Sierra Leone: Hoffnung auf Touristen
Tourismus im Krisenland Sierra Leone Die Strände sollen's richten
Die Fotos, die Issa Basma in diesen Tagen auf Facebook, Twitter und Instagram postet, zeigen von dem, was passiert ist, nichts. Keine Menschen mit Mundschutz, keine improvisierten Krankenhäuser, keine Straßenkontrollen. Auf den Bildern sieht man vor allem eines: Sand, so weit das Auge reicht. Die Palmen am Tokeh Beach biegen sich wie vor eineinhalb Jahren frech in den Atlantik. Das Meer schimmert türkis. "Ein Paradies", sagt Basma auch heute noch. Doch zwischen damals und jetzt liegen Welten. Basma ist Hotelier. Die Fragen beantwortet er per Handy aus London, wo er gerade für die Wiedereröffnung seines Hauses wirbt.
Tausende Stunden Arbeit und viele Dollar hat der junge Mann in den vergangenen Jahren in das Tokeh Beach Resort gesteckt. 2003 übernahm er das mehrere Hektar große Anwesen eine gute Autostunde südöstlich von Sierra Leones Hauptstadt Freetown von seinem Vater. 2011 eröffnete er das Hotel.
Mittlerweile bietet sein Haus 50 Zimmer - von der 20-Dollar-Strandhütte bis zur klimatisierten Suite. An vielen der Chalets hat Basma selbst Hand angelegt. "Weil es Spaß macht, Träume zu verwirklichen", sagt er. Doch es ist ein Traum, den derzeit keine Gäste genießen. Ebola hat ihn zerstört. Seit mehr als zwölf Monaten ist das Resort geschlossen.
Dabei liegt sein Hotel an einem der schönsten Strände Westafrikas. Einst war der Tokeh Beach Spielplatz der französischen Hautevolee. In den Achtzigerjahren gingen in den schicken Resorts Berühmtheiten wie der französische Sänger Johnny Hallyday und Bob Marleys Witwe Rita ein und aus. Bilder aus dem Africana Tokey Beach Resort gingen um die Welt - eine Luxusunterkunft mit 400 Zimmern und angeschlossenem Casino, in die Besucher direkt vom Flughafen mit dem Helikopter einflogen. Mondäne Hotels säumten die Buchten, der Tourismus boomte.
Erst der Krieg, dann die Krankheit
Zwischen 1991 und 2002 zwang der Bürgerkrieg Sierra Leone in die Knie. Dann, zwölf Jahre nach seinem Ende, hatte sich das Land endlich vom Grauen erholt, galt als hoffnungsvollste Wirtschaft Westafrikas. Dann kam Ebola.
Mittlerweile ist die Zahl der Neuinfektionen ermutigend niedrig, ein Impfstoff gibt Hoffnung, der derzeit an etwa 6000 Freiwilligen in Sierra Leone getestet wird, die Schulen haben wieder geöffnet, und die Menschen kehren zurück in eine Art Alltag. Nach mehr als einem Jahr ohne einen einzigen Touristen sollen nun auch Reisende aus Europa und den USA zurückkehren und den Menschen neuen Wohlstand bescheren.
Zwar zählt Sierra Leone nach wie vor zu den ärmsten Ländern der Erde. Die meisten der knapp sechs Millionen Einwohner überleben mit weniger als einem Dollar am Tag. Doch das Potenzial ist riesig, glauben Experten. Wegen der reichen Bodenschätze wie Diamanten, Eisenerz und Gold, aber auch wegen der atemberaubenden Natur.
"Jetzt ist es umso wichtiger, um dem Land auf die Beine zu helfen", sagt Yassin Kargbo. Der resolute Mann ist Chef des National Tourist Boards und hat hehre Pläne. An verschiedenen Orten im Land will er mit staatlichen Geldern Öko-Lodges eröffnen, zum Beispiel an den grünen Flanken des Berges Bintumani, mit 1945 Meter der höchste Gipfel Sierra Leones. Bis zu 250 Menschen sollen dort in Zukunft gleichzeitig Urlaub machen können.
Nur Geschäftsreisende, keine Touristen
Der Masterplan, an dem Kargbo gemeinsam mit dem Tourismusministerium gerade arbeitet, sieht aber vor allem vor, private Investitionen stärker zu fördern. So wie bei "The Place": Das 2013 eröffnete Luxusresort mit lichtdurchfluteten Chalets, Infinity Pool und Lounge-Bar direkt am Strand zog vor der Ebola-Krise ausländische Gäste an. Derzeit ist das Hotel geschlossen. Doch schon bald sollen die Pforten wieder öffnen.
Auch das Radisson Blu in Freetown war gerade fertig, als Ebola kam. Nach zeitweiser Schließung empfängt es seine Gäste heute mit 156 Zimmern, drei Restaurants, riesigem Pool sowie einem Health- und Wellness-Bereich von internationaler Güte. Allerdings kommen die Gäste nur sehr zögerlich zurück. Touristen heißt man hier noch keine willkommen, dafür erste Geschäftsreisende.
Wichtig, um den Tourismus anzukurbeln, ist auch noch etwas anderes: die Infrastruktur zu verbessern. Derzeit wird mit Hilfe einer chinesischen Baufirma eine vierspurige Küstenstraße von Freetown entlang der Küste in Richtung Süden asphaltiert. An ihr liegen einige der schönsten Strände Westafrikas: Mama Beach, John Obey Beach und der River Number Two Beach. An Letzterem wurde schon der Schokoriegelhersteller von "Bounty" schwach: Er drehte dort einst einen seiner Werbespots.
"Wir sind ein privilegiertes Land"
Sierra Leones Strände sind unwirkliche Orte. Orte zwischen Regenwald und Meer. Orte, die Potenzial haben. Nein, mit Zweckoptimismus habe es nichts zu tun, wenn man von großen Dingen träume, sagt Yassin Kargbo. Die Vorteile seines Landes lägen ja auf der Hand. Von Europa ist Sierra Leone in sieben Stunden zu erreichen. Näher als die Karibik und ähnlich schön. Auf jeden Fall unberührter.
Der Name Sierra Leone soll in Kargbos Augen schon bald wieder für Traumstrände stehen, für die pulsierende Hauptstadt Freetown mit ihren bunten Krio-Häusern, und natürlich für Natur. Zum Beispiel für die Zwergflusspferde von Tiwai Island und die Menschenaffen des Tacugama Sanctuary nahe Freetown, in dem eine der größten Schimpansen-Populationen der Erde geschützt wird.
Auch Issa Basma will seinem Land zu neuem Glanz verhelfen. Während der Krise brachte er in seinem Hotel bis zu hundert Mitarbeiter von Hilfsorganisationen unter. Seit Mai ist das Resort wieder für Touristen geöffnet. "Wir sind ein privilegiertes Land", sagt Basma. "In den kommenden Jahren wird der Tourismus hier explodieren."
Geht alles nach Plan, könnten zwischen den Palmen vor seinem Resort bald wieder Hängematten baumeln und Basmas Angestellte an der strohgedeckten Bar zum Sonnenuntergang Campari-Soda ausschenken. So wie vor der Krise. Mit Hilfe seiner Mitarbeiter hat er jüngst auch einen hölzernen Steg zum mehr als 30 Jahre alten Helikopter-Landeplatz auf einer vorgelagerten Insel gebaut. "Den Flugbetrieb wollen wir bald wieder aufnehmen", sagt der Hotelier.
Eines allerdings setzen all diese Träume voraus: ein Land gänzlich ohne Ebola.