Rotes Meer Überfahrt nach Palmenland
Esel ziehen mit gebeugten Köpfen Karren mit leiernden Rädern, darauf ein Tank aus zwei zusammengeschweißten Ölfässern. Jeden Tag wackeln die Gefährte durch die Stadt, um die Menschen mit Wasser zu versorgen, und eines fährt auch über den Damm vom Festland herüber zum blinden Hussein Abdul-Hamid auf der Ruineninsel.
Neulich hatte sich der Alte verirrt. Sein Stock suchte im Staub aus zerfallenem Mörtel und Wüstensand, er klapperte gegen die Schutthaufen aus weißen Korallensteinen, aus denen die Stadt gebaut war. Plötzlich spürte er, wie sich eine kleine Hand in die seine schob und ihn führte. "Wessen Sohn bist du?", fragte Hussein das Kind an seiner Seite. Der Junge antwortete nicht. Er führte den Alten bis zu seinem Zuhause, eine zusammengenagelte Bretterbude, die der Gluthauch des Windes grau gefärbt hat. Dann verschwand der Kleine, und Hussein verstand. "Das Kind war ein Dschinn."
Einst verbannte der Prophet Salomon alle Dschinn, alle Geister also, auf eine Insel an der Rotmeerküste des Sudans. Die kleine Insel, 400 Meter im Durchmesser, war das Sidschinn, das Gefängnis der Geister. Sidschinn, so geht die Legende, wandelte sich zu der Hafenstadt Suakin, aus der die Schätze des Sudans nach Dschidda in Arabien gebracht wurden: Butter von Schafen und Kamelen, Mais, Sklaven. Bis die Engländer Anfang des vergangenen Jahrhunderts Suakin zerstörten, ganz ohne Kanonen und Brandfackeln. Sie bauten 60 Kilometer weiter einen neuen Hafen, Port Sudan, weil es dort weniger Riffe gab. In den zwanziger Jahren begann der Niedergang, erinnert sich der 94 Jahre alte Hussein. Immer mehr Handelsleute verließen Suakin, gingen nach Port Sudan oder übers Rote Meer nach Dschidda.
Also blieb Hussein Fischer
Auch Husseins vier ältere Brüder schifften sich nach Arabien ein. Im Jahr 1950 folgte ihnen Hussein, er watete von einem Schmugglerboot an Land. Seine Brüder hatten Angst vor den Behörden und wollten ihm nicht helfen. Nach zwei Monaten griff ihn die Polizei auf und deportierte ihn zurück ins verfallende Suakin. Also blieb er Fischer, 50 Jahre lang fuhr er jeden Tag hinaus. Das grelle Licht draußen habe ihn das Augenlicht gekostet, meint er; vor drei Jahren begann es, plötzlich sah er immer schlechter.
Hussein heiratete in seinem Leben fünf Frauen und ließ sich nach jeweils fünf Jahren von den ersten vier wieder scheiden, denn "keine von ihnen konnte Kinder gebären". Es war, als sei die Insel mit einem Fluch des Todes belegt. Die prächtige Altstadt verfiel beinahe so schnell wie die toten Kamele, die am Rand der Straße nach Port Sudan liegen. Bei mehr als 40 Grad im Schatten werden ihre Kadaver immer flacher, Rippen staken in die Luft wie in Suakin die Deckenbalken aus dem Schutt der einst dreistöckigen Häuser.
Mit den Geistern komme er gut aus, manchmal tränken sie zusammen Tee und redeten über früher, erzählt Hussein. "Suakin war eine prächtige Stadt. Im Palast des Händlers Schinawi gab es 365 Zimmer. Für jede Frau eines, wie es hieß. Bündel von Straußenfedern und Stapel von Elefantenstoßzähnen lagerten in den Magazinen. Auf dem Boden lagen edle Teppiche, importiert aus Dschidda."
Die "Inglesi" wollten Suakin auslöschen
In den Gassen der Inselstadt verwandelten Juweliere Goldbarren zu Geschmeide für die Bräute Arabiens. Die 200 Häuser hatten schwere Türen aus javanischem Teak und Erker aus indischem Redwood mit kunstvoll geschnitzten Gittern, durch die ein kühlender Luftzug ins Innere strich und die Frauen nach draußen blicken konnten, ohne gesehen zu werden. Pilger, die auf ihrem Weg durch die nubische Wüste nicht verdurstet oder von Räubern erschlagen worden waren, schifften sich ein, um in Mekka zu beten, der heiligsten islamischen Stätte, 60 Kilometer nördlich von Dschidda.
