Südfrankreich Simenons Goldinseln
Porquerolles - "Ein Stück Paradies auf Erden", so schwärmte der Vater des Kommissars Maigret von dem idyllischen Insel-Trio. Doch nicht nur der belgische Schriftsteller Georges Simenon wähnte sich "in den Tropen", sobald er mit dem Boot auf einer der Inseln angekommen war, die sich wie eine kleine Perlenkette vor der südfranzösischen Küste aneinander reihen. Schon die Piraten liebten die Îles d'Hyères, einst Goldinseln genannt, allerdings vor allem wegen der verborgenen, Schutz bietenden Buchten.
Lange ein Geheimtipp verwöhnter Reisender, drohen Porquerolles, Port-Cros und Levant inzwischen zwar ein Opfer ihrer faszinierenden mediterranen Fauna und Flora und des einstigen Rufs der "Abgeschiedenheit" zu werden. Ein kleines Paradies aber bleiben sie. Auch die Zugvögel machen hier auf dem Weg nach Afrika letzte Station.
Die spitzen Felsen ähneln in ihrem rötlichen Ton stark dem Esterelgebirge an der Côte d'Azur. Jedem Wind und Wetter ausgesetzte Forts und Festungen sind von Pinienwäldern umkränzt. Dazu kommen die in der milden Sonne glitzernden Buchten und das an die Karibik oder zumindest an Korsika erinnernde Farbenspiel des glasklaren Wassers.
Sieben Kilometer langes Croissant
Weil im Sommer der Rummel riesig ist, bietet sich der Herbst für einen Abstecher in das Paradies des Georges Simenon an. Porquerolles, die größte der drei Inseln, lässt sich problemlos per Mountainbike erobern. Auf der wie ein Croissant geformten Hauptinsel, sieben Kilometer lang und zweieinhalb breit, verkehren praktisch nur Autos der gerade mal acht Hotels sowie der 350 Insulaner, die das Privileg haben, ständig hier zu leben. Zudem kurven noch Allradfahrzeuge des Naturkonservatoriums durch die Gegend, im Dienst der in einem Park gepflegten seltenen und mediterranen Pflanzen. Wer sonst zum Leuchtturm im Süden will oder zu dem schroffen Cap des Mèdes im Osten, der radelt.
"Hierher kommt man nicht zum Shopping und auch nicht, um gesehen zu werden", erzählt eine Teilzeit-Insulanerin von Porquerolles. "Man kommt, um eine Weile fern der Welt zu sein." Das aber geht natürlich nicht so gut im Sommer, wenn die aus allen möglichen Festlandhäfen die Insel ansteuernden "Vedettes" täglich Tausende von Tagestouristen ausspucken. "Diesen Flecken möchte man mit anderen teilen, so schön ist er, und gleichzeitig ganz für sich behalten", sagt dazu lachend die Porquerolles-Liebhaberin. Also schaffen sich betuchtere Kenner der Insel Refugien und schotten sich ab wie in Saint-Tropez. "Etliche Familien kommen seit Generationen hierher", erzählt Salvatore Foia, der Direktor des besten Insels-Restaurants "Mas du Langoustier". Ist dies das Sylt des Südens?
Einladend, weil anmutig und maßvoll in der Architektur, bietet sich schon der Hafen von Porquerolles im Schatten des wuchtigen Forts Sainte-Agathe dem Ankommenden dar. Bars und Restaurants wollen dazu verführen, vor der Radtour vorbei an Kiefernwäldern und Eukalyptus auf felsigem Untergrund noch rasch aufzutanken. Drei Weingüter mit insgesamt 200 Hektar Anbaufläche wetteifern um den fruchtigsten Rosé.
Konzentrierte Vielfalt bietet die Landschaft: Im Norden liegen die hübschen Strände Argent, Courtade sowie vor allem Notre-Dame, bei Luxusseglern beliebt als Ankerplatz in türkisblauem Wasser. Der Süden punktet mit steilen Felswänden und den einsamen Calanques, vom Stein der Natur umrahmte kleine Buchten, die Beschaulichkeit aufkommen lassen beim Blick gen Süden - irgendwo ist Afrika. Weiter geht es mit dem Drahtesel - vom Cap d'Arme mit dem Leuchtturm zu dem auf einer Anhöhe im Landesinneren gelegenen Semaphor, vorbei an Pferden, die Schatten unter einer riesigen Schirmpinie suchen.
