Südafrika: Zu Besuch in den Townships - DER SPIEGEL
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Südafrika Zu Besuch in den Townships

Einige Reiseveranstalter bieten Ausflüge in die bitterarmen Siedlungen rund um die südafrikanischen Städte an. Welche Auswirkungen die Jahrzehnte dauernde Apartheid heute noch hat, ist in den Townships zu sehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Je nach Gemütslage der Teilnehmer sind diese Touren ein Spritzer Realität oder ein Wechselbad der Gefühle: Vor einer halben Stunde noch saßen die Reisenden beim Frühstück in einem der schicken Hotels an Kapstadts Table Bay. Mit Rührei, gebratenem Speck, einer guten Tasse Kaffee, frischem Obst und einem Blick auf den Tafelberg hatte der Tag begonnen. Und nun geht es im klimatisierten Bus ins Township Langa, das sich am nordöstlichen Stadtrand erstreckt.

Auch Millionäre soll es in den Townships geben

Durch die Cape Flats, ehemaliges Ödland, das den Schwarzen nach ihrer Vertreibung aus zentraler gelegenen Vierteln wie dem District Six zugewiesen wurde, führt zum Teil auch die Schnellstraße N2. Sie schlägt eine Schneise durch die endlos scheinende Aneinanderreihung von armseligen Bretterverschlägen - den so genannten Squatter Camps. Wer diesen Anblick zum ersten Mal erfährt, macht sich für den weiteren Verlauf auf einiges gefasst.

"Township ist aber nicht gleichbedeutend mit Wellblechhütte", erklärt der aus Namibia stammende Fremdenführer Gerhard. In den Townships, die eine Art Stadt in oder vor der eigentlichen Stadt darstellen, gibt es wiederum Viertel, die vergleichsweise wohlhabend wirken: Hier stehen kleine, gepflegte Bungalows, vor deren Türen glänzen geputzte Mittelklasse-Autos. Sogar Millionäre soll es in den Siedlungen geben. Oft bleiben sie, weil ihnen das Leben hier bekannt ist und weil sie wissen, wo sie sich gefahrlos bewegen können.

Ein Gehalt, das andere bei einem Restaurant-Besuch ausgeben

In Langa empfängt Monica in ihrem "Lelapa Home Restaurant" Gäste aus dem In- und Ausland. Als junge Frau nahm sie einen stundenlangen Arbeitsweg auf sich, um in weißen Villen für einen Lohn sauber zu machen, der gerade eben ihre Ausgaben deckte. "Eines Tages habe ich zufällig eine Rechnung gefunden: Bei einem Restaurantbesuch hatten mein Arbeitgeber und seine Frau für eine Flasche Wein und etwas Käse mehr ausgegeben, als sie mir für den ganzen Monat zahlten."

Danach entschloss sich Monica, mehr Geld zu verdienen und es anders zu verdienen. Sie holte ihren Schulabschluss nach und handelte mit Secondhand-Kleidern, bis sie 1999 schließlich ihr Restaurant eröffnete. Hier tischt sie die für Südafrika typischen Speisen auf: Fleischklößchen, Brei, Kürbis, Kraut und Salate in allen Variationen. Und weil ihre Gäste nicht nur wegen des Essens kommen, erzählt Monica gern und viel. Zwischendurch sorgen Jungs aus der Nachbarschaft für Unterhaltung: Sie spielen auf der Marimba, einem Xylophon-artigen Instrument.

Nicht ohne einheimische Begleitung

Rund 1500 Kilometer nordöstlich von Kapstadt bietet sich ein ähnliches Bild: Bei Johannesburg liegt Soweto - das South-West-Township. Hier leben zwischen dreieinhalb und vier Millionen Menschen, die genaue Zahl weiß niemand. Es gibt rund 300 Kirchen und unzählige Kleinbusse, die ein öffentliches Nahverkehrsnetz ersetzen. Mit Handzeichen signalisieren die Menschen am Straßenrand den heranrasenden klappernden Gefährten, wo sie hin wollen. Die oft dürftig zusammengeflickten Fahrzeuge bremsen dann, oder sie fahren weiter, weil sie ein anderes Ziel ansteuern.

