Südkanada Pow Wow auf Manitous Insel
Die Turnhalle im Reservat Wikwemikong ist rappelvoll. Ein Pow Wow findet statt. An den Spielfeldrändern stehen Männer, Frauen und Kinder. In der Mitte sitzen Männer um riesige Trommeln. Das sind die besten Trommel- und Gesangsgruppen der Insel, erklärt Matthew Owl. Auf ein Zeichen des Conférenciers legen sie los. Erbarmungslos traktieren sie die Felle, im wummernden Viervierteltakt, den man von den alten Pferdeopern aus Hollywood her kennt. Die Hosenbeine vibrieren. Und dann, nach dem ersten Schreck, verschießen die Kehlen der Trommler plötzlich Töne, die das Zwerchfell fast zerreißen. Heja, heja, bevor die Weißen kamen, flossen diese Klänge von Küste zu Küste, heja, durch die Wälder und über die endlosen Weiten der Seen und Prärien. Hier werden sie für indianische Korea-Veteranen zum Besten gegeben.
Stolz kommen die alten Herren herein, gebrechlich die meisten und manche im Rollstuhl, aber viele noch rüstig genug, um "bella figura" zu machen. Viel Zeit haben sie aufgebracht, um sich in Schale zu werfen. Das ergraute Haar offen und mit Federn geschmückt, tanzen sie mit ernster Miene in perlenbestickten Lederleggins und prächtigen Federmänteln um die Trommler. Dann kommen die Krieger. Junge, lanzenschwingende Steher, die sich wild im Kreis drehen und Scheinattacken gegen die Zuschauer fahren. Ein unter die Haut gehendes Spektakel - und ganz ohne Touristen.
Matthew Owl ist zufrieden. Die Gäste aus Deutschland sind zutiefst beeindruckt. Owl arbeitet für den Great Spirit Circle Trail (GSCT). Unter diesem Namen werben 34 hiesige indianische Tourismusunternehmen - Hotels, B&B's, Tourveranstalter - für Urlaub auf der "Insel des Großen Geistes". So heißt Manitoulin Island in der kanadischen Provinz Ontario bei den 5000 hier lebenden Ojibwe, Odawa und Potawatomi. Sie selbst nennen sich zusammen Anishnabe. Manitou habe, sagen sie, sich hier niedergelassen, nachdem er die Welt erschaffen hatte. In der Tat hätte sich der Schöpfer keinen besseren Ruhesitz aussuchen können. Die endlosen Wälder, durch die Schwarzbären und Wölfe streifen, sind sattgrün, die Wasser des Lake Huron und der Georgian Bay tiefblau. Die Schären im Insellabyrinth des North Channel leuchten abends rot, und die dahinter aufsteigenden LaCloche Mountains schimmern weiß. Ein Paradies auch für Outdoor-Fanatiker. Hätte Karl May damals schon Regie führen können, er hätte "Winnetou" wohl hier gedreht.
Der Great Spirit Circle Trail (GSCT) hat die touristischen Angebote seiner Mitglieder gebündelt und marktfähig gemacht. Oberstes Ziel ist es, Arbeitsplätze zu schaffen und mit alten Hollywood-Klischees aufzuräumen. Owl: "Wir sind erdverbundene Menschen, die die einfachen Freuden des Lebens genießen." An diesen kann der Gast nun teilnehmen. Er kann mit Ojibwe-Jägern auf die Pirsch gehen und mit Fischern auf den Lake Huron hinausfahren. Er kann die Nächte in bequemen Hütten auf unbewohnten Schären verbringen, nachts im Tipi die Sterne zählen und mehrtägige Hikes auf alten Indianer-Routen unternehmen. Die Kanu-Wanderungen auf den historischen Routen der Montréaler Pelzhändler sind ein Genuss. Er darf auch an Zeremonien und Festivitäten teilnehmen. Das dies "auf die sanfte Tour" geschieht, dafür verbürgt sich der GSCT. Was gezeigt werden darf und was nicht, wurde zuvor mit den Ältesten und Stammesräten abgesprochen. Die kulturelle Integrität der Stämme soll unversehrt bleiben.
Abends erzählt man Geschichten. Am Lagerfeuer. Auf Manitoulin Island sagt man, am Lagerfeuer entstünden die schönsten Freundschaften. Ein steinalter Storyteller erzählt deftige Geschichten aus dem Holzfällercamp, in dem er als junger Mann schuftete. Owl erzählt, wie eine Bärenhatz beinahe ins Auge ging. Ein paar Stammesälteste tauchen auf und setzen sich wortlos dazu. Sie wollen sich die Gäste aus Deutschland anschauen. Später fährt ein Pick-up-Truck vor, ein halbes Dutzend junger Männer springt herunter. Darunter sind ein paar der Tänzer vom Pow Wow. Man lernt sich kennen. Hollywood landet im Feuer.