Solartaxi in Seoul Schokolade vom Sitznachbarn
Mein Freund Hansrudolf aus Zürich kommt und hat die lange ersehnten Medikamente gegen mein Pfeifen im Ohr dabei. Von seiner Anreise ist er begeistert: "Der erste Taxifahrer, dem ich am Airport begegnete, wollte mir sein Taxi anbieten. Doch ich wollte lieber den Bus nehmen. Da hat er mir den Weg erklärt und mich hin begleitet", erzählt er. Später in der U-Bahn habe ein Fahrgast ihm sofort seinen Sitzplatz angeboten. Auch Lucie kann zu dem Thema ein eigenes Erlebnis beisteuern: "Mein koreanischer Sitznachbar im Flugzeug hat mir Schokolade geschenkt." Korea hat uns alle mit allerhand Ungewohntem entzückt.
Heute lernen wir den koreanischen Michael Jackson kennen. Wir sind bei den Fernsehmachern eingeladen und sollen in einer Sendung mitmachen. Der Moderator im leuchtend pinkfarbenen Hemd stellt sich mit breitem Grinsen selber vor: "Hi, ich bin Lee Yong, ich bin Sänger und der Michael Jackson von Korea." Lynn ist hier nicht nur eine so berühmte, sondern auch eine ebenso schillernde Persönlichkeit wie Jacko.
Er soll heute für eine Sendung den Verrückten spielen, der auf einem Parkplatz ein Solarauto entdeckt und es für sich beansprucht - bis der wirkliche Besitzer auftaucht und ihn auf eine Probefahrt einlädt. In einem Gemisch von Koreanisch und Englisch zeigen wir ihm das Auto, und das Ganze endet als eine Mischung aus Blödelei und Wissenschaft. Koreaner mögen das. Humor sei wichtig, erklärt man mir.
Sehenswürdigkeit ist nur noch Asche
Beim wohl berühmtesten Wahrzeichen der Stadt Seoul, dem "South Gate", bleiben wir lange stehen. Hinter einer Baustellenabsicherung liegt nur noch Asche. Ob wir bei dem Anblick dies auch mit Humor nehmen sollten? Denn eines der ganz wenigen historischen Gebäude, die der Korea-Krieg übrig gelassen hatte, existiert auch nicht mehr: Im vergangenen Februar hat ein 69-Jähriger nach einem Streit mit der Regierung über Kompensationszahlungen aus lauter Zorn dieses 600 Jahre alte nationale Monument kurzerhand angezündet. Von den riesigen, wunderbaren Holztor, wohl nur zu vergleichen mit dem Brandenburger Tor oder dem Pariser Triumphbogen, ist nichts mehr übrig. Seoul steht immer noch unter Schock.
Am Abend windet sich erneut eine Menschenschlange am "South Gate" entlang, mit Kerzen in der Hand. Familien, Greise, Studenten. Zehntausende protestieren immer noch gegen den Import von US-Kühen. Unglaublich, welche Volksbewegung sich hier formiert, wenn Unzufriedenheit mit der Regierung aufkommt.
Langsam, aber sicher verstehen wir die Volksseele etwas besser: Nach Jahrzehnten der Unterdrückung macht man vom Demonstrationsrecht rechtlich Gebrauch. Nie mehr, so scheint man sagen zu wollen, soll hier jemand das Land gegen den Willen der Bevölkerung regieren. Morgen fahren wir zur Grenze von Nordkorea. Die beiden Länder sind seit über 50 Jahren im Kriegszustand.