Reisehorror You are welcome
Mit irrsinniger Geschwindigkeit rast das Taxi durch die Nacht. Jedenfalls lassen die Dunkelheit und die huckelige Straße es so erscheinen, obwohl die Tachonadel des alten Renault nur 80 anzeigt. Alle paar Minuten kommt uns auf dieser Strecke ein Lkw entgegen, dessen Scheinwerfer genauso schief eingestellt sind wie die unseres Autos und den ägyptischen Fahrer so stark blenden, dass er die Hand schützend nach vorn strecken muss. Sein Fuß scheint auf dem Gaspedal festgewachsen; er zuckt nicht einmal, wenn die Laster an uns vorbei donnern.
Trotz der Hitze draußen zieht es furchtbar im Wagen, weil die Fenster nicht richtig schließen. Obwohl ich die ganze erste Rückbank für mich allein habe, wage ich es nicht, mich bequem an meinen Rucksack zu lehnen. Bloß nicht einschlafen, sage ich mir. Ich drehe mich um zu Thorsten, der auf der zweiten Rückbank sitzt und ebenfalls gegen die Müdigkeit ankämpft.
Dabei täte etwas Schlaf nun wirklich gut nach der Tortur bei den Grenzkontrollen am Übergang Rafah. Über fünf Stunden haben wir gebraucht, um die etwa 400 Meter von palästinensischem über israelischen auf ägyptischen Boden hinter uns zu bringen. Am längsten haben uns diesmal die Ägypter schmoren lassen. Ich lege die Arme auf die Lehne und meinen Kopf darauf und lasse die Bilder der hinter uns liegenden Reise Revue passieren...
Die Ankunft in Kairo und die Taxifahrt durch den Sinai mit dem verrückten Fahrer Abu Achmed; die Fähre über den Suez-Kanal mit dem schmierigen Grill-Restaurant auf der anderen Seite; die Ankunft in Gaza. Da war Fawzy noch dabei, der die Verständigung auf Arabisch sicherstellen konnte. Fawzy ist bei seiner Familie in Gaza geblieben, also mussten Thorsten und ich unsere Rückreise zum Flughafen Kairo ohne Dolmetscher bestreiten. Der Fahrer versteht nicht mal ein paar Brocken Englisch.
Wusch, wieder einer dieser Lkw! Ich schrecke hoch sehe gerade noch, dass unser Wagen auf etwas am Straßenrand zurast. In Bruchteilen von Sekunden wird mir kalt und dann heiß - dann knallt's. Vorne rechts rummst es zuerst, dann fliegt das Etwas vom Straßenrand über das Auto und schlägt auf dem Dach noch einmal ein.
Der Fahrer fährt zusammen und versucht hastig gegen zu lenken. Nur kurz vermindert er die Geschwindigkeit, wischt sich über die Stirn und gibt wieder Gas. Völlig erschrocken schaue ich mich um. Auch Thorsten versucht, im Rückfenster etwas zu erkennen. Man sieht kümmerliche Lichter und auch einige Gestalten auf der Straße; Häuser rechts und links - irgendein Wüstendorf.
"What was it?", frage ich den Fahrer, doch er murmelt nur etwas vor sich hin. Ich tippe auf einen Karren oder ein Schild; ein Mensch oder ein Tier war es mit ziemlicher Sicherheit nicht. Gott sei Dank! Das habe ich erkannt.
Der erste Schreck lässt langsam nach, doch ein flaues Gefühl macht sich breit. Auch der Fahrer ist plötzlich nervös und schaut hektisch in den Rückspiegel. Ich drehe mich wieder zu Thorsten um, doch auch er zuckt nur mit den Schultern - ängstliches Schweigen.
Das Taxi fährt noch einige Minuten, dann hält es mitten in der Wüste am Straßenrand an. Der Fahrer steigt aus, um sich mit einer alten Taschenlampe das Auto anzusehen. Ich nutze die Gelegenheit und klettere ebenfalls aus dem Wagen in die warme Wüstennacht. Die Dunkelheit wird durch einige Lichter in der weiteren Umgebung aufgelockert - aus der Ferne flattern gespenstische Geräusche herüber.
Vorne rechts in der Motorhaube klafft eine tiefe Kerbe, Stoßstange und Scheinwerfer sind durchschlagen. Ein Schild könnte es tatsächlich gewesen sein. Wir steigen wieder ein.
Im Rückspiegel tauchen Lichter auf. Ein Auto nähert sich rasch, überholt uns und zwingt unser gerade angefahrenes Taxi wieder zum Anhalten. Mein Herz rutscht mir in die Hose, als sechs Männer aus dem Mercedes steigen und auf unser Auto zukommen. Stocksteif sitze ich auf meiner Sitzbank. Die Anspannung steigt, als die Männer das Auto umringen und mit unserem Fahrer ein heftiges Wortgefecht auf Arabisch beginnen. Dann klettern zwei der Araber in unser Auto, einer auf dem Beifahrersitz und ein anderer direkt neben mir.
Sie zwingen den Fahrer den Wagen zu wenden und wir fahren zurück in die Ortschaft. Schweiß rollt mir perlenweise von den Axelhöhlen an den Seiten herunter und hinterlässt eine kalte Spur. Doch die gröbste Angst weicht langsam einer relativen Nüchternheit. Der Fremde auf dem Beifahrersitz dreht sich zu uns um und fragt: "English? Arabic?" - "Allemand", antworte ich, worauf er meint: "Ah, you are welcome!" - "Na klasse", denke ich, "hier ist man ja wirklich willkommen!"
Wir erreichen wieder die kleine Ortschaft und halten vor einer Art Café, das sich durch ein altes beleuchtetes Coca-Cola Schild als solches zu erkennen gibt. Sofort ist der Wagen wieder umringt von 20 oder 30 Männern, die schreiend und wild gestikulierend auf das Autodach einschlagen, um dem Fahrer ihren Unmut entgegen zu schleudern. Heftig muss dieser sich mit Worten wehren.
Doch plötzlich scheint der Aufruhr um uns herum eine Wendung zu nehmen. Die Ägypter werden ruhiger und lassen uns dann in unserer ursprünglichen Richtung weiterfahren. Gott sei Dank! Weiß der Geier, was die ausgehandelt haben!
Unser Taxi fährt wieder weiter auf der huckeligen Straße Richtung Suez-Kanal. Ist nun alles vorbei? So fahren wir eine ganze Weile in kribbelnder Unruhe und merken gar nicht, dass der Fahrer sich längst schon wieder entspannt hat und in seine alte Gasfuß-Starre zurückgefallen ist. Können wir uns also auch entspannen? Ja, wir können! Die Lichter des von der Hinfahrt bekannten Grill-Restaurants am Suez-Ufer bringen endlich die erlösende Gewissheit. Als das Taxi dann hinter einem klapprigen Laster auf die ebenso klapprige Fähre rollt, wird es hell am Horizont.