im Interregio von Hengelo Richtung Heimat belegte das Fahrrad viel freien Raum und fiel ab und zu um. Eines Tages nach der Ankunft entdeckten wir ein kleines Schild an unserem amerikanischen Bike: Made in China.