Südafrika: Die letzten weißen Löwen - DER SPIEGEL
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Löwen in Südafrika: Weiß wie Schnee

Foto: Fabian v. Poser/ SRT

Weiße Löwen in Südafrika Popstars der Savanne

Fast so weiß wie Schnee ist ihr Fell - und so selten wie Schnee in der Wüste sind sie: Nur noch zwei Dutzend weiße Löwen leben in freier Wildbahn. Jason Turner kämpft um ihr Überleben.
Von Fabian von Poser
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer so aussieht, der ist ein Popstar: schlohweißes Fell, blassgelbe Mähne und graue Augen. "Elegant und wunderschön", sagt Jason Turner. Als sein Land Cruiser sich nähert, blicken Matsieng und Zukhara kurz auf. Ihre Köpfe heben sich für einen Moment, dann schließen sich die Augen wieder, ihre Häupter sinken zurück ins Gras. Sie kennen Turner und sein Gefährt.

Es ist ein später Nachmittag im Juli, und die beiden weißen Löwen fläzen träge im Savannengras. Hin und wieder drehen sie sich um und recken ihre runden Bäuche in die Luft. "Hier wurde wohl gerade gefressen", sagt Turner.

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Löwen in Südafrika: Weiß wie Schnee

Foto: Fabian v. Poser/ SRT

Jason Turner kämpft für das Überleben einer der seltensten Raubkatzen der Erde, seltener als der sagenumwobene Schneeleopard des Himalaja. 2018 lebten genau 24 weiße Löwen in freier Wildbahn - alle in Südafrika. Gemeinsam mit seiner Frau, der Tierschützerin Linda Tucker, gründete Turner 2002 den Global White Lion Protection Trust (GWLPT). Die Non-Profit-Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Tiere vor dem Aussterben zu retten.

2004 wurden die ersten weißen Löwen in ihr privates Tsau-Naturreservat bei Hoedspruit am Rand des Krüger-Nationalparks entlassen. Heute leben dort elf, also fast die Hälfte der freilebenden Population. Auf einem einsamen Stück Savanne, kaum 20 Quadratkilometer groß. Dazu kommen zwei weiße Löwen im nahen Timbavati-Wildreservat und einer im Krüger-Nationalpark. Die Übrigen leben außerhalb ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets in zwei privaten Wildschutzgebieten bei Kapstadt.

Schwarze Nasen, weißes Fell

Das Fell von Turners Löwen ist fast so weiß wie Schnee. Aber nur fast, denn es handelt es sich nicht um Albinos. "Diese Laune der Natur wird durch ein rezessives Gen vererbt, das nur im Nordosten Südafrikas vorkommt", sagt Turner. "Albino-Löwen besitzen eine rötliche Färbung an Nase, Lippen und Augenlidern. Diese Tiere haben schwarze Nasen, bläulich schimmernde Pupillen und schwarze Linien um die Augen."

Die Farbe Weiß gilt nicht gerade ein evolutionäres Erfolgsrezept. Im Wettbewerb der Arten hat sie mehr Nachteile als Vorteile gebracht, vor allem, wenn man ein Jäger ist und nicht gesehen werden will. Das zumindest dachten Wissenschaftler lange Zeit. Doch in einer siebenjährigen Studie fand Turner, der seinen Abschluss als Master in Wildtier-Management an der Universität Pretoria machte, heraus, dass es zwischen braunen und weißen Löwen keinen signifikanten Unterschied in Sachen Jagderfolg gibt.

Aufzeichnungen von Einheimischen belegen, dass weiße Löwen schon sehr lange im heutigen Krüger-Nationalpark und in der Timbavati-Region leben. Zum ersten Mal von Europäern gesichtet wurden sie 1938. Seit den Siebzigerjahren werden die Tiere wegen ihres Fells und ihrer Knochen gejagt, als Jagdtrophäen gezüchtet und in Tierparks ausgestellt. Zwischen 1993 und 2006 lebte in der Region kein einziger freier weißer Löwe. Heute sind es gerade mal 14 frei lebende Tiere, bei denen das Gen optisch evident ist.

