Südindien Verdammt in alle Seligkeit
Der Swami sieht aus wie Marlon Brando in "Apocalypse Now". Kräftige Statur, markante Lippen, stechender Blick. Nur dass er kurze Haare und einen roten Bart trägt. Dann hebt der Swami den Kopf und sagt den Satz: "Wenn nur zehn Prozent der Menschheit meditieren würde, gäbe es Weltfrieden."
Der heilige Swami Sukshmananda sitzt mit verknoteten Beinen auf einer Bastmatte in einer kleinen Hütte. Er schweigt. Ein warmer, feuchter Wind weht vom arabischen Meer herüber und streicht über die Klippen von Varkala, Südindien.
Um den Swami herum hocken drei Wiener, barfuß, weiße Tücher um die Hüften geschlungen. Sie schließen die Augen, atmen tief, die Handflächen wie zu offenen Blüten entfaltet. Dann versuchen sie, sich ins Nirwana zu konzentrieren. Die Methode des Meditations-Gurus Swami Suskshmananda heißt "Mind the Gap", was so viel bedeutet wie "Erkenne die Lücke". Und das geht so:
Man schließe die Augen und versuche an nichts zu denken. Man lasse alle Gedanken chaotisch wie ein Blätterwald auf sich zurauschen, sortiere sie anschließend, bis sie in Reih und Glied und bald linear auf einen zufließen. Wenn das geschafft ist, konzentriere man sich auf die Lücken zwischen den Gedanken. Denn wem es gelingt, sich auf diese Gedankenlöcher zu besinnen und in ihnen zu verharren, der wird das Nichts erfahren. Der wird die Ewigkeit des Universums erblicken. Das Elysium. Gott.
Meditieren zum Schleuderpreis
Die Österreicher schaffen es nicht. Swami sagt, dass man lange üben müsse. Jahre. Swami muss es wissen. Er schreibt Bücher und geht auf Vortragsreisen in die USA. "Versucht es viermal täglich, irgendwann werdet ihr sehen", sagt er nach zwei Stunden Training und einer kurzen Diskussion über das Leben, über die Lästigkeit materiellen Besitzes, über des Menschen Ego, über Krieg und Frieden. Dann ist die Session vorbei.
Gut 600 Rupies, umgerechnet 11 Euro, hat die Einführung ins göttliche Nada gekostet. Meditieren zum Schleuderpreis. Dann gehen die Wiener davon. Erst mal irgendwo n Saft trinken. In einer Stunde beginnt die Ayurveda-Massage. Vielleicht hat später auch noch der Typ mit dem Abhayanga-Treatment offen. Auf jeden Fall nachher wieder runter zum Strand. Yoga machen.
Willkommen in Indien. Wiege uralter Methoden zur Körper- und Seelenreinigung. Geburtsland aller spirituellen Heilkünste. Yoga, Ayurveda, Meditation: In Indien seit jeher Teil des religiösen Alltags.
Doch vor einigen Jahren ist etwas Sonderbares passiert. Die westliche Welt hat spitz gekriegt, dass etwas dran ist an den wundersamen Weisheiten der Inder. Yoga und Co. wurden prompt zum Trend ausgerufen, und nun wollte man natürlich sehen, wie die Erfinder das alles selbst machen. Und so geschah es, dass Heerscharen nach Indien aufbrachen und der Hype ums göttliche Well-Being dorthin zurückschwappte, wo er einst herkam.
Längst ist Indien zur Wohlfühlzone deklariert. Vor allem jene palmenbestandenen Strände mit dem milden, seidigen Klima, wo inzwischen Tausende Sinnsucher den indischen Spirit atmen wollen und sich im Urlaub in Askese üben.
Goldgräberstimmung im Yoga-Land
Nun sind die Inder natürlich nicht auf den Kopf gefallen und verstehen es ganz vorzüglich, das Angebot der Nachfrage anzupassen. Von Goa bis Kerala: Unterwegs auf dem Gringo-Trail ist die halbe Südwestküste zur Wellness-Coast avanciert. Meditierende Doktor Feelgoods, selbsternannte Ayurveda-Docs und Kräuterheiler mit 20 Zentimeter langen Doktortiteln kaum eine Ecke, wo die weißen Sinnsucher nicht zu Therapien, "Aromance"-Behandlungen, Healing-Sessions, Fußmassagen und verheißungsvollen Harmonie-Treatments gelockt werden. Im Yoga-Land herrscht Goldgräberstimmung.
Es ist halb sieben morgens in Kovalam, einem Strandort im Süden Keralas. Die Ersten grüßen die Sonne und biegen sich einbeinig auf Handtüchern stehend in Form. Beach-Yoga macht hier praktisch jeder. Spätestens um acht klingen Sitartöne mit Trance-Ambiente aus den Cafés, während der Himmel langsam vom Morgenrot in ein strahlendes Blau übergeht.
