Saigon: Stadt im Zeichen des Dollars - DER SPIEGEL
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Saigon Stadt im Zeichen des Dollars

Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Krieges ist Saigon auf dem Wege, ein neues Bangkok zu werden. Der Sozialismus ist nur noch Fassade. Vital und verkommen zugleich jagen die Bewohner der vibrierenden Metropole dem Dollar hinterher.
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Wenn um kurz nach sechs Uhr die Sonne aus dem milchigen Dunst über dem Saigon-Fluss aufsteigt, schlägt die Stunde des Volkssports. Auf der Uferpromenade üben sich alte Männer im Schattenboxen, junge kicken sich geschickt einen Ball zu. Ehepaare spielen Badminton, junge Frauen joggen.

Es dauert nicht lange, bis diese friedliche Morgenszene von dem Lärm der erwachenden Metropole überwältigt wird, dem dumpfen Dröhnen des Verkehrs und dem staatlichen Radioprogramm, das aus den öffentlichen Lautsprechern plärrt. Wie jeden Morgen wird auch ein Lied über Ho Tschi-minh gespielt, den als "Bac Ho", Onkel Ho, verehrten Vater der Nation.

Seit 1976 heißt die Sechs-Millionen-Metropole im Süden Vietnams Ho-Tschi-minh-Stadt. Die erste Nationalversammlung des wiedervereinigten Landes beschloss damals Saigon nach dem Vater der Siege in den langen Kriegen gegen die Franzosen und Amerikaner umzubenennen.

Heute jedoch verwenden selbst kommunistische Funktionäre wieder den angestammten Namen. Er passt einfach besser. Mit dem asketischen Patrioten und Kommunisten Ho Chi Minh hat die Stadt wenig gemein. Sie ist vielmehr auf dem besten Wege, ein zweites Bangkok zu werden. Hart, vital, hedonistisch, verkommen. In den neunziger Jahren sind im zentralen ersten Bezirk am Fluss mindestens ein Dutzend bis zu 30 Stockwerke hoher Neubauten aufbetoniert worden, vorwiegend Hotels.

Der Verkehr ist atemberaubend. Wer vor zehn Jahren noch auf einem Fahrrad strampelte, fährt heute ein Moped. Seit anderthalb Jahren lassen sich in China unter Lizenz gefertigte Hondas importieren, die mit rund 500 US-Dollar nur ein Drittel der japanischen Hondas kosten. Die Zahl der Neuzulassungen von Mopeds hat sich daraufhin im vergangenen Jahr in Saigon verdoppelt.

Zebrastreifen werden ebenso ignoriert wie Ampeln. Gebremst oder ausgewichen wird nur im äußersten Notfall. Zum Überqueren einer großen Straße als Fußgänger bedarf es guter Nerven und gelassener Übung.

Vor allem viele ältere Saigoner haben harte, bittere Gesichter. Die Stadt ist immer von Fremden beherrscht worden, an die sich die Bewohner verkauften oder gegen die sie rebellierten. Die Franzosen, die Amerikaner und seit 1975 die Kommunisten aus Nordvietnam.

Was die Stadt und ihre Bewohner antreibt und ihnen eine überwältigende Dynamik verleiht, ist die Jagd nach dem Dollar. Schon fahren die ersten Neureichen - erfolgreiche Geschäftsleute und korrupte Funktionäre - mit neuen Daimlern über den brüchigen Asphalt. Überall wird gehandelt, gewettet und gezockt. Selbst ein junger Mönch in einer Pagode sagt: "You give me souvenir, one dollar."

Saigon ist die größte Stadt Vietnams und verfügt über den wichtigsten Hafen des Landes. Hier werden rund ein Fünftel des Bruttoinlandsproduktes erarbeitet. Vor anderthalb Jahren wurde eine Börse eröffnet.

Die renommierten Hotels liegen seit den Zeiten der Franzosen, die sich 1859 hier festsetzten, an der Rue Catinat, die inzwischen Dong Khoi heißt, Straße der Volkserhebung. Das Continental etwa, ein viergeschossiger klassizistischer Bau an der Oper. Der französische Schriftsteller André Malraux logierte in dem 1880 von einem Italiener erbauten Haus, bevor er zum Kunstraub ins kambodschanische Angkor aufbrach.

In den frühen fünfziger Jahren beobachtete der britische Autor Graham Greene, wie immer mehr Kriegsberichterstatter das Hotel zu ihrem Stammsitz erkoren. "Diese lärmenden Bastarde im Continental" mokiert sich der Protagonist in Greenes "Der stille Amerikaner".