Dass die Kolonialherren Suakin den Todesstoß versetzten, liege nicht an den besseren Schifffahrtsbedingungen in Port Sudan, erzählen Großväter den Enkeln. Aus Suakin kam Osman Digna, der 1883 der anglo-ägyptischen Armee mit seinen Kämpfern vom Stamm der Beja bittere Verluste beibrachte. Die "Inglesi" hätten deshalb beschlossen, Dignas Heimatstadt auszulöschen. Dass Osman Digna erst zum Kämpfer für Islam und Freiheit geworden war, weil die Kolonialherren sein Geschäft eindämmen wollten, erzählen die Alten den Enkeln nicht: Digna war Sklavenhändler.
800.000 Sudanesen haben sich nach Saudi-Arabien aufgemacht
Das neue Suakin wächst auf dem Festland. In der Siedlung aus einstöckigen Häusern, Bretterbuden und Zelten leben mehrere zehntausend Menschen. Nördlich gibt es einen neuen Ölterminal und einen Verladekai für Kamele und Schafe, die nach Dschidda exportiert werden, häufig als Opfertiere für die Pilger in Mekka. Der Besitzer des besten Hotels sagt: "Die Regierung investiert in Suakin - schließlich ist es ein Symbol der Zivilisation." Auch in seinem Haus mit einem Dutzend Vierbettzimmern gibt es kein fließendes Wasser.
Wo Palmen wachsen, da ist Wasser, Schatten, Nahrung. 800.000 Sudanesen haben sich nach Saudi-Arabien, in das Land mit der Palme in seinem Staatswappen, aufgemacht. Gegenüber der Ruineninsel liegt im Osman-Digna-Port die "Sara" vor Anker, eine 100 Meter lange Autofähre, in der es nach Maschinenöl riecht. Sie bringt Techniker, Computerexperten, Lehrer, Lastwagenfahrer, Buchhalter, Übersetzer und Kamelhüter über das Rote Meer. In saudischen Krankenhäusern arbeiten 800 sudanesische Ärzte. Ein Lehrer verdient im Sudan 40 Euro im Monat, in Saudi-Arabien 400.
Dschidda, "die Braut des Meeres", feiert jeden Tag in einem prächtigen Kleid
Sami Saleh Nawar träumt, nämlich davon, die Schönheit der "Braut des Meeres" zu erhalten. So nennen die Bewohner Dschiddas ihre Stadt. "Ich war in Lübeck. Die Kollegen dort haben die gleichen Gegner wie ich", ruft Stadtplaner Nawar, ein Mann, der für seine Sache brennt. "Die Gegner sind Männer, die die Wörter Fortschritt und Entwicklung missbrauchen!" 60 Prozent der Häuser in der Altstadt Dschiddas sind verloren, ersetzt durch Stahlbeton. Aber 500 weiße Korallensteinhäuser gibt es noch im gleichen Baustil wie einst in Suakin, mit blau, grün und rotbraun gestrichenen Holzerkern und blickdichten Gitterfenstern.
Viele Häuser sind in trostlosem Zustand, manche zerbröckeln über den Köpfen der Passanten. Für 200 Häuser hat Sami Saleh Nawar mit den Besitzern die Erhaltung ausgehandelt. Die Stadt gibt finanzielle Hilfen und mietet verlassene Häuser an. Nawar lässt sie von alten Handwerkern und ihren taubstummen Lehrlingen restaurieren. "Meine Aufgabe ist es, dass das da drüben nicht hierher kommt", sagt Nawar und weist über die Altstadt hinweg auf das spiegelnde Glas von Büros, Hotels und Wohnsilos.
Im Ölboom vor zwei Jahrzehnten wurden pro Jahr vier Millionen Tonnen Zement und eineinhalb Millionen Tonnen Eisen im "Islamic Port" angelandet, damit sich die Stadt, eingezwängt zwischen dem Meer und dem 18 Kilometer entfernten Asir-Gebirge, nach Süd und Nord in die Wüste fressen konnte, ein 100 Kilometer langer Streifen aus Beton, Asphalt, Lichtmasten und wummernden Klimaanlagen, Wohnplatz für zweieinhalb Millionen Menschen. Die Stadt dehnt sich auf der tausendfachen Fläche von 1947 aus, als innerhalb der noch nicht geschleiften Mauern gerade einmal 40000 Einwohner lebten. Süßwasser aus den vier riesigen Meerwasserentsalzungsanlagen labt den üppigen Rasen auf den Verkehrsinseln der Corniche, der sechsspurigen Uferstraße.