Kovalam ist so eine Art Klein-Rimini für Entspannungs-Freaks. Überall sitzen Inder vor ihren Hütten, verkaufen Kräuter, Öle, Tinkturen und wohlriechende Baumrinden. Body-and-Soul-Therapien, Verjüngungskuren, Pancha-Karma-Kurse und Besinnungs-Packages: Kovalam ist zugekleistert mit Indiens derzeit heißestem Exportprogramm Relaxen, Peace und Wohlsein bis zum Umkippen.
Aus einem Wellblechverschlag kommt prompt ein Mann geschossen: Dr. K. med. Sadasivan, M.A., Phd., Ayurvedic Director. So steht es auf seiner Karte. "Come, please come", sagt er und winkt die Kundschaft heran. Der Doktor trägt Lederlatschen und Hüft-Lunghi und hat nichts Geringeres zu bieten als eine waschechte Lebensverlängerung.
"Erleuchtung und Full-Moon-Zelebrierung"
Zehn Meter weiter, eben noch einem Baum dösend, erwacht jetzt auch Dr. C. Lazer, "Ayurvedic Healer". Und sein Angebot kann man nicht ausschlagen. Auf dem Schild steht: Zwei Stunden Ayurveda-Marma-Treatment für sagenhafte vier Euro!
Lazer bugsiert die Patienten in seine Praxis, ein Holzhäuschen, in dem Regale kippeln mit eingelegten Wurzeln, Korianderknollen und Mandelholzrinden. Daneben hängen das Porträt von Jesus Christus und verblichene Diplome an der Wand. Und dann gehts ab auf die Pritsche unter einen ächzenden Ventilator. Mußevoll reibt der alte Lazer seinen Kunden mit roter Masse ein. Knetet ihn durch, hämmert auf ihn ein, streicht über die 108 Energiepunkte des Körpers und pflügt über Arme, Brust und Stirn.
Auf halber Strecke durch die Behandlung schickt der gute Lazer plötzlich einen kapitalen Rülpser in die Praxis. Bäuerchen sind in Indien so üblich wie in China das Ausspucken auf offener Straße. Alles ganz normal hier.
Zum Schluss drückt der Doc seinem Patienten noch einen Flyer in die Hand. Ein Abgesandter des berühmten Gurus Osho aus Poona weile im Ort. "Erleuchtung durch Diskussionsrunden, Meditation und Full-Moon-Zelebrierungen, heute Abend am Lighthouse Beach", steht da. Die Wiener hatten das auch schon mitgekriegt. Zwei Stunden Mitdiskutieren und anschließend senkrecht ins New-Age-Nirwana hoch schießen.
Herrliches Indien. Über 500 Kilometer zieht sich die Küste von Keralas Süden nach Norden. Eine Küste deren Orte magische Namen tragen. Trivandrum, Calicut, Mangalore. Wasserbüffel grasen, Bauern trocknen Reis auf den Straßen, Pilger marschieren mit ihren Opfersäckeln über die Felder. In Kochi wird es plötzlich hektisch. Flussdampfer liegen an schmatzenden Piers, Höker schreien, Betelnussverkäufer schieben mit Karren durchs Wirrwarr.
"Please! No yoga!"
Oben in Kannur steht Mister Santosh unter einer Palme, ein junger, ernsthafter Mann. Er isst nur Obst und trinkt nur Wasser. Er tut das, seitdem er denken kann, und genau so sieht er aus. Schlank, fettlos, schnörkellos. Natürlich macht auch Santosh Yoga, aber er ist kein Doktor, kein holistischer Herbal-Papst, kein Heile-Welt-Prediger. Ganz simpel: Er macht Gymnastik und verlangt ganze drei Euro für eine Stunde Unterricht auf dem flachen Dach seiner Hütte.
Der Mann ist gelenkig wie eine Sprungfeder. Spannt und faltet sich in die unmöglichsten Positionen. Beine hinterm Nacken, die Arme senkrecht aus dem Menschenknäuel staksend, steht Santosh auf seinem Dach nicht auf Füßen, sondern kopfüber auf seinen Händen. Und weil verrostete Büromenschen so etwas nie mehr schaffen werden, lehrt Santosh etwas anderes: die Kunst des schlichten Atmens. Ruhig und tief und lange, bis man nicht bei Gott, aber womöglich ein wenig bei sich selbst landet.
Doch dann kommt, was kommen muss. Ramudhu Kuduvasi, ein über beide Ohren beladener Nippeshöker, poltert heran, vor sich ein Karren, der vor Seifen, Kräutern, bimmelnden Feuerzeugen und potenzsteigernden Krähenfüßen nur so birst. Der Gute ist zäher als jede kongolesische Tsetsefliege und hat sogar Kartenspiele dabei mit Yogastellungen drauf. Oder wie wärs mit einer Powder-Kizhi-Lotion? Mit einer Raubkopie von "Kill Bill" oder wenigstens ein paar Räucherstäbchen?
Nein! Nein! Nein! Dann doch lieber das T-Shirt, das da oben am Drahtbügel baumelt. Darauf steht: "Please! No rikschas, no ayurverda, no meditation, no yoga, no treatment, no nothing!"
Ach, Indien. Friede sei mit dir.