Sonntag, 11. Mai Das Pokerspiel geht weiter
Die Bergsteiger der deutsch-schweizerischen Mount-Everest-Expedition pokern. Die Wettervorhersage gestern Abend stellte in Aussicht, dass Mitte der Woche die starken Höhenwinde abnehmen werden - vielleicht auch erst etwas später. "Lieber einen Tag länger in Lager 2 warten, als im Basecamp", sagte Eike Morsek. Auch Tom Zwahlen, technischer Leiter der Expedition befand, dass man in dem vorgeschobenen Basislager auf 6400 Meter Höhe näher am Geschehen dran sei, falls die Winde früher abnehmen.
Ein oder zwei zusätzliche Nächte im Lager 2 schaden den Bergsteigern nicht. Dafür haben sie sich gut genug akklimatisiert. Daher stieg heute Morgen ein Teil des Teams in das zweite Höhenlager auf. Eckhard Schmitt und Frank Everts blieben noch einen Tag länger. Der Tölzer Schmitt will sich seinen Husten noch weiter auskurieren, Frank Everts will ohne einen Tag Pause durchstarten.
Die Meteorologen teilten heute mit ihrem Wetterbericht den Bergsteigern aus Deutschland und der Schweiz allerdings keine guten Karten aus. Die Höhenwinde "scheinen" sich erst ab Donnerstag in Richtung China zu verlagern. Das Spiel ist deshalb aber noch lange nicht verloren. Denn mit diesem zusätzlichen Tag, den sie deshalb in Lager 2 verbringen müssen, haben die Bergsteiger gerechnet. Das Pokerspiel könnte sich lohnen, wenn sich die "Jet-Streams" am Donnerstag tatsächlich nach China verlagern.
Während die drei Schweizer und die beiden Deutschen aufsteigen, kehren die Bergsteiger der südafrikanischen Expedition wieder ins Basislager zurück. Auch das internationale Team von "Jagged Globe" aus England befindet sich wieder im Basislager: Beide Gruppen sind seit mehr als drei Tagen am Berg und wollten nicht noch länger auf gutes Wetter warten. Ian Scanlan, das kanadische Ein-Mann-Team, stieg bereits gestern ab. Heute lässt er den Everest Everest sein und ruht sich in seinem roten Zelt aus. Der Kanadier wird übermorgen seinen zweiten Versuch starten.
Aus dem französischen Team hat gestern Nacht ein Bergsteiger einen Angriff auf den Everest gestartet, bis jetzt ohne Erfolgsmeldung. Dafür konnte der Verbindungsoffizier der französischen Mannschaft - einer der wenigen, die sich noch nicht als höhenkrank abgemeldet haben - den ersten Erfolg des Basislagers nach Katmandu durchgeben. Fünf japanische Bergsteiger und drei Sherpa erreichten den 8511 Meter hohen Lhotse, den Nachbarberg des Everest.
Trotz der etwas schlechteren Wetterprognosen wollen morgen früh Frank Everts und Eckhard Schmitt ins Lager 2 aufsteigen. Vermutlich bleiben sie dann ebenfalls eine zusätzliche Nacht in dem Höhenlager. Frank Everts wollte das zwar vermeiden. "Aber wenn das Wetter doch noch früher besser wird, und ich hier unten im Basecamp sitze, würde ich mich ganz schön ärgern", sagt der Projekt-Kaufmann bei Siemens. Etwas in Angriff nehmen, als nur im Basecamp zu sitzen, scheint Everts in dieser Lage die bessere Entscheidung.
Den sieben Bergsteiger bleibt in den nächsten Tagen ohnehin nichts anderes übrig, als abzuwarten, welche Karten Chomolungma, die Göttinmutter der Erde als nächstes verteilt. Ob ein paar Asse dabei sind, wird sich zeigen.