Trauminsel für die Braut
Es kann nicht überraschen, dass ein so traumhaftes und dabei überschaubares Fleckchen Erde gleich zweimal als Hochzeitsgeschenk vergeben wurde. Im Jahr 1600 zur prunkvollen Heirat von Heinrich IV. mit Maria von Medici und dann 1912, als der in Mexiko reich gewordene belgische Ingenieur François-Joseph Fournier es seiner zweiten Gattin offerierte. Porquerolles sollte eine südamerikanische Hazienda sein, ein einziges großes Landgut mit exotischem Obst wie Goldorangen und Pampelmusen. Umgerechnet 15.000 Euro bezahlte Fournier für die Insel, die der französische Staat 1971 zurückkaufte, um sie vor Urbanisierung zu bewahren und die Natur der Inseln zu schützen.
So turbulent ging es auf der kleineren, östlichen Schwester nicht zu, und auch heute ist das Taucherparadies Port-Cros wilder und ungezähmter. Hier stört gar kein Auto den Wanderer, der die Hafenzeile mit der Palmenreihe hinter sich lässt und die felsige 700-Hektar-Insel, seit 1963 Nationalpark, bequem an einem Tag erobert. Mögen andere am Hafen die Flasche mit dem lachsfarbenen Rosé kreisen lassen oder den Fang des Tages - Sackbrasse, Meerbarbe und Drachenkopf - auf einem Tablett des Kochs betrachten. Der interessierte Inselbesucher geht lieber auf den vierstündigen Rundweg, um die Flora und zumindest einige der genau 114 verschiedenen Tierarten zu bewundern. Etwa die dicke Schlange, die in einem Busch direkt am Wegesrand Siesta macht.
Nackt vorm Militärgelände
Die Port-Man-Bucht mit den dümpelnden Booten führt dann zur Ostspitze. Und von dieser Pointe de Port-Man aus kann man schon einen Blick auf die Île du Levant, die "Insel des Sonnenaufgangs", werfen. Die östlichste und zweitgrößte der Îles d'Hyères ist zu neun Zehnteln militärisches Sperrgebiet und der Rest fest in der Hand von Anbetern der Freikörperkultur. Fließendes Wasser gibt es auf dieser besonders urwüchsigen Insel nicht, nur Brunnen - und Strom erst seit etwa zehn Jahren. Der Inseltreffpunkt Héliopolis ist nur ein winziges Dorf, die Schulbank drücken gerade mal sechs Schüler. Das Ambiente beschreiben FKK-ler als "cool", im Dorf ist zumindest ein Badeanzug erwünscht, auf Wanderwegen dagegen herrscht die grenzenlose Freiheit.
Am Hafen von Port-Cros haben die britischen Touristen derweil ihre Flasche mit dem Sommerwein genannten Rosé von der Domaine Persinsky auf Porquerolles geleert und warten auf den Sonnenuntergang. Zuletzt wird dann nur noch das etwas abseits über dem Hafen gelegene Fort de L'Estissac im Abendlicht erglühen. Auf dem Quai sind Taucheranzüge in Reih' und Glied aufgehängt, die ihren Unterwasserspaziergang in die so pralle Meeresflora und farbige Fauna für heute hinter sich haben.
Soll es jetzt noch eine Bouillabaisse sein, die berühmte Fischsuppe, die für 43 Euro angeboten wird? Dann muss man schon ein Zimmer in einem der Hotels gebucht haben. Für die letzte "Navette" zurück aus diesem kleinen Garten Eden in die lärmige Zivilisation ist es jedenfalls nun zu spät. Denn das Schiff hat abgelegt für eine gut halbstündige Fahrt nach Le Lavandou - nahe am Fort Brégançon, dem Sommersitz von Präsident Jacques Chirac. Wer widerstrebend an Bord gegangen ist, der muss das wohl als ein untrügliches Zeichen dafür werten, dass er wiederkommen soll. Sobald die Sehnsucht stark wird.
Hanns-Jochen Kaffsack, gms