Streiff-Züge (Teil 2): Der letzte Tango - DER SPIEGEL
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Streiff-Züge (Teil 2) Der letzte Tango

Nach 14 Stunden Flug endlich Buenos Aires: Land der Gauchos, Paris von Südamerika! Doch ich landete mitten im Chaos. Es kursiert schon das Gerücht, Patagonien würde an die USA verkauft.
Von Lukas F. Streiff
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit mehr als einem Monat funktioniert hier genau gar nichts mehr. Argentiniens junge Demokratie wurde in den letzten Jahren elendig in den Ruin getrieben. Den Menschen wurde der Teppich unter den Füßen weggezogen!

Nun - hätten die stolzen Argentinier etwas früher aufgehört auf diesem Teppich Tango zu tanzen, hätten sie gemerkt, dass die Politiker schon lange kräftig daran zerren... Ex-Präsident Carlos Menem war früher arm wie ein Straßenfeger und hat sich von Steuergeldern eine 747-Landebahn vor sein Haus gepflastert - doch die Argentinier tanzten weiter.

Nun ist die Musik aus. Der Staat verwehrt den Menschen den Zugang zu ihren Ersparnissen. Kaum ein Unternehmen kann noch Löhne zahlen. Die Selbstmordrate schoss in die Höhe, und die Leute tauschen wie auf dem Basar in Kabul. Laut einer atemberaubenden Statistik kann der Boden Argentiniens die halbe Weltbevölkerung ernähren! Und in diesem Lande gibt es Hungernde!

Um Weihnachten war es so schlimm, dass es einzelne Hausfrauen gab, die Supermärkte stürmten, weil sie nichts zu essen hatten. Doch sehr schnell wurde das zum Volkssport, und die Leute nahmen alles aus den Läden mit, was die tragen konnten, sogar Waschmaschinen. Die Gewerkschaften dagegen verkündeten beharrlich weiter, die Menschen nähmen sich ja nur das Brot, das sie zum Überleben bräuchten.

Die Krise ist tief, und die Wut der Bevölkerung auf die Politiker groß. Ein Abgeordneter betrat ein voll besetztes Straßenrestaurant in Buenos Aires, und sofort standen alle Gäste von ihren Tellern auf und ließen den Politiker demonstrativ alleine. Die Frau eines Ministers wurde in der Schlange vor einem Supermarkt erkannt und sofort wild beschimpft und von den anderen Frauen mit Handtaschen verdroschen und in die Flucht geschlagen.

Das gesamte Volk, vom Anwalt in Armani zum Gaucho in Bombachas, fühlt sich entwürdigt. Die Mehrheit lebt von einen Tag auf den anderen Tag, denn niemand weiß, was sich die Herren Politiker morgen ausdenken. Es kursiert schon das Gerücht, die Regierung würde Patagonien an die USA verkaufen...

Nach meinem ersten Weihnachtsfest bei 35 Grad und "Stille Nacht, heilige Nacht" auf Spanisch nahm ich den nächsten Bus in die Pampa um Estanzias von Verwandten und Bekannten zu besuchen. Dort erwartete mich ein anderes Land, ein anderes Volk! Die Menschen der Pampa verachten die stolzen Hauptstädter. Die meisten Einwohner von Buenos Aires waren angeblich nie im Landesinneren.

Und so tauchte ich ein in das Leben der Estanzias, wo Buenos Aires und all das politische Chaos so fern sind, und der Blick zum Horizont wie über die Weite eines braun-grünen Ozeans schweift...