Den Fremden bleiben die Krümel
Nach Sonnenuntergang, wenn die Stadt aus Mattigkeit erwacht, strömen Familien zum Picknick an den Strand, Gruppen junger Männer in die Nicht-Familien-Abteilungen der McDonald's-Restaurants und verschleierte Frauen in die glitzernden Malls der Al-Tahlia-Straße, um die neueste Mode aus dem Westen zu kaufen, die sie unter ihren knöchellangen schwarzen Abayas werden verstecken müssen. Vor der Küste speit die König-Fahd-Fontäne ihren Wasserstrahl 200 Meter hoch. Flutlicht macht aus der Fahne der Fontäne ein riesiges weißes Segel. "Die Braut des Meeres" feiert jeden Tag in einem prächtigen Kleid. Aber sie lässt nur die eigenen Leute an die Festtafel. Den Fremden, die die Gesellschaft bedienen, bleiben die Krümel.
Mohammed, 30, führt ein Leben wie Tausende andere Taxifahrer in Dschidda. Er fährt jeden Tag 600 Kilometer, das macht im Jahr 219000 Kilometer, denn Mohammed arbeitet an 365 Tagen. Er fährt 12 bis 14 Stunden, Halt macht er nur zum Mittagessen und zum Beten. Nur so fährt der Pakistaner in die schwarzen Zahlen. 33 Euro zahlt er täglich an den saudischen Taxiunternehmer für die Benutzung des Nissan. Ein guter Monat ist, wenn mehr als 300 Euro bei ihm hängen bleiben. Während Sudanesen meist die Lastwagen steuern, um die Hauptstadt Riad mit allem zu versorgen, was zu einem angenehmen Leben mitten in der Wüste gehört, sind die 70000 Taxifahrer in Dschidda fast ausschließlich Pakistaner, Inder und Bangladescher. Acht von zehn Beschäftigten im privaten Sektor Saudi-Arabiens sind Ausländer. Ihnen gilt die Verachtung vieler Einheimischer, weil sie kochen, putzen, bauen, waschen, dienen.
Um Mitternacht fährt Mohammed in seine Unterkunft in einer ungeteerten Straße. Mit elf weiteren Pakistanern teilt er sich eine Dreizimmerwohnung. Jeder besitzt eine Matratze und für die Hemden einen Nagel an der Wand. Höhepunkt der Woche ist das Telefonat mit Frauen und Kindern zu Hause.
"Die Saudis sind undiszipliniert, unzuverlässig, haben keine Lust"
Abdul Rahman Turkistani hat es besser. Er ist jeden Tag umgeben mit dem, was ihm wichtig ist: vier Kinder, ein Saab Cabrio, eine Frau. Turkistani hat Journalismus studiert und ein paar Monate lang in einer Tageszeitung gearbeitet. "Es war fürchterlich. So viel Arbeit!" Dann fand er, Gott sei's gedankt, eine Stelle beim Informationsministerium. Seine Aufgabe ist es, auf ausländische Journalisten bei ihren Recherchen aufzupassen. Auf Fragen antwortet er meist: "Das muss ich untersuchen." Nie kommt er darauf zurück. Auf dem Schafmarkt, wo Hunderte von Sudanesen Suakini-Schafe feilbieten, redet er mit den Hütern laut wie ein Lehrer vor der Klasse. Zurück im klimatisierten Wagen sagt er: "Ich kann den Geruch nicht aushalten. Ich brauche eine Dusche."
Turkistani ist einer von zweieinhalb Millionen Einheimischen, die die Regierung in der aufgeblähten Verwaltung und in Staatsbetrieben mit Sesseljobs satt hält. Weil aber die angenehmen Posten nicht mehr ausreichen für die wachsende Schar der Saudis in dem Land mit durchschnittlich sechs Kindern je Familie, schreibt die Regierung den Privatbetrieben eine Quote von saudischen Beschäftigten vor. "Sie sind undiszipliniert, unzuverlässig, haben keine Lust. Am liebsten würde ich alle feuern", sagt der schweizerische Leiter eines Luxusresorts an der Corniche, eine Einschätzung, wie man sie von ausländischen Managern im Land ständig hört.
