Sinai: Bibelstunde in der Wüste - DER SPIEGEL
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Sinai Bibelstunde in der Wüste

Inmitten der Bergwüste der Sinaihalbinsel befindet sich eine der berühmtesten christlichen Stätten: das Katharinenkloster, in dessen Hof angeblich der biblische Dornbusch wächst.
Von Frank Schneider
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das graue Asphaltband windet sich kilometerlang von den Küstenorten Scharm al-Scheich und Dahab am Roten Meer ins Innere der Sinaihalbinsel. Im vollklimatisierten Bus geht es früh am Morgen mehr als vier Stunden durch die Wüste zum Mosesberg, wie der Berg Sinai auch genannt wird. Die Landschaft, in der die Straße wie der sprichwörtliche Ariadnefaden anmutet, wirkt gleichermaßen trostlos wie faszinierend.

Unwirtlich, aber auch beeindruckend reiht sich Bergkette an Bergkette, allenfalls von ein paar Sträuchern und Palmen um ein Wasserloch in einem der sandigen Täler unterbricht. Einen längeren Halt genehmigt der Fahrer erst rund eine Stunde vor dem endgültigen Ziel. An einer Kreuzung im Schatten der Berge stoppt der Bus an einem Rasthaus - zur frühen Mittagspause in der ersten menschlichen Behausung seit der Abfahrt.

Bald nach der Weiterfahrt biegt der Bus in ein schmales Tal, die Straße wird deutlich breiter und mündet in einen Parkplatz, der jedem bayrischen Königsschloss zur Ehre gereichen würde. Wohl gut zwanzig Reisebusse stehen hier nebeneinander. Zypressen säumen das Areal, einige Verkaufsstände für Getränke und Souvenirs stehen längs eines Weges. Vorbei am Beinhaus mit den sterblichen Überresten unzähliger Mönche erreicht man einen geschichtsträchtigen Ort: Im Katharinenkloster, das ungefähr im Jahr 550 erbaut wurde, soll Moses' brennender Dornbusch aus dem alten Testament stehen.

Mit seinen stabilen Wänden aus Granit wirkt das Kloster wie eine Festung. In vierzehn Jahrhunderten versuchten immer wieder Angreifer die Enklave in ihre Gewalt zu bringen. Doch das gelang nicht: Der einzige Zugang ins Innere befand sich in rund zehn Meter Höhe. Ohne Treppe.

Erst viel später, in sicheren Zeiten, bauten die Mönche auch zwei ebenerdige Eingänge. Durch einen gelangen heute fast täglich mehr als tausend Touristen in das vielleicht berühmteste Kloster der Welt, hinter dem sich der Berg erhebt, auf dem Moses die zehn Gebote empfangen haben soll. Ein Treppensteig führt zur Kapelle der Dreifaltigkeit auf den höchsten Punkt des Dschebel Musa, wie die Araber ihn nennen. Dennoch kommen auch einige Nachbargipfel als Ort des biblischen Geschehens in Frage.

Einer der bekanntesten Besucher des Klosters war sicher Napoleon. Der französische Imperator kam, sah und hinterließ einen Schutzbrief, der nun im inneren Eingangsbereich zu besichtigen ist. Selbst große Eroberer und Könige zollten den Mönchen - oft in Form von Geschenken - Respekt, und so befinden sich in der Basilika nicht nur die Gebeine der heiligen Katharina von Alexandria, sondern auch unbezahlbare Kunstschätze.

Neben der nach dem Vatikan zweitgrößten Sammlung alter Handschriften sind kunstvolle Handarbeiten, kostbare Ikonen und andere Preziosen in der Obhut der griechisch-orthodoxen Mönche. Sie haben ihre russisch-orthodoxen Glaubensbrüder abgelöst, unter deren Patronat das Katharinenkloster lange Zeit stand. In der Kuppel der Basilika ist der wahrscheinlich größte Kunstschatz zu sehen: Ein Mosaik, das die Auferstehung Jesu zeigt.

Gleich neben der Basilika, die den Mittelpunkt der Anlage bildet, befindet sich der Brunnen, an dem Moses der Überlieferung nach die kleine Herde seines Schwiegervaters zur Tränke führte. Noch immer ist diese Quelle mitten in der Wüste nicht versiegt.

Nur ein paar Schritte davon entfernt steht der biblische Dornbusch. Die Wurzeln geschützt von Mauerwerk aus groben Steinen, wirkt er eher unauffällig und nicht wie ein durch das Buch der Bücher weltweit bekanntes Zeugnis aus dem Alten Testament. Kräftiges Grün an seinen Zweigen zeigt, dass er bereit ist für weitere Jahrhunderte im Klosterhof.