Südafrika: Cup der Guten Hoffnung - DER SPIEGEL
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Südafrika Cup der Guten Hoffnung

Alle wollen sein wie Ronaldo: Seit es den Fußballplatz im südafrikanischen Masakhane gibt, lösen immer mehr Jugendliche ihre Konflikte auf dem Rasen. Ein Hotelbetreiber leistet mit dem Projekt seinen Beitrag zum Dorffrieden - gleichzeitig heizt er die WM-Euphorie an.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Michael Lutzeyer öffnet die Türen seiner Limousine, Nzuzu Nkili, ein dunkelhäutiger Guide, steigt ein. Lutzeyer fährt los, schnell, konzentriert, in einer Jeans von Armani, eine randlose Brille auf der Nase. Weiße Sanddünen ziehen am geöffneten Autofenster vorüber, salzige Luft dringt aus der Walker-Bucht bei Hermanus nach innen, sie kommen an einem großen Fußballplatz an. Kinder laufen einem Ball hinterher, das Grün des Kunstrasens leuchtet in der Sonne. Etwa zwei Minuten von hier entfernt liegt Nzuzus Zuhause - eine Bretterhütte im südafrikanischen Township Masakhane.

90 Minuten dauert die Fahrt mit dem Auto von Kapstadt bis hierher. So lange wie ein Fußballspiel, wenn es keine Verlängerung gibt. Eine kleine Straße schlängelt sich durch den verschlafenen Küstenort Gaansbai. Wenige hundert Meter vom Township entfernt im Meer ziehen Südkaper mit ihren Kälbern vorüber. Die majestätischen Wale werden vielleicht auch im kommenden Jahr schon dort sein, wenn im Juni Zehntausende Fußballfans ins Land kommen.

Doch nicht bloß der riesigen Säugetiere wegen lohnt sich ein Abstecher hierher. Hinter den Dünen in der sichelförmigen Bucht erstreckt sich eine der seltensten Landschaftsformen der Erde. Im afrikanischen Fynbos gedeihen 750 Pflanzenarten, darunter die langstielige Calla, stachelige Königsproteen und zartbunte Strelitzien.

Lutzeyer kaufte zusammen mit seinem Bruder rund 1700 Hektar Land ringsum. Es entstand das Private Nature Reserve Grootbos . Vor sechs Jahren gründeten die beiden die Grootbos Foundation, eine Stiftung, dank der dieses einzigartige Ökosystem erhalten wird. Auf Grootbos betreiben die Lutzeyer-Brüder zwei luxuriöse Lodges. Deren Aktivitätenprogramm reicht von Walbeobachtungstouren per Boot oder Privatflugzeug bis hin zu geführten Ausritten durch den Fynbos.

Sowohl die Garden- als auch die höher gelegene Forest-Lodge bieten spektakuläre Aussichten von den Holzterrassen der privaten kleinen Wohnsuiten. Sie liegen inmitten von Milkwood-Bäumen am Hang. Die großen Fenster reichen bis zur Decke, aus der XL-Badewanne blickt man auf den Atlantik. Den Fußballplatz von Masakhane aber sieht man von hier aus nicht.

Streitschlichtung auf dem Fußballplatz

Lutzeyer betreibt nicht nur die Lodge, er will sich auch in den Townships engagieren. Damit tritt er in die Fußstapfen seiner Mutter. Eva Lutzeyer unterstützte in den fünfziger Jahren als junge Frau die Black Sash, eine Anti-Apartheidsbewegung der Weißen. Passend zur Weltmeisterschaft entwickelte Michael Lutzeyer ein Förderprojekt, durch das die Lebensqualität vor allem der Jüngsten vor Ort verbessert werden soll. "Zwischen den Farbigen untereinander gibt es erhebliche Probleme", sagt der Südafrikaner.

Ursache sind sozial starre Hierarchien, die noch aus der Zeit der Apartheid stammen. Um sie zu überwinden, wurde symbolisch ein großes Fußballspielfeld zwischen den Townships angelegt. "Vor allem für die Kinder, die unter extrem schwierigen sozialen Bedingungen aufwachsen, ist Fußballspielen eine sinnvolle Ablenkung vom Alltag - von einem Leben, das geprägt ist von Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität", sagt Lutzeyer.

"Sport ist der Köder", sagte auch eine weitaus prominentere Afrikanerin unlängst in einem Interview. Auma Obama, die Schwester des amerikanischen Präsidenten Barack Obama, koordiniert seit zwei Jahren für die Hilfsorganisation Care International die Initiative "Sports for Social Change".

