Süden Grönlands Tausend Jahre Einsamkeit
Nuuk - Sie schwimmen mancherorts beinahe am Hotelfenster vorbei. Vor allem von März bis Juni treiben die Eisberge in großen Mengen an der Südwestküste entlang in die Fjorde hinein. Sie glitzern blau und türkis und wirken wie Theaterkulissen. Doch obwohl das Eis auf Grönland allgegenwärtig ist, erscheint zumindest der Süden grün. Der vergleichsweise üppigen Vegetation und den Wikingern unter Erik dem Roten, die sich aus Island kommend um 985 n. Chr. hier niederließen, verdankt die älteste und größte Insel der Welt ihren Namen.
Edda Lyberth hat die Wikingertracht angelegt. Die Fremdenführerin präsentiert das Erbe der Nordländer in Qassiarsuk, als wäre sie selbst dabei gewesen. Sie läutet die Glocke von Brattahlid, residiert in Eriks Langhaus, einer Nachbildung versteht sich, und erzählt lebhaft Tjodhilds Geschichte. Die Wikingerfrauen hatten damals durchaus etwas zu sagen, wie ihre Schlüsselgewalt über die Vorräte zeigt.
Eriks Frau Tjodhild, die sich schon im Jahr 1000 zum Christentum bekannt hatte, soll ihren Mann bekehrt haben, indem sie ihm das Bett verweigerte, solange er Heide blieb. Edda Lyberth führt zu Tjodhilds Kirche. Sie ist neueren Datums und erstrahlt im Inneren in den typischen Farben Gelb, Blau und Weiß - symbolisch für Sonne, Eis und Meer.
Tiefer Respekt vor der Natur
Nur wenige Schritte weiter sind die Ruinen des alten Gotteshauses aus der Wikingerzeit noch zu sehen. Die Inuit, Grönlands Urbevölkerung, wurden erst im 18. Jahrhundert durch Hans Egede zum Christentum bekehrt. Der aus vielen Kreuzworträtseln bekannte norwegische evangelische Missionar gründete Godthab, Gute Hoffnung, die heutige Hauptstadt Nuuk.
Auch Edda Lyberth kam an einem sonnigen Tag aus Island. Das war vor 25 Jahren. Dann vergaß sie, wieder wegzugehen, wie sie sagt. Man wisse hier nie, was kommt. Plötzliche Wetterumschwünge könnten jede Planung zunichte machen, versucht sie das Wesen der Inuit zu erklären, das ihr längst selbst eigen ist. Man tue Dinge gleich, packe die Gelegenheit beim Schopf, plane weniger langfristig, fügt Lyberth fast entschuldigend hinzu. "Immaqa" sei eines der wichtigsten Worte, die es hier zu lernen gelte, wo das Wetter und die Natur das Leben regelten. Es heißt "vielleicht". Nicht von ungefähr leben die Inuit in tiefem Respekt vor der Natur.
Wachsende Touristenzahlen vor allem von Naturliebhabern, Abenteurern und Kreuzfahrtpassagieren haben es der Fremdenführerin mit Passion vermutlich leicht gemacht zu bleiben. Viele Gäste beginnen ihre Tagestouren oder mehrtägigen Wanderungen in Narsarsuaq. Der Name bedeutet "große Ebene", in dem 160-Einwohner-Ort befindet sich Grönlands zweitgrößter internationaler Flughafen. Die Bootsfahrt nach Qassiarsuk dauert nur 20 Minuten. Sie führt über den Tunulliarfik, den Waldfjord, benannt nach dem reichen Baumbestand, den es hier vor 1000 Jahren gegeben haben soll.
Wandern in der Einöde
Naturfreunde und Aktivsportler haben die Vorteile Grönlands längst erkannt. Die Luft hier ist so klar, dass man nicht nur weit sieht, sondern auch weit hört, bestätigt Edda. Überall wohltuende Stille, allenfalls Möwengekreisch oder Hundegekläff. Man kann tagelang wandern, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Eher stößt man auf Schafe, denn Schafzucht ist neben Fischfang einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes.
Ein Denkmal zeigt den Dorfgründer von Qassiarsuk, Otto Frederiksen. Er ließ sich 1924 hier mit Frau und vier Kindern als Schafzüchter nieder, woraus sich eine der größten Zuchtstationen des Landes entwickelte. Aber es bleibt das Land Eriks des Roten. An dessen erste Landung und seine Niederlassung Brattahlid, "steiler Hang", erinnert ein Gedenkstein neben der Jugendherberge. "Die Nachkommen der Siedler, die mit ihm kamen, blieben rund 500 Jahre. Dann verschwanden sie plötzlich", berichtet Edda geheimnisvoll. Die Spekulationen über die Gründe reichen bis zum Klimawandel.
Das Thema Erderwärmung, meint Edda Lyberth, wäre nichts Neues, nur wüssten wir jetzt mehr darüber. Grönlands Gärtner und Bauern profitierten davon. Nur drei Wochen Saisonverlängerung brächten mehr Ernte, mehr Geld, mehr Wohlstand. Viele sähen darin wie auch im Tourismus eine neue Chance.
Über 40 Ruinen aus der Wikingerzeit wurden ausgegraben. Wanderwege zu weiteren Ruinenplätzen der Nordländer wie der Hvalsey-Kirche ziehen sich durch die grüne Landschaft an malerischen Seen vorbei. Vom 823 Meter hohen Nuuluk, der südlich des Dorfes Igaliku aufragt, hat man einen schönen Blick über den Ort, die Qaqortoq-Halbinsel und den Fjord. Nach Igaliku fährt das Boot von Narsarsuaq über den Fjord zwischen den Eisbergen hindurch knapp eine Stunde. Heute ist der reiche Bischofssitz von 1126 mit Lagerhäusern und Domkirche ein Bilderbuchdorf.
Auch Narsaq, was "Ebene" bedeutet, ist durch seine zentrale Lage an einem riesigen Fjordsystem ein guter Ausgangspunkt für eine Rundreise durch Südgrönland. Große grüne Flächen umschließen den Ort mit dem alten Hafen und Häusern aus der Kolonialzeit. Und wegen der kaum 50 Kilometer nördlich gelegenen Gletscher, deren Besuch sich keiner entgehen lässt, reißt das Panorama der schwimmenden Eisskulpturen nie ab.