Solartaxi in Perth: Visionäre und Bremser - DER SPIEGEL
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Solartaxi in Perth Visionäre und Bremser

Gedämpfte Partystimmung für das Solartaxi: Nach tagelanger Fahrt kommt Louis Palmer in Perth an und wird begeistert empfangen. Die Hälfte der Erdumrundung mit Solarantrieb ist geschafft, doch die Medien üben sich in australien-typischer Zurückhaltung gegenüber Umweltthemen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Solartaxi ist immer noch unterwegs in Richtung Perth, das Ziel rückt aber immer näher. In Kalgoorlie erwartet uns Jim und seine Firma „Outback Energy". Im Umkreis von 600 Kilometern stellen sie Solaranlagen auf, damit das Outback mit Strom versorgt werden kann. Seine Frau kocht vorzüglich - natürlich mit einem Solarkocher. Es ist eine Art gut isolierte Holzkiste, in der das Sonnenlicht gebündelt wird. Die Temperatur steigt bis auf stolze 250 Grad.

Kurz später treffe ich auf Virginie und Gildas aus Nordfrankreich, vom Solartaxi begeistert sind und das Auto am liebsten gegen ihren alten Camper Baujahr 1980 tauschen würden, den sie mit Flüssiggas durch Australien fahren. Die beiden nehmen abwechselnd auf meinem Beifahrersitz Platz. Ich muss nur das Lenkrad zur Seite schieben, und schon übernehmen sie das Steuer in Richtung untergehende Sonne. C’est la vie, richtig gemütlich.

Kurz vor meiner Ankunft in Perth ruft ABC an, der australische Fernsehsender, um meine Zieleinfahrt zu filmen. Wir verabreden uns fuer morgen um elf Uhr im Kings Park. Wir feiern nicht nur das Ende des australischen Kontinents, sondern auch die Hälfte der Strecke rund um die Erde – 21.146 Kilometer sind geschafft.

Die Zieleinfahrt ist spektakulär. Viele Freunde, Bekannte, Mitglieder des Elektroautoverbands und sogar eine Schulklasse geben einen herzlichen Empfang. Von einem Filmteam ist weit und breit nichts zu sehen. Ich rufe nochmals an – vielleicht haben sie uns nicht gefunden? Die Dame, die mich gestern angerufen hatte, meint: „All right, ich muss mal schnell schauen, ob die Leute interessiert sind."

Mit fast zwei Stunden Verspätung kommt ein Kameramann dann doch noch. Er dreht ruckzuck die Szene ab und verspricht, heute um 19 Uhr sei die Szene in den Nachrichten. Ich war gespannt – und entsprechend enttäuscht, als das Solartaxi mit keinem Wort erwähnt wurde. Auch die Zeitungen in Perth sagen ab. Sie haben kein Interesse.

Australische Medien ohne Umweltthemen

Australien mag eine neue Regierung haben und viele, engagierte Bürgerbewegungen sowie ein neues Einspeisungsgesetz für Solarenergie. Doch alle, denen wir begegnen, bestätigen uns eines: Von Pressevielfalt ist keine Rede in unserem Land, und erneuerbare Energien erhalten in der Presse viel zu wenig oder gar keinen Platz.

Auch wir haben dies bereits festgestellt: Selbst das Sustainable Living Festival in Melbourne, wo wir unser Solartaxi drei Tage lang ausgestellt hatten, hatte kaum oder gar keine Erwähnung in der Presse Melbournes erhalten. Eine Veranstaltung mit 120.000 Teilnehmern wurde behandelt, als ob sie nie stattgefunden hätte. Dafür lese ich einen Beitrag eines berühmten Kommentators in einer Zeitung: „Die Anstrengungen Australiens in Sachen Klimaschutz sind lächerlich im Vergleich zu dem, was China herausstößt und noch auszustoßen gedenkt. Unsere Anstrengungen kosten einfach zu viel."

Beim Durchblättern einer Zeitung wird mir dann klar, wem man lieber eine halbe Seite Aufmerksamkeit schenkt: Ein Stuntman hat in Melbourne soeben das größte Motorrad der Welt hergestellt - 13 Tonnen schwer und speziell hergestellt, um Autos zu crashen. Australien darf stolz sein.

Wind statt Kohle

Heute hat mich Paul Llewellyn ganz herzlich ins Regierungsgebaeude von Western Australia eingeladen, um zusammen mit zwölf interessierten Personen mehr über das Solartaxi und mögliche Lösungen zu erfahren.

Als Parlamentarier hat er es sich zur Aufgabe gemacht, erneuerbaren Energien zum Durchbruch zu verhelfen: „Die über ganz Westaustralien verteilten 200 Windanlagen liefern konstant Strom, und wir wollen die Produktion von Windenergie weiter ausbauen. Im Moment sind wir im Parlament dabei, ein Papier zu verabschieden, das die Produktion von Strom aus Kohle verbieten wird", meint Paul ganz stolz.

Doch was passiert, wenn mal kein Wind bläst, will ich von ihm wissen. „Wenn wir im Süden Flaute haben, liefern die Generatoren im Norden und umgekehrt." Aber falls es wirklich mal ein Problem gäbe? Paul dazu ganz selbstverständlich: „Das geht ganz simpel. Wir brauchen dazu nur Stromspeicher, und dazu können wir Autos wie deines gebrauchen. Denn all die großen Batterien von Elektroautos ergeben zusammen einen Stromspeicher."

Paul zieht die Augenbrauen hoch und rechnet vor: „Hätten wir zwei Millionen Elektroautos in Westaustralien, so könnten wir gigantische Strommengen darin speichern, gut 40 Millionen Kilowattstunden. Wenn mal die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht bläst, dann nehmen wir den gespeicherten Strom aus den Batterien der geparkten Elektoautos."

Land der Hilfsbereitschaft und Gleichgültigkeit

Nach vielen Wochen in Australien haben wir einen tiefen Eiblick in das Land erhalten, in dem Visionäre und Bremser gleichermaßen zu Hause sind: Den einen ist Klimaschutz und Moral zu teuer, für andere sollen Autos den Strom für Häuser liefern. Wir haben von Australien ein gespaltenes und sehr spannendes Bild erhalten, das fernab liegt von den Klischees mit BBQs, Blondinen, Beaches, Bier und Bikinis. Wir trafen geniale Hilfsbereitschaft und viel Gleichgültigket und gottlob viele, viele Menschen, die die Welt bewegen wollen.

Heute, nach meinem vierten Auftritt in Perth, kommt ein alter Mann zu mir ans Rednerpult. „Nach dem, was ich von ihnen über mein Land gehört habe, muss ich sagen, ich schäme mich fast schon ein wenig, ein Australier zu sein!"

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