120.000 Euro für einen weißen Löwen

Nur Löwen, die weiß sind oder das Gen für die Farbmutation in sich tragen, können auch weiße Nachkommen zeugen. Nach dem Prinzip von Mendel liegt die Wahrscheinlichkeit, weiße Jungtiere zu zeugen, bei zwei braunen Löwen, die das weiße Gen in sich tragen, bei 25 Prozent. Ist ein Elternteil weiß, der andere braun, liegt sie bei 50 Prozent. Sind beide Elterntiere weiß, werden die Nachkommen mit einer Wahrscheinlichkeit von 100 Prozent weiß.

Doch warum sind die Tiere überhaupt weiß? "Wir wissen, dass farbliche Anpassung eine der ältesten Stellschrauben der Evolution ist. Vielleicht sind die Tiere noch weiß seit der letzten Eiszeit", sagt der Wissenschaftler. Den genetischen Marker dafür fand Turner gemeinsam mit einem internationalen Forscherteam im Jahr 2013.

Seine Hoffnung damals: Die weißen Löwen im Nordosten Südafrikas könnten dadurch endlich als vom Aussterben bedrohte Unterpopulation klassifiziert werden, denn auf der Roten Liste der bedrohten Arten der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) werden weiße Löwen bis zum heutigen Tag nicht separat geführt, sondern gemeinsam mit ihren braunen Artgenossen.

Doch Turner hat ein Problem: Im übrigen Afrika hat die IUCN Löwen als "gefährdet" eingestuft. In Südafrika dagegen wurde der Schutzstatus der Raubkatzen gerade auf "nicht gefährdet" heruntergestuft. "Ein Desaster, das die Löwen Südafrikas einem noch größeren Druck aussetzt", sagt Turner. Zudem züchten einige Farmer Löwen wie Hühner.

In Südafrika werden jedes Jahr etwa Tausend Löwen in speziell dafür eingerichteten Aufzuchtstationen beim "canned hunting" erschossen. Der Trophäenpreis für einen normalen Löwen liegt zwischen 4500 und 25.000 Euro, für einen männlichen weißen Löwen bei mehr als 120.000 Euro.

Vier Babys von Gaia

Südafrikas seltenstes Raubtier ist zum Symbol für die Raffgier des Menschen, für das Versagen des Artenschutzes und vor allem für die Ignoranz der Politik geworden. Auch aus diesem Grund haben Turner und seine Frau wiederholt die südafrikanische Regierung aufgefordert, die Schutzmaßnahmen für die vom Aussterben bedrohte Unterpopulation zu erhöhen.

Gemeinsam verfassten beide Petitionen an Tierschützer, Politiker und sogar an den aktuellen südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa. Erst im Februar 2019 legten sie dem Parlament eine Petition vor, die sich gegen das gnadenlose Schlachten der Raubkatzen in Zuchtstationen und gegen die Trophäenjagd in freier Wildbahn ausspricht. Mit Erfolg: Nun befasst sich das Parlament erneut mit dem Thema.

Es wird Abend. Turner sitzt wieder am Steuer seines Geländewagens. Als die Sonne untergeht, die Grillen wie Kreissägen lärmen, die Savanne gelb aufleuchtet, stoppt der Wissenschaftler erneut. Diesmal hält er bei zwei weiblichen Tieren: Nebu und Zihra aus dem Shidolo-Rudel. Als Turner den Motor abstellt, pressen die beiden ihre Köpfe gegeneinander, umschlingen sich mit ihren kräftigen Schwänzen und lecken sich die Gesichter.

Auch Nebu und Zihra sind strahlend weiß. Und sie sehen kräftig aus. Gut so, denn langfristig wollen Tucker und er weitere 3500 Hektar Land hinzukaufen und die Zäune zu den umliegenden Reservaten einreißen. "Unser Ziel ist es, den Tieren noch mehr Platz zu geben und ihren Genpool erweitern", sagt der Wissenschaftler.

Und Turner ist zuversichtlich: Im Dezember 2018 hat die weiße Löwin Gaia aus seinem Shidolo-Rudel vier gesunde weiße Junge zur Welt gebracht. Damit ist die seltene Raubkatze natürlich nicht über den Berg. Doch Turner ist sich sicher: Die Tiere haben vielleicht eine Chance, wenn der Mensch ihnen nicht noch weiter zusetzt. "Denn das weiße Gen", so der Wissenschaftler, "das weiße Gen steckt in ihnen."

Fabian von Poser ist Autor des Journalistenbüros srt und wurde bei dieser Reise von South African Airways unterstützt.

srt