Sri Lanka: Pilgern zum Sonnenaufgang
Sri Lanka Treppe in den Himmel
Bis zu einem halben Meter hoch sind die ockerfarbenen, steinernen Stufen. Mit jedem Absatz, jeder Biegung nimmt die Treppe eine neue Form an. Mal ist sie flach und lang gezogen, um schon nach wenigen Metern steil, eng und uneben zu werden. In manchem Treppenabsatz klaffen Lücken - verursacht durch die Rinnsale lang anhaltender Regenfälle.
Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm mühen sich die Stufen hoch. Nur langsam kommen sie voran, bleiben alle paar Meter stehen und atmen tief durch. Betagte Senioren heben ihre Beine seitwärts die Treppe hinauf. Männer mit nur einem Bein setzen ihre Krücken auf den Steinen ab und schleppen sich langsam nach oben.
Trotz des unwegsamen, schier endlos scheinenden Weges quälen sich seit Jahrtausenden Millionen Pilger auf den Gipfel des Adam's Peak. Der Berg im südwestlichen Hochland Sri Lankas gilt als heilige Stätte für Buddhisten, Hindus, Muslime und Christen. "Es gibt nur wenige Orte, die für die Gläubigen von vier Weltreligionen heilig sind", sagt der Singhalese und Gästehausbesitzer Nilantha Patternott.
Auch Touristen haben den 2243 Meter hohen Berg als Reiseziel entdeckt. "Ein einzigartiges Erlebnis" erhofft sich der US-Amerikaner Steve Siegel. Einheimische hatten ihm von einem "großartigen Sonnenaufgang" berichtet, den der hochgewachsene Schwimmmeister nun mit eigenen Augen sehen möchte. Aus diesem Grund startet er mitten in der Nacht - so wie die meisten Wanderer.
Es ist 2.30 Uhr. Die Luft ist noch immer von den Sonnenstrahlen des vorangegangenen Tages erwärmt. Über den staubigen Straßen des kleinen Ortes Dalhousie hängen bunte Girlanden, die sich im seichten Nachtwind bewegen. Straßenlaternen tauchen die aus Brettern, Wellblech und Plastikfolien bestehenden Behausungen der Einheimischen in ein warmes, gelbes Licht. Es ist still, nur das Gebell eines Hundes erklingt in der Ferne. Mächtig und dunkel erhebt sich der Adam's Peak hinter dem Ort.
Laternen leuchten den Weg aus
Von hier unten brauchen mittelmäßig bis gut Trainierte drei bis fünf Stunden, um die sieben Kilometer lange Strecke hinaufzukraxeln. Rund tausend Höhenmeter müssen sie überwinden, um zu der Vertiefung im Gestein zu gelangen, die den Berg so einzigartig macht. Die über einen Meter lange und über einen halben Meter breite Mulde gab dem Berg seinen singhalesischen Namen Sri Pada - heiliger Fußabdruck.
Buddha hatte den Abdruck bei seinem letzten Besuch auf Sri Lanka hinterlassen, heißt es im Buddhismus. Hindus verehren die Vertiefung im Gestein als den Fußabdruck des Gottes Shiva, während Muslime glauben, dass Adam dort seinen Fuß auf die Erde setzte, nachdem er aus dem Paradies verstoßen wurde. Christen erkennen in der Mulde den Abdruck des Apostels Thomas, der ihre Religion nach Südindien brachte.
Woran sie auch glauben, der Gedanke an diese heilige Stätte verleiht den Pilgern Kraft beim Aufstieg. Gelb-schimmernde Laternen leuchten ihnen den Weg und winden sich wie ein leuchtendes Geschenkband um den Berg. Auf den ersten beiden Kilometer reihen sich notdürftig zusammengezimmerte Verkaufsstände aus Holz und Plastikplanen aneinander. Mit ihrem Sortiment an bunten Puppen, Kleidern und Süßigkeiten erinnern sie an einen Jahrmarkt.
In höheren Lagen haben die Buden während der Pilgersaison von Dezember bis Mai die ganze Nacht hindurch geöffnet. Wie an bunten Oasen lassen sich die Erschöpften dort nieder, ruhen aus und trinken heißen Tee mit Milch und Zucker.
