Solartaxi: Freiluft-Sauna in Abu Dhabi - DER SPIEGEL
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Solartaxi Freiluft-Sauna in Abu Dhabi

In Saudi-Arabien werden Verkehrsdelikte mit Stockschlägen geahndet, wer über eine rote Ampel fährt, muss ins Gefängnis. Louis Palmer und sein Solartaxi-Team fahren vorsichtig – trotzdem sorgen ein mysteriöser Verfolger und plötzlicher Benzinmangel für Schwierigkeiten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Solartaxi hat den Golf erreicht. Drückende feuchte Hitze ersetzt drückende trockene Hitze – nicht gerade eine Wohltat. Vom angenehm klimatisierten Hotelzimmer in Abu Dhabi ist der Persische Golf zu sehen, abgegrenzt durch die Skyline in der Sonne glänzender Prachthochhäuser. Ein Blick auf die Karte zeigt uns: Wir haben schon eine beachtliche Strecke hinter uns, 9660 Kilometer, fast ein Viertel des Erdumfangs. Dabei bangten wir noch vor wenigen Tagen um den weiteren Verlauf des Abenteuers, hatte das Fahrzeug doch einen schweren Bruch an einer kritischen Stelle des Fahrgestells erlitten.

Verschiedene Szenarien gingen uns durch den Kopf: Im extremen Idealfall würden wir noch am selben Tag das Solartaxi perfekt schweißen und zusammensetzen, dann zeitig Riad verlassen, kurz bevor unser Transitvisum abläuft. Und im schlimmsten Fall… äh, lassen wir das besser. Es trat nämlich der extreme Idealfall ein. Thomas verbrachte zwei Tage intensiver Arbeit in der Werkstatt zusammen mit unserem Retter, dem Hamburger Mechaniker Romano Sokolowski, ohne den wir wohl mit dem Kamel weitergereist wären.

Stabiler als je zuvor

Man muss dazu nämlich wissen, dass das Fahrgestell zur Gewichtsersparnis aus Aluminium konstruiert ist, welches natürlich viele Vorteile gegenüber Stahl hat (beispielsweise Rostfreiheit), aber natürlich viel schwieriger zu bearbeiten ist. Schon die Suche nach einem Aluminiumschweißer war nicht leicht, dazu kommt die hohe Temperatur des Schweißvorganges und die hervorragende Wärmeleitung des Materials, weshalb der gesamte Motor ausgebaut werden musste, um ihn nicht zu beschädigen. Und das bedeutet, dass das Fahrzeug in seine kleinsten Einzelteile zerlegt werden musste. Aber als wir schließlich Riad verlassen und unseren Ohren und Nasen keine Großstadtluft mehr zumuten müssen, ist das Solartaxi nicht nur repariert, sondern durch neue Verstrebungen stabiler als je zuvor.

Dieter, unser unentbehrlicher Tourmanager, fährt uns noch einige Stunden lang voraus, die untergehende Sonne im Rückspiegel. Eine seltsame Nacht beginnt. Nachdem wir noch bei der Feuerwehr einige Zeit an der Steckdose verbringen, kommen wir in eine zunehmend verlassene Gegend. Die regelmäßigen Check Points der Polizei sind leer, von unserer eigenen Eskorte fehlt auch jede Spur. Ein suspekter Lieferwagen begleitet uns, überholt manchmal, bleibt dann am Straßenrand stehen. In den Laderaum würden wir gut alle hereinpassen, denke ich mit mulmigem Gefühl. Niemand würde jemals etwas merken.

In dieser Einsamkeit haben wir zumindest keine Angst davor, bei irgendwelchen Verkehrsdelikten erwischt zu werden, die werden hier nämlich besonders hart geahndet. Wer in Saudi-Arabien über eine rote Ampel fährt, kriegt drei Tage Haft. Und auf verantwortungsloses Fahren stehen 20 Stockhiebe. Kein Wunder, dass ich meistens alleine durch Saudi-Arabien fahre - wer einen verantwortungslosen Fahrer begleitet, kriegt ebenfalls 20 Stockhiebe.

Unser Begleitbus hat momentan ganz andere Sorgen: Im Dieseltank ist mal wieder mehr Luft als Treibstoff. In der Nähe einer kleinen Stadt ist die Straße plötzlich mit Tankstellen gesäumt. Aber keine von ihnen hat Diesel für uns. An fast jeder Tankstelle döst ein Tankwart auf einer Matratze, um uns jedes Mal zu versprechen, dass wir wenige hundert Meter weiter garantiert Erfolg haben werden. Als wir am Straßenrand eine Sammlung verlassener Baumaschinen sehen und schon fast auf krumme Gedanken kommen, hat die letzte Tankstelle dann plötzlich doch Diesel, und wir investieren mal wieder drei Euro fürs Volltanken.

Bald darauf erreichen wir die Vereinten Arabischen Emirate und den Golf in Abu Dhabi. Vor wenigen Tagen begann der heilige Monat Ramadan, was für uns eine besondere Erfahrung ist. Was im Westen oft unwissend als "tagsüber fasten, nachts Party" gilt, ist vielmehr eine Zeit, in der die Muslime ihrem Glauben sehr nahe kommen, indem sie ihre körperlichen Bedürfnisse vernachlässigen und sich auf ihren Geist und ihre Beziehung zu Gott konzentrieren.

Volles Programm trotz Fastenmonat

Dies bedeutet am Tag den Verzicht auf Essen, Trinken und Rauchen und damit mehr Zeit zum Beten. Außerdem wird der gesamte Koran gelesen, jeden Tag ein Stück. Nach Sonnenuntergang feiert man Iftar, das Ende des Fastens. Vorher jedoch ist auch für uns Fremde in der Öffentlichkeit sogar das Trinken nicht erlaubt. Der Arbeitsalltag ist dadurch natürlich sehr eingeschränkt, das Leben ist langsam, Behörden und Firmen arbeiten nur drei Stunden pro Tag oder bleiben ganz geschlossen. Was natürlich auch einen unserer Programmpunkte sehr beeinträchtigt: Hier in den Emiraten müssen wir uns um unser Visum für Indien kümmern. Dies wird vermutlich noch eine komplizierte Angelegenheit.

Auch sonst haben wir hier volles Programm: Nirgendwo zuvor hatten wir so viel Presse und Medien um uns herum. Heute war die offizielle Pressekonferenz hier im Hotel, zahlreiche arabische und auch ausländische Medien waren anwesend. Außerdem trafen wir uns heute mit Sultan Al Jaber, Geschäftsführer von Masdar, einer Firma, die die erste völlig klimaneutrale und energieunabhängige Stadt der Welt bauen will, die ihren Strom nur aus Wind- und Sonne bezieht. 47.500 Einwohner werden hier einmal wohnen und nur zu Fuß, per Fahrrad oder Monorail unterwegs sein. Eine Ökostadt am Golf – wer hätte das gedacht? Die kommenden Tage werden sicher hart für uns, obwohl wir uns zwischendurch genüsslich an den hoteleigenen Strand verziehen können. Der Golf hat Badewannentemperatur, kein frischer Wind weit und breit – oder, wie wir kürzlich festgestellt haben: Abu Dhabi ist einer Sauna sau nah.

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