Spanien: Steineheben und Milchkannen-Wettlauf - DER SPIEGEL
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Spanien Steineheben und Milchkannen-Wettlauf

In der zweiten Augustwoche beginnt in San Sebastian die "Semana Grande". Während der Festwoche bekommen die Besucher kuriose baskische Volkssportarten zu sehen.
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Die Versuchung ist zu groß. Es lohnt sich kaum, dagegen anzukämpfen. Schon nach zehn Metern erliegt der Passant in den engen Altstadtgassen von San Sebastian den Verlockungen. Bereits vom Gehsteig aus sind die Leckereien auf den Tresen der Bars zu sehen: Lachs mit Roquefort-Mousse, Seehechteier, Gambas auf überbackenen Artischocken oder mit Stockfisch gefüllte Paprikaschoten.

San Sebastian gilt als Spaniens Tapa-Paradies schlechthin. Während diese kulinarischen Köstlichkeiten in anderen Regionen als kleine Beilagen zum Rotwein oder Bier dienen, trinkt man hier eher ein Bier, um überhaupt einen der Pinchos, so nennen die Basken ihre Tapas, essen zu dürfen. Allerdings muss der Feinschmecker von außerhalb für sein Glück ein bisschen kämpfen.

Der größte Schreihals wird als erster bedient

Egal wie voll eine Kneipe auch sein mag - bloß nicht kapitulieren und weitergehen. Die Devise heißt: lauthals drauflos zu bestellen. Dabei sollte man sich kurz fassen und Höflichkeitsfloskeln weglassen. Sonst ist der Kellner bereits den nächsten Kunden. Und so wiederholt sich in der Altstadt von Donostia, so der baskische Name für San Sebastian, immer wieder die gleiche Szene: Horden angeheiterter Spanier ziehen von einer Bar zur nächsten, kämpfen sich den Weg bis zur Theke vor und erliegen den Häppchen, die auf großen Tellern den ganzen Tresen bedecken.

Besonders hart ist der Kampf um die Pinchos in der zweiten Augustwoche (8. bis 15. August), wenn in San Sebastian die große Festwoche - Semana Grande - beginnt. Freiluft-Konzerte, Straßentheater, Stierkämpfe und vor allem die für Außenstehende kurios wirkenden baskischen Volkssportarten ziehen Tausende von Menschen aus ganz Spanien an. Unter dem Geschrei der Menge zerhacken dann auf der Plaza de la Trinidad hünenhafte Holzfäller mit Äxten dicke Buchenstämme um die Wette. "Steineheber" leisten eine nicht weniger beeindruckende Leistung: Drei Mal pro Minute müssen die Kraftsportler bei dieser baskischen Landsportart Steinklötze von bis zu 200 Kilogramm auf die Schulter wuchten. Auch Milchkannen-Wettläufe, Ochsenziehen und das baskische Ballspiel, pelota vasca, eine Art großformatiges Squashspiel mit bloßen Händen, stehen auf dem Programm.

Und nach jeder Vorführung zieht es die Massen wieder an die Tapa-Theken in der Altstadt oder an die muschelförmige Bucht. Die so genannte Concha ist einer der schönsten Stadtstrände Europas. Das seichte Wasser der geschützten Bucht mit der vorgelagerten Insel Santa Clara ist ideal für Familien mit Kindern. Auf der eleganten Strandpromenade gehen Touristen entlang der Gründerzeithäuser spazieren, die dem Halbrund des Strandes folgen.

Das spanische Biarritz

Schon zur Belle Époque genossen hier Spaniens Könige und der europäische Hochadel die frische Atlantikbrise. Es war Königin Isabella II., die an Ausschlag litt und auf Anraten ihrer Ärzte 1845 erstmals den Sommer in San Sebastian verbrachte. Das Meerwasser und das milde Klima halfen der Regentin, die fortan jeden Sommer kam. Ihre Anwesenheit blieb nicht folgenlos. Adel aus ganz Europa besuchte die Königin in ihrer Sommerresidenz. Luxushotels entstanden, und ein Yachthafen wurde errichtet. Die Stadt erstrahlte im architektonischen Glanz der Belle Époque. Wegen ihrer großbürgerlichen Wohnungspaläste, dem Teatro Victoria Eugenia und der Kursaal-Brücke wird die Stadt auch die "Perle des Atlantik" genannt wird. Der englische Adel kam zum Golfen, die Franzosen bevorzugten Tontaubenschießen, und am Roulette-Tisch des Casinos spielten schon Mata Hari, Maurice Ravel und Leo Trotzki. San Sebastian wurde so neben Biarritz zum sommerlichen Lieblingstreff der europäischen High Society.

Zweifellos ist San Sebastian eine der vornehmsten Städte Spaniens, auch wenn mit dem spanischen Bürgerkrieg der königliche Glanz wegblieb. An der halbrunden Concha-Bucht mit dem prachtvollen Casino-Gebäude, welches heute das Rathaus beherbergt, kann man die noble Atmosphäre von damals noch immer spüren. Einen besonders schönen Blick auf die einst von Aristokraten überfüllte Strandpromenade gibt es vom Berg Monte Urgull. Er schützt die zu seinen Füßen liegende Altstadt vor den Wellen des Atlantik und trennt die beiden Buchten von San Sebastian. Auf der Spitze des 120 Meter hohen Berges thront die Festung Castillo de la Mota, dessen Kanonen Jahrhunderte lang die Bucht der baskischen Walfänger geschützt hat.

Am anderen Ende der Bucht befindet sich der Monte Igeldo. Hier zerfressen Meer und Salzwasser die vom baskischen Steinhauer Eduardo Chillida in die Klippen gehauenen Skulpturen. Nicht weit von der Stadt entfernt, im Dorf Hernani, hat der Künstler kurz vor seinem Tod sein Freilichtmuseum Leku errichtet. Eine seiner berühmten Skulpturen schmückt heute den Eingang des Kanzleramtes in Berlin. Doch auch den anderen Kulturgütern der Stadt sollte man sich widmen. Vor allem das San Telmo Museum, das in einem ehemaligen Franziskanerkloster in der Altstadt untergebracht ist und eine wundervolle Renaissance-Sammlung besitzt, ist einen Besuch wert.

Das Internationale Filmfestival von San Sebastian

Auf der anderen Seite des Urgull-Berges zieht besonders der Kursaal die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich. Vor allem Abends, wenn die Lichter die transparent-milchige Glasfassade durchleuchten und sich in den Atlantikwellen widerspiegeln, treffen sich zahlreiche Pärchen am direkt angrenzenden Zurriola-Strand. Der Kursaal, in dem Konzerte, Theater und Kinovorführungen gezeigt werden, gilt seit 1998 als Wahrzeichen der Stadt. In der postmodernen Bauwürfelkonstruktion des spanischen Stararchitekten Rafael Moneo wird vom 17. bis zum 25.September das Internationale Filmfestival gefeiert. Neben Berlin und Cannes gehört es zu den drei wichtigsten Filmfestivals Europas. Dann drängeln sich Stars wie Harvey Keitel, Robert de Niro, Al Pacino oder Penelope Cruz in den zünftigen Tapa-Bars.

von Manuel Meyer,gms