Mit zunehmenden Höhenmetern werden die Stufen schmaler, der Anstieg steiler und die Luft frischer. "Bloß keine zu langen Pausen einlegen", rät Patternott, "sonst schafft man es nicht bis zum Sonnenaufgang." Denn nach spätestens zwei Dritteln des Weges werden die Beine müde und die Bewegungen langsamer.
Einmal im Leben müssen Buddhisten auf den Adam's Peak
Die Gesichter der Pilger sind von den Strapazen des Aufstiegs gezeichnet. Vorbeikommende sprechen den Stehengebliebenen Mut zu, haken sie unter oder tragen sie zu zweit die nächsten Stufen hinauf. "Jeder hilft jedem - Religionsunterschiede spielen hier keine Rolle", sagt Patternott. "Es ist wie in einer Familie."
Jeder gläubige Buddhist sei verpflichtet, mindestens einmal im Leben auf den Adam's Peak zu steigen. Patternott selbst gehört dieser Religion an, so wie etwa 70 Prozent seiner Landsleute. Und er erklärt, dass es noch einen weiteren Grund gebe, warum vor allem so viele Ältere die Pilgerreise unternehmen: "Wir glauben, dass wir ein Jahr länger leben, wenn wir auf den Gipfel steigen", sagt Patternott, der die Bergspitze bereits sechsmal erreicht hat.
Etwa einen Kilometer vor dem Gipfel werden die Treppen so steil, dass sie sich nahezu senkrecht am Bergrücken hinaufziehen. Links und rechts sichern Geländer den Weg ab. An dieser Stelle staut sich der Menschenstrom, die Langsamen können auf der schmalen Treppe nicht überholt werden. Mit letzter Kraft ziehen sie sich am Geländer die Stufen hinauf. Dabei tönen die Mönchsgesänge, die der Wind vom Gipfel herabweht, immer deutlicher.
Die Gesänge schallen über Lautsprecher, die an den Mauern eines weißen Tempels angebracht sind. An dessen Eingang hängt eine Glocke - wer zum ersten Mal den Gipfel betritt, darf sie einmal läuten - und jedes weitere Mal kommt ein Schlag hinzu. "Ich kenne Leute, die schon über 20 Mal auf dem Adam's Peak waren", sagt Patternott.
Die Mauern des Tempels umhüllen die steinerne Vertiefung. Demütig knien sich die Pilger vor das Heiligtum, beten, wünschen sich ein langes Leben und stoßen leicht ihren Kopf an dem Stein - einmal, zweimal oder dreimal.
Könige legten die Treppenstufen an
König Valagambahu soll den Abdruck entdeckt haben, als er etwa hundert Jahre vor Christi Geburt in den Bergen im Exil lebte. Seitdem sind viele Monarchen auf den Adam's Peak geklettert. Sie ließen auch die Wege am vierthöchsten Berg Sri Lankas ausbauen und Treppen für die Pilger anlegen.
Vom Gipfel aus, der wie eine Pyramide aus der Bergkette emporragt, erscheinen die umliegenden Berge niedrig und unscheinbar. Ihre Kuppen sind in wattig-weiße Wolken gehüllt, deren Schwaden sich auch um den Adam's Peak ziehen.
Angestrahlt von der Sonne wirft er auf seiner Westseite einen kegelförmigen Schatten auf die unter ihm schwebenden Wolken. Über dem Berg ist nichts - außer dem sich langsam von dunkler Dämmerung in orange-rotes Morgenlicht verwandelnde Himmel.
Alleine für diese Erfahrung würden viele Menschen die ganzen Treppenstufen noch einmal erklimmen. Doch vorher müssen sie erst einmal hinab - und auch das kann sehr schmerzhaft werden. "Der Abstieg war sehr anstrengend. Ich war müde, mein Körper war auf dem Gipfel ausgekühlt, die Hitze beim Heruntergehen war unerträglich, und meine Knie schmerzten", sagt Steve Siegel.
Obwohl der sportliche Mittdreißiger zwei Tage brauchte, um sich zu erholen, empfand er nach der Pilgerreise eine "großartige Zufriedenheit". Siegels Empfehlung: "Jeder, der die Möglichkeit hat, sollte einmal im Leben den Berg hinaufsteigen."