Das Continental wurde 1925 von einem Korsen übernommen, der tief in den Rauschgifthandel und andere dubiose Geschäfte verstrickt war. Temps perdu. Heute gehört es der Staatsfirma Saigon Tourist und beherbergt harmlose Reisende, vor allem Franzosen und Japaner. Die Dimensionen der Zimmer sind unzeitgemäßer Luxus. Die als Standardraum für 45 Dollar die Nacht vermieteten Gemächer sind zehn Meter lang und über vier Meter hoch.

Mit der vollständigen Renovierung des Continental, Majestic und anderer traditionsreicher Hotels wurde dennoch jener Charme der fünfziger Jahre beseitigt, den diese Herbergen noch bis zur Öffnung des Landes für Touristen 1989 ausstrahlten. Damals traf man gewöhnlich in der anrührend dekorierten Bar des Hotel Caravelle eine Hand voll von Heimweh geplagte russische Berater und bulgarische Ingenieure oder auch mal einen Matrosen aus der DDR. Im Geiste der internationalen Solidarität betrank man sich dann unter einem Foto der melancholisch-existentialistisch dreinschauenden Juliette Greco am Reis-Brandy.

Der Sozialismus nach Moskauer Modell ist inzwischen in Saigon zum reinen Etikettenschwindel verkommen. Der Besuch der staatlichen Schulen kostet Geld, ebenso der von Ärzten und Krankenhäusern. Eine soziale Absicherung oder Alterversorgung existiert nicht einmal für Staatsbedienstete. Ein Lehrer verdient gerade mal 30 Dollar im Monat. "Um meine Familie mit zwei Kindern einigermaßen durchzubringen", sagt Luu Van Sau, "brauche ich mindestens 100 Dollar." Er hat nach einem Jahr an einer Oberschule hingeschmissen und arbeitet jetzt als Touristguide. Damit macht er wenigstens 70 Dollar im Monat.

Die Dong Khoi ist von einem imposanten Spalier aus Verkäufern und Bettlern gesäumt, die den Touristen die Dollars aus den schweißnassen Händen ziehen wollen. Kleinkinder drängen einem Kaugummi auf, ältere Mädchen Postkarten und grotesk entstellte Kriegskrüppel fordern Almosen.

Mai ist Verkäuferin in einer Schneiderei auf der Dong Khoi und arbeitet von 8 Uhr morgens bis 22 Uhr abends, sieben Tag die Woche. Im Monat bekommt sie dafür umgerechnet 50 Dollar. "Ich stamme eigentlich aus Hue", sagt sie, "aber ich konnte seit sieben Jahren meine Familie nicht besuchen."

Wie in China herrscht ein mit kommunistischen Parolen bemäntelter Räuberkapitalismus, der selbstverständlich auch die klassischen Laster des dekadenten Westens ins Land gebracht hat: Rauschgift und Prostitution. Als die letzten Amerikaner im Frühjahr 1975 aus der Stadt flüchteten, ließen sie mehr als 100.000 Huren zurück, die zum größten Teil von den Kommunisten zur Umerziehung aufs Land geschickt wurden.

Inzwischen verfügen die meisten großen Hotels wieder über Massagesalons, in denen sich junge Frauen vor allem auf die Bearbeitung männlicher Kunden spezialisiert haben. Besonders Japaner wissen den angebotenen "Clinton-Sex" für nur 50 Dollar zu schätzen.

Ebenso aussichtslos wie die Versuche der Polizei, die Prostitution wieder auszurotten, erscheint ihr Kampf gegen den Rauschgifthandel. Im Jahr 2001 beschlagnahmten Fahnder 28 Prozent mehr an illegalen Drogen als im Jahr zuvor, wobei Saigon trotz beständiger Razzien der Brennpunkt des Drogenhandels ist. Die Regierung will zwar die Zahl der Drogenkonsumenten jährlich um mindestens zehn Prozent reduzieren, doch Heroin und Exctasy sind schwer im Kommen.

Wer sich legal berauschen will, hält sich an Bier. Die lokalen Sorten "Saigon" und "333" halten spielend dem Vergleich mit "Beck's" oder "Heinecken" stand. Am Abend, wenn die Temperatur endlich unter 30 Grad Celsius sinkt und eine leichte Brise die faulige Hitze aus den Straßenschluchten vertreibt, ist es wunderbar in Saigon. Wer ein paar Dong übrig hat, geht aus. Man lässt sich in den Miniaturstühlen auf dem Trottoir nieder und trinkt, schwatzt oder beobachtet die Vorbeiflanierenden.

"Prost", sagt ein Mann am Nachbartisch. Es stellt sich heraus, das er in den achtziger Jahren in Magdeburg Maschinenbau studiert hat. Später sagt er noch "Gold-Broiler" - warum ich daraufhin furchtbar lachen muss, versteht er nicht ganz.

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