Südafrika: Neue Hoffnungen und alter Luxus - DER SPIEGEL
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Südafrika Neue Hoffnungen und alter Luxus

Rund um das südafrikanische Paarl bieten sich dem Auge reizvolle Landschaften: Obst und Wein gedeihen vor den Bergketten der Kap-Region wie nur an wenigen anderen Orten der Welt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kapstadt - Gerade deutsche Touristen entdecken das Land am Kap nach dem Ende der Apartheid als Urlaubsziel. Nach Angaben des Tourismusministeriums sind im vergangenen Jahr 215.000 Gäste aus Deutschland gekommen, ein Plus von sieben Prozent im Vergleich zu 1999.

Zwar wenden sich die meisten Südafrika-Touristen den Hauptattraktionen des Landes wie dem Krüger-Nationalpark, dem Vergnügungszentrum Sun City oder der berühmten Garten-Route entlang der Atlantik-Küste zu. Doch auch der als erstes von Europäern besiedelte Landesteil rund um Kapstadt, die "Mutterstadt" des Landes, hat den Reisenden viel zu bieten.

Noch nicht einmal eine Stunde von der Kap-Metropole entfernt lässt sich vor allem in den Regionen um die Städte Paarl, Stellenbosch und Franschoek ein ruhiges und kultiviertes Landleben genießen. Hierfür bieten sich eine mehrtägige Tour oder auch ein reizvoller Tagesausflug von Kapstadt aus an.

Knochenarbeit schwarzer Sklaven

Die alten Häuser und Weingüter im niederländischen Kolonialstil künden von den Anfangsjahrzehnten des weißen Südafrikas. Aus einem kleinen, 1652 von Jan van Riebeeck begründeten Versorgungsstützpunkt der holländischen Vereinigten-Ostindischen Kompagnie am Kap war schnell eine lebensfähige, nicht zuletzt auf der Knochenarbeit schwarzer Sklaven begründete Kolonie geworden.

Mit Hilfe französischer Hugenotten - von ihnen kündet noch heute der Ortsname Franschoek (französische Ecke) - gingen die Buren schnell dazu über, im milden Klima die ersten Weinstöcke zu setzen. Später machten sich auch etliche deutsche Winzer um die Weinkultur am Kap der guten Hoffnung verdient.

Heute gehört die Region mit einer Jahresproduktion von rund einer Milliarde Litern zu den bedeutendsten Weinproduzenten der Welt und braucht sich mit ihren Spitzenerzeugnissen auch nicht vor der Konkurrenz aus Europa und Amerika zu verstecken. Auf dem deutschen Markt erzielen südafrikanische Weine überdurchschnittliche Preise und liegen mengenmäßig mit Chile und den USA etwa gleichauf.

Am häufigsten angebaut wird die weiße Traube Chenin Blanc, doch in den letzten Jahren werden die roten Trauben Cabernet Sauvignon, Shiraz, Merlot oder die einheimische Neuzüchtung Pinotage immer wichtiger für die Ausfuhr und den heimischen Markt.

Von Anfang an hat der Export eine bedeutende Rolle in der südafrikanischen Weinindustrie gespielt. Mit der Kooperative Wijnbouwers Vereniging (KWV) entstand schon 1918 eine der größten Winzergenossenschaften der Welt. Allein ihre täglich zu besichtigenden Keller in Paarl dehnen sich über eine Fläche von 22 Hektar aus. Der zentrale, mit gigantischen Eichenfässern wohlgefüllte Keller erinnert an eine Kathedrale.

Volkstümliche Golfplätze

Hier wie auch im beschaulicheren Stellenbosch, das neben zahlreichen Weingütern auch eine bedeutende Universität beherbergt, sind lokale Weinrouten ausgewiesen, die zu den wichtigen Erzeugern der Gegend führen. Wer Bewegung sucht, kann sich auf reizvolle Wanderungen in die nahen Berge oder auf einen der zahlreichen Golfplätze begeben, die bei weitem volkstümlicher sind als in Deutschland.

Übernachten können Reisende nicht nur in noblen Hotels, sondern auch in urigen Gästehäusern oder den zahlreichen Bed-and-Breakfast- Herbergen. Unterkunft, Mietwagen und Wohnmobile in verschiedenen Abstufungen sind auch von Deutschland aus zu buchen, etwa über Dertour. Dort sind auch Gutscheine für ein Voucher-System erhältlich, für die man Vergünstigungen in über 300 Hotels in allen Landesteilen Südafrikas bekommt. Die beste Reisezeit ist wie in jedem Weingebiet der Herbst, der in Südafrika auf die Monate März und April fällt.

Auf keiner Weintour in Paarl fehlen darf Nelson's Creek, wo ein weltweit beachtetes Landreform-Projekt besucht werden kann. Der Inhaber des hervorragend gepflegten Anwesens, der weiße Rechtsanwalt Alan Nelson, hatte seinen Arbeitern zu Beginn der neunziger Jahre 9,5 Hektar Boden versprochen, den diese zum Weinanbau nutzen sollten. Nach etlichen Verhandlungen, Bodenproben und Beratungen ernteten die schwarzen Arbeiter im Februar 1998 die ersten Trauben von ihren eigenen Stöcken, eine bis dahin in Südafrika kaum vorstellbare Aktion.

Unter dem Markennamen "New Beginnings" fand der nicht ausschließlich aus eigenen Trauben hergestellte Wein reißenden Absatz vor allem in den Niederlanden und Großbritannien, wo die schwarzen Winzer auf der Londoner Weinmesse für Furore sorgten. Bei allem Wohlwollen, das seinem Projekt aus den Industrieländern entgegenschlägt, ist sich der Kooperativensprecher Victor Titus in einem sicher: "Am Ende zählt nur die Qualität. Und die können wir bringen."

Der bislang noch bescheidene Landbesitz hat für die schwarzen Arbeiter die Welt verändert, sagt ihr Sprecher. Sie beschäftigen auf ihrer Farm andere Arbeiter, um noch ihrem eigenen Job auf Nelson's Creek nachgehen zu können. Zudem leisten sie sich bescheidenen Luxus wie einen Fernseher und schicken ihre Kinder in die "Schulen ihrer früheren Chefs", wie Titus stolz anmerkt.

Christian Ebner, gms