Über ihre Erfahrungen mit derartigen Hilfsprojekten für Afrikas Kinder sagte Obama: "Es geht nicht darum, dass alle gute Fußballer werden, sondern dass sie sich engagieren und ihrer Gemeinschaft etwas geben." Ähnlich sieht das auch Lutzeyer: "Wenn die Kinder Fußball spielen, hängen sie nicht länger in den Straßen der Townships herum. Sie haben ein Ziel. Und sie lernen, was es bedeutet, Respekt voreinander zu haben."

Ronaldo als Vorbild

Der 14-jährige Melvin, der mit seiner Familie in Masakhane lebt und jeden Tag zum Kicken kommt, erinnert sich: "Am Anfang gab es zwischen uns viel Streit." Sein früherer Rivale Michael aus Plombark ergänzt: "Jetzt sind wir Freunde. Sogar meine Mom findet das Kicken inzwischen gut." Er grinst und dreht verlegen an seinem Ohrring herum. Später verrät der Zwölfjährige seinen Traum vom Fußball: Profispieler möchte er werden, wie Ronaldo.

Der gewaltige Fußballplatz, auf dem sich jeden Tag bis zu 80 Kinder einfinden, um zu spielen, liegt wie eine Brücke zwischen den Townships vor Gaansbai. Auch ein Großteil der 74 Mitarbeiter auf Grootbos lebt im 12.000 Einwohner zählenden Masakhane.

Auf dem Platz wird Lutzeyer von Halbstarken mit einem respektvollen Nicken begrüßt. Auch viele Mädchen sind unter den Kickern. Zum Sportkomplex gehören sanitäre Anlagen und ein großes Gemeinschaftshaus. Hier können die Kinder duschen, was im Township meist nicht möglich ist. Das Grundstück stellte die Stadt zur Verfügung, eine Großbank beteiligt sich an der Finanzierung.

Und noch immer wird an dem Projekt gearbeitet. Eine Schiedsrichterschule ist im Aufbau, und neben Fußball kann das Feld auch für Hockey und Rugby genutzt werden - Sportarten, die vor allem von den Weißen gespielt werden. "Es macht mich traurig, dass wir nicht alle die gleichen Chancen haben", sagt Lutzeyer, der selbst in Südafrika geboren wurde.

Noch markanter formuliert es Auma Obama. "'Yes We Can!', ist eine Haltung und eine Aufforderung: Finde deine Berufung! Habe keine Angst! Wenn du daran glaubst, schaffst du es! Wir benutzen Sport, um diese Haltung in Kindern und Jugendlichen auszubilden", sagt die Kenianerin. "Was man im Sport kann, kann man auch im Leben."

Werbung für den Frieden - und den Fußball

Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit bei Frankfurt unterstützt im Auftrag der Bundesregierung ebenfalls insgesamt zehn Fußballprojekte für Straßenkinder in Südafrika und in den angrenzenden Ländern, unter anderem in Pretoria. Jugendliche WM-Botschafter aus diesen Projekten reisten durch die Nachbarländer Burundi, Uganda, Kenia und Tansania. "Sie tragen die südafrikanische Begeisterung für Fußball in die Welt und sie werben für den Frieden", sagt GTZ-Pressesprecher Hans Stehling. Diese Friedenskarawane namens Caravanamani endete am Sonntag in Ruandas Haupstadt Kigali.

"Uns dient der Fußball als Katalysator. Darüber hinaus ergänzen wir die Projekte in den Townships mit einem zusätzlichen Bildungs- und Aufklärungsangebot, vor allem zum Thema Aids", sagt Strehling. Auch Michael Lutzeyer setzt auf Bildung und Ausbildung beim Nachwuchs und unterstützt einen Kindergarten und eine Schule im Township. Zusätzlich betreibt er auf Grootbos das "Horticulture & Lifeskills College", in dem ein Biologenteam seit sechs Jahren arbeitslose junge Schwarze zu staatlich anerkannten Gärtnern und Landschaftsgestaltern ausbildet.

Dass die Schüler nebenbei lernen, einen Kostenvoranschlag zu erstellen, das Internet zu nutzen und Auto zu fahren, gehört zum Lehrplan. Am Ende schließt sich der Kreis, denn mit den Einnahmen aus der Gärtnerei dieser Schule wurde auch das Fußball-Projekt verwirklicht. "Jeder Reisende auf Grootbos unterstützt unseren Traum vom Fußball", sagt Lutzeyer.