Sansibar Paläste, Plattenbauten und Pizza
Natürlich hat Sansibar auch schöne Strände. Doch fast niemand kommt auf die Insel mit dem magisch klingenden Namen vor der Küste Tansanias im Indischen Ozean, um nur im Sand zu liegen.
Dazu ist die Hauptstadt Stonetown und die Suche nach Spuren der turbulenten Geschichte Sansibars viel zu aufregend. Die Insel war sogar mal deutsch: Zwischen 1884 und 1890 gehörte es zu einem deutschen Protektorat, ging dann an die Briten, die dafür Helgoland hergaben.
Noch heute sind im arabisch geprägten Stonetown eine Vielzahl der Gebäude aus der Kolonialzeit erhalten. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es eine Stadt, deren ursprünglicher Charakter aus afrikanischen, arabischen und später europäischen Einflüssen derart authentisch konserviert ist.
Stonetown ist ein mystisches Labyrinth, verfallende Pracht und eingestürzte Häuser liegen direkt neben bunten Märkten und aufwendig restaurierten Bauten. Besonders auffällig sind die mit üppigen Ornamenten verzierten Holztüren und die kunstvoll geschnitzten Holzveranden, deren Stil indische Einwanderer mitbrachten.
Zum Sonnenuntergang gibt es in Sansibar-Stadt nur ein Ziel: Die Dachterrasse von Emerson & Green in der Hurumzi Street. Das vor fünf Jahren von Amerikanern eröffnete Hotel verfügt über acht riesige Zimmer, die mit schweren arabischen Möbeln, Himmelbetten und bunten Glasfenstern überaus stilvoll und authentisch gestaltet sind.
Wer die steilen Treppen bewältigt und die Dachterrasse erreicht, wird reich belohnt. Weit geht der Blick über die Blechdächer von Stonetown, neben dem Uhrenturm vom "Haus der Wunder" versinkt die Sonne im Ozean.
Das 1883 als Zeremonienpalast errichtete prächtige Gebäude verfügte als Erstes der Insel über elektrisches Licht und über einen elektrischen Aufzug. Nach 1911 nutzte die britische Kolonialregierung die großzügigen Flächen für Büros, und auch der Vater von Frederick Bulsara arbeitete hier als Buchhalter.
Frederick Bulsara erblickte 1946 in Sansibar das Licht der Welt und erlangte später unter den Künstlernamen Freddie Mercury als Sänger der Rockgruppe "Queen" Weltruhm.
Inzwischen ist es kurz vor acht, auf weichen Kissen sitzend haben die Gäste ihre Drinks geleert. Kleine bimmelnde Glöckchen und wehende Tücher hängen unter dem Dach, ein frischer Windhauch und die exotischen Düfte der darunter liegenden Küche machen die Terrasse zu einem magischen Ort.
Nachdem der Muezzin die Gläubigen zum Abendgebet gerufen hat, serviert die französische Köchin Nicole auf dem Dach ein Fünf-Gänge-Menü: Karotten-Orangensuppe, einen Grillspieß mit Riesengarnelen und Barrakuda, dazu Kartoffelbrei mit Kardamom.
Zum Dessert locken Dattel-Halva und halbgefrorenes Papaya-Kompott mit Pastis. "Ich gehe täglich auf den Markt und stelle mein Menü je nach Angebot zusammen", erzählt die Französin.
Sansibar besteht nicht nur aus Stonetown, die flache und gerade zur Hälfte bewaldete Insel ist immerhin stattliche 86 Kilometer lang und 39 Kilometer breit.
Immer mehr Einwohner verlassen die Altstadt, schon heute leben nur noch acht Prozent der 200.000 Bewohner in Stonetown. Die meisten wohnen jenseits der Creek Road im neueren Teil, viele von ihnen in Original-DDR-Plattenbauten, vor 30 Jahren von ostdeutschen Stadtplanern errichtet.
Touristisch lag Sansibar jahrzehntelang im Dornröschenschlaf, doch in den letzten Jahren hat sich eine bemerkenswerte Hotel-Infrastruktur entwickelt, die sich wohltuend von Bausünden wie etwa in Kenia abhebt.
Vor allem an der Ostküste, am Strand von Kiwengwa, sind die Ferienclubs aus dem Boden geschossen. Sie bilden eine geschlossene Gesellschaft, die fest in italienischer Hand ist.
Stonetown scheint in einer anderen Welt zu liegen, die anderthalb Stunden Autofahrt entfernt liegt. Hier urlaubt man "all inclusive", die Verfügbarkeit von Pasta, Pizza und Vino ist ebenso endlos wie die täglich zwölfstündige Dauerbeschallung gnadenlos.
Wer Ruhe will, muss am kilometerlangen feinsandigen Traumstrand entlang wandern und die lästigen Beachboys abschütteln, die jedem Mzungu, Fremden, auf italienisch ihre Ware aufdrängen wollen. "Prego, Signor, prego" rufen die kleinen schwarzen Jungs und weisen auf windschiefe Verkaufsstände für Souvenirs, an denen selbstgemalte Schilder hängen. "Trussardi die Zanzibar" steht da in Krakelschrift oder "Gucci".
Einfach auf Deutsch zu antworten ist - noch - die beste Abwehr.