Gefangen in einer Gesellschaft, in der es so viele Gräben gibt
Abir Mischchas, 39, gehört zu der größten Gruppe der Benachteiligten im Königreich Saudi-Arabien: den Frauen. Sie sitzt vor einem Poster mit Vermeers "Mädchen mit dem Perlenohrring" in einem fensterlosen Kämmerchen der "Arab News", nicht im Großraumbüro, weil Männer und Frauen nicht im selben Zimmer arbeiten dürfen. In ihrer aktuellen Kolumne klagt sie vorsichtig darüber, dass es Frauen verboten sei, ein Auto zu steuern, sie aber vor Gericht persönlich haftbar gemacht werden, wenn ihr angestellter Fahrer einen Unfall verursache. Auf die Straße geht sie nur mit Kopftuch, das Gesicht verhüllt sie nicht. "Ich will das nicht", sagt sie, es klingt nicht trotzig oder kämpferisch, sondern selbstverständlich, sie ist als Diplomatentochter in Kairo aufgewachsen.
In ihren Kolumnen schreibt sie über unerhörte Themen wie sexuelle Belästigung. "Viele junge Männer verfolgen stundenlang Autos, in denen Frauen sitzen. Einmal verfolgte mich und meinen Fahrer spätnachts ein Mann bis in unser Viertel", erzählt sie. "Ich musste per Mobiltelefon meinen Bruder anrufen. Er stellte den Mann zur Rede. Der sagte, mein Fahrer habe ihm die Vorfahrt genommen." Abir Mischchas fordert in ihren Artikeln Veränderung, aber auch sie ist gefangen in einer Gesellschaft, in der es so viele Gräben gibt und keine Brücken darüber - Gräben zwischen Männern und Frauen, Armen und Reichen, Saudis und Gastarbeitern.
Die Fähre, in den sechziger Jahren gebaut, um zwischen dänischen Inseln zu pendeln, legt nach Sonnenuntergang ab. 500 sudanesische Gastarbeiter, einige von ihnen mit ihrer Familie, sind an Bord der "Al-Abud", um der Fron für einige Monate zu entkommen. Vorsichtig steigen die Menschen über schlafende und schwitzende Kinder auf den Gängen und über die hennabemalten Füße der Frauen. Wenige Privilegierte klettern über Stiegen zu den Kabinen unter Deck, in denen es nach Diesel riecht, aber Klimaanlagen etwas Kühlung versprechen. Viele Passagiere stehen in ihren weißen Gewändern und Turbanen am Heck und blicken zurück auf Dschidda - ein Lichtband, das sich von Norden bis Süden über den Horizont zieht. Das weiße Segel der King-Fahd-Fontäne verschwindet zuletzt.
"Das Land wird reich werden"
Elmahi, 51, lagert auf einer Strohmatte. 13 Jahre arbeitete er als Lehrer im Sudan, vor 15 Jahren ging er nach Saudi-Arabien, um in einer Werkstatt für Benzinpumpen zu arbeiten. "Ich habe einen hohen Preis bezahlt! Jeden Tag denke ich an mein Dorf am Nil. Ich träume, wie ich auf meinem Land bete, umgeben von meinem Vieh, wie ich Datteln von meinen Palmen esse, wie ich im Fluss schwimme." Nicht mehr lange wird er die Heimat vermissen müssen, meint Elmahi: Die Amerikaner machen Druck auf das islamistische Militärregime in Khartoum, endlich einen Friedensvertrag mit den christlichen Rebellen im Süden auszuhandeln. Seit 20 Jahren ist der Bürgerkrieg die schwärende Wunde, die den Sudan ermattet. "Im Frieden wird unser Ölschatz endlich ungehindert ausgebeutet. Das Land wird reich werden. Und wir werden nicht mehr auf dieser Fähre sitzen müssen."
Über ihm und den kreuz und quer lagernden und schwitzenden Passagieren hängt eine Tafel an der Wand mit grünen Lettern, ein Spruch aus dem Koran: "Moses sagte seinem Volk, es müsse geduldig sein."
Den ungekürzten Artikel lesen Sie im "Mare"-Heft 40, Oktober/November 2003