Wie für die anderen Townships gilt auch in Soweto, dass Touristen, aber auch ortsfremde Südafrikaner, hier nicht ohne einheimische Begleitung unterwegs sein sollten. Und Wertgegenstände wie Uhren und Schmuck bleiben im Hotel-Safe. Denn angesichts von 45 Prozent Arbeitslosigkeit und tausenden Flüchtlingen aus Nigeria, Mosambik und Zimbabwe, die barfuss im Matsch vor ihren zusammengeschusterten Behausungen auf bessere Zeiten hoffen, darf sich niemand wundern, wenn ihm kurzerhand die glitzernde Kette vom Hals gerissen wird.

Thandi führt neugierige Urlauber sicher durch Soweto. Sie sitzt neben dem Fahrer und erklärt den Touristen, was es zu sehen gibt: "Dort steht das Haus von Winnie Mandela. Bischof Tutu wohnt ein Stück weiter." Auch wenn man nicht viel sehen kann, heißt es dort, wo einst Nelson Mandela sein Heim hatte, aussteigen. Und nach einigen Fotos geht es zum Mittagessen, das ebenfalls im Township eingenommen wird.

"Robby's Place" heißt ein kleines Restaurant mit gemütlicher Atmosphäre. Am Tisch im Wohnzimmer haben rund zehn Personen Platz, und von dort können die Gäste dem emsigen Treiben in Robby Letsholos Küche zusehen. Auf dem Büffet: Rippchen und süße Kartoffeln, Hühnchen und Chakalaka - ein scharfer Salat aus Bohnen, Zwiebeln und viel Curry. Dazu gibt es ein eiskaltes Bier. Nach der Mahlzeit führt Robby die Besucher stolz durch ihr Haus: Im Schlafzimmer flimmern auf einem Monitor Bilder der im Vorgarten montierten Überwachungskamera. Wer es in Südafrika auch nur zu bescheidenem Wohlstand bringt, schützt ihn.

"Something out of Nothing"

Rund 100 Kilometer nordöstlich von Johannesburg liegt die Kleinstadt Middleburg. Das Viertel Mhluzi ist über die Jahre zu einem Teil der 1866 gegründeten Stadt geworden. Am Ortseingang steigt Sarah Mahlangu in den Bus. Nicht nur wegen ihrer bunten Tracht wird sie von Einheimischen schnell erkannt. Sie genießt den Respekt einer erfolgreichen Geschäftsfrau: 1998 gründete sie das Projekt "Something out of Nothing" - Etwas aus dem Nichts. Dahinter steht die Idee, Jobs vor Ort zu schaffen und damit die Gemeinde zu stärken. Solche Aktionen sind auch zehn Jahre nach Ende der Apartheid noch ungewöhnlich und ziehen Touristen an.

Sarah Mahlangu geleitet die Besucher auch in weniger schöne Ecken von Mhluzi. Am Rand des Viertels, in einem von Unkraut überwucherten Tal, duckt sich ein Squatter Camp - hier leben illegal eingewanderte Flüchtlinge, von den örtlichen Behörden lediglich geduldet. Die Materialien für ihre Behausungen haben sie zusammengeklaubt - hier ein Stück Wellblech, dort ein Balken und noch etwas Pappe für die Wände. Auf einem klapprigen Stuhl neben dem schmalen Bett liegt die Wechselgarderobe, bestehend aus einer löchrigen Hose und einigen verwaschenen T-Shirts. Durch ein vergittertes Fenster guckt ein herbeigeeilter Fünfjähriger herein und begutachtet die Fremden. Diese treten nach einem kurzen aber freundlichen Wortwechsel mit dem Bewohner der Hütte bedrückt den Rückzug an.

Einheimische vor den Touristen schützen

Nach diesem Erlebnis vermittelt der folgende Abstecher in eine "legale" Behausung, in der es zumindest Strom gibt, fast schon Zuversicht. Der Besitzer des Zwei-Zimmer-Hauses lädt die Besucher auf ein Glas Cola ein und zeigt ihnen jede Ecke der eigenen vier Wände zu zeigen. Vor der Tür warten Kinder. Es wird schnell klar, dass eine Führung durch Ortskundige nicht nur der eigenen Sicherheit dient. Manchmal müssen auch die Einheimischen vor gutmütigen Touristen geschützt werden: Sarah Mahlangu warnt davor, neugierigen Kindern Geld oder andere Geschenke in die Hand zu drücken. "Wenn die merken, dass sie von den Besuchern regelmäßig etwas bekommen, gehen sie nicht mehr in die Schule." Und schließlich sollen sie es - auch dank einer Ausbildung - einmal besser haben.